13. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2013 | 27. Heshvan 5774

Mame-Loschn zwischen Rhein und Oder

Der Standort Deutschland ist Teil der weltweiten Jiddisch-Renaissance

Von Heinz-Peter Katlewski

Die jiddische Sprache kämpft, wie man weiß, mit existenziellen Problemen. Die Zahl der Muttersprachler geht ständig zurück und wird heute auf anderthalb Millionen geschätzt. Immer weniger Bücher und Zeitungen erscheinen in der Sprache, in der einst Giganten der Weltliteratur wie Scholem Alejchem oder Jitzchak Bashevis-Singer ihre Werke schufen. Und nur noch ganz wenige Kinder – meistens aus ultraorthodoxen Familien in Israel, den USA und in minimalem Umfang in Europa – wachsen mit Jiddisch als Muttersprache auf.
Zugleich aber nimmt das Interesse junger Juden an der Sprache ihrer Großeltern oder Urgroßeltern in vielen Ländern zu. An israelischen und amerikanischen Universitäten sind Jiddisch-Kurse beliebt. Zu den Hochburgen des Interesses an Jiddisch gehört aber auch der Standort Deutschland, wobei die meisten Jiddisch-Liebhaber hierzulande keine Juden sind. Das ist nur scheinbar paradox. Auf der einen Seite ist die Zahl jüdischer Bewohner in der Bundesrepublik im Vergleich zur Gesamtbevölkerung nicht allzu groß – auch wenn in Deutschland die fünftgrößte jüdische Gemeinschaft Europas zu Hause ist. Auf der anderen Seite bietet das Deutsche unter allen Sprachen der Welt den besten Zugang zum Jiddisch-Studium – egal, welcher Religion der Schüler zugehört. Rund 80 Prozent des jiddischen Wortschatzes stammen aus dem Deutschen, während der Rest hauptsächlich hebräischer, aramäischer, polnischer oder russischer Provenienz ist.
Umgekehrt haben Redewendungen und einzelne Begriffe aus dem Jiddischen ins Deutsche Einzug gehalten. „Hals- und Beinbruch“ ist kein Fluch, sondern ein Segen und stammt vom hebräisch-jiddischen „hatzloche un broche“ (Erfolg und Segen). Und wer „Massel“ hatte, verwendet das hebräisch-jiddische Wort für Glück – aber wer denkt daran wohl? Auch die „Pleite“, der „Reibach“, der berlinerische Superlativ „dufte“ und das heimliche „Techtelmechtel“ sind jiddischen Ursprungs.
Um das akademische Interesse an der Sprache zu befriedigen, sind in der Bundesrepublik zwei Lehrstühle für Jiddistik – in Düsseldorf und in Trier – tätig. Seit 16 Jahren kommen Jiddisch-Forscher aus aller Welt mal nach Trier, mal nach Düsseldorf, um auf den alljährlichen Jiddisch-Symposien ihre wissenschaftlichen Arbeiten und Ergebnisse vorzustellen. Im Oktober 2013 war Trier an der Reihe.
Beide Lehrstühle sind von der Alt-Germanistik geprägt und gelten als sprachwissenschaftlich besonders kompetent. In Trier liegt das Schwergewicht eher auf der Sprachgeschichte und dem Westjiddischen, einem Dialekt, der vor allem in West- und Mitteleuropa verbreitet war. In Düsseldorf steht dagegen das heute noch häufig gesprochene Ostjiddisch im Vordergrund. Jiddisch-Kurse werden zudem an einem Dutzend weiterer deutscher Universitäten und Hochschulen angeboten und zusätzlich an einigen Volkshochschulen. Auch diese Kurse wecken vorwiegend Interesse bei Nichtjuden.
Neben Liebhabern jiddischer Literatur sind es Studenten der Jüdischen Studien und der Judaistik sowie der Kulturwissenschaft oder der Germanistik, die sich in jiddische Belletristik, Zeitschriften, Briefe und Tagebücher vertiefen. Die Gründe dafür werden gern als eine Art Liebesgeschichte geschildert. Der Tübinger Literaturwissenschaftler Rafael Balling kam über Spanisch, Ladino und Hebrä­isch zum Jiddischen und begeisterte sich nach anfänglicher Skepsis für die jiddische Literatur. Andreas Lehnertz, auch er Teilnehmer der Jiddisch-Tagung in Trier, hatte sich eigentlich für die Sprachen des Nahen und Mittleren Ostens interessiert. Vom Persischen führte sein Weg eher zufällig zum Jiddischen, weil es mit hebräischen Schriftzeichen geschrieben wird. Auch er verliebte sich schließlich in die Sprache. Die gebürtige Berlinerin Anya Quilitzsch fand in den USA Anlass, die Sprache zu lernen, und spricht sie mittlerweile, als hätte sie nie eine andere gekannt. Heute ist sie an der amerikanischen Universität Bloomington Koordinatorin eines sprachwissenschaftlichen Forschungsprojektes mit jiddischen Muttersprachlern in Osteuropa und hat dort auch an Feldforschungen teilgenommen.
Wie viele Juden in Deutschland Jiddisch noch beherrschen, ist unbekannt. Es werden nur wenige sein, ist die Düsseldorfer Jiddistik-Professorin Marion Aptroot überzeugt. In den späten neunziger Jahren, erinnert sie sich, seien durchaus häufiger ältere jüdische Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion in ihre Lehrveranstaltungen gekommen. An eine Gaststudentin erinnert sie sich noch gut, eine ehemalige Lehrerin: Sie war als junges Mädchen in Weißrussland einige Jahre lang in eine jiddischsprachige Schule gegangen. Irgendwann in den dreißiger Jahren waren diese Schulen aber geschlossen worden.
Heute lernen zwar gelegentlich auch jüdische Studenten die alte Sprache der Aschkenasim, aber sie wurde ihnen in der Regel nicht mehr an der Wiege gesungen. Selbst bei dem Lehrstuhlinhaber für Jiddistik an der Universität Trier, Professor Simon Neuberg, war das so. Geboren in Casablanca und aufgewachsen in einem Dorf in der französischen Provinz wurde bei ihm daheim nur Französisch gesprochen. Als ihm sein Vater dann ein erstes jiddisches Buch lieh, war er begeistert davon und schrieb den Text vollständig ab, um ihn für sich zu haben. Das wurde für ihn zum Auslöser für ein vertieftes Interesse. Es mündete schließlich in eine Universitätskarriere. Für seine drei Kinder aber ist Jiddisch nun das Mame-Loschn. Er spricht mit ihnen nur Jiddisch. Im Unterschied zu ihrem Trierer Kollegen hatte Marion Aptroot schon über die Familie eine Beziehung zur jiddischen Sprache. Das wurde aber erst bedeutend, als sie im Studium ihr Sprachtalent nutzte und sich Jiddisch neben weiteren Sprachen aneignete und studierte.
„Manche glauben, nach der Kata­strophe des 20. Jahrhunderts von einer Renaissance des Jiddischen reden zu können“, kommt es Simon Neuberg im Gespräch in den Sinn. „Vielleicht voreilig“, meint er. Trotz aller Probleme sei die Sprache aber lebendiger, als man denke. „Wir werden ihr Ende“, sagt Neuberg, „sicher nicht erleben.“