13. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2013 | 27. Heshvan 5774

Der dritte Weg

Konservatives Judentum strebt größere Rolle in Deutschland an

Von Brigitte Jähnigen

Wenn am 17. November 2013 das Zacharias Frankel College für die Ausbildung von konservativen Rabbinern an der Universität Potsdam eröffnet wird, wird damit nicht nur an den Namensgeber erinnert. Rabbiner Frankel (1801–1875) hatte im 19. Jahrhundert mit der Eröffnung des Jüdisch-theologischen Seminars in Breslau die Grundlage für ein „positiv-historisches“ Judentum gelegt (siehe „Zukunft“ 9/2013). Es sollte die Erkenntnisse der Aufklärung und den Lebensstil der Moderne versöhnen mit den Bräuchen, Werten und Gesetzen der jüdischen Tradition. Weniger reformbereit als das damalige liberale Judentum, aber reformwilliger als die Orthodoxie nannte sich diese Strömung in Deutschland bald „konservativ“. Ihre größte Anhängerschaft hat sie heute in Nordamerika.
Es ist deshalb auch kein Wunder, dass das Rabbinerseminar der in Los Angeles ansässigen American Jewish University mit dem Zacharias Frankel College eine deutsche Dependance an der Potsdamer Universität etabliert. In der „Ständigen Studienkommission für das jüdisch-geistliche Amt“ will das neue College künftig gemeinsam mit dem liberalen Abraham Geiger Kolleg das wissenschaftliche Studium am „Institut für Jüdische Theologie/School of Jewish Theology“ der Universität planen. Außerdem wird das Zacharias Frankel College die praktische Ausbildung seiner Rabbinerstudenten organisieren.
Das konservative Judentum ist in Deutschland keine unbekannte Größe mehr. 2002 ist diese Strömung mit „Masorti e.V. – Verein zur Förderung der jüdischen Bildung und des jüdischen Lebens“ erstmals auf den Plan getreten. Masorti bedeutet im Hebräischen „traditionell“. Außerhalb Nordamerikas ist der Begriff die offizielle Bezeichnung für Gemeinden, die zum internationalen Zusammenschluss „Masorti Olami“ gehören. Einer der Vertreter dieser Bewegung in Deutschland ist Dr. Daniel Katz, zugleich Rabbiner in der Synagoge Weiden. So wie andere nicht-orthodoxe Rabbiner gehört er der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) an.
Auch Rabbinerin Gesa S. Ederberg ist Mitglied der ARK. Sie ist heute die Rabbinerin für die egalitäre Masorti-Synagoge in der Oranienburger Straße. „Wir sind offen für religiös gemischte Familien und für Kinder jüdischer Väter“, sagt sie. Der Gottesdienst sei dem orthodoxen ähnlich, mit hebräischer Liturgie und mit Gesängen ohne Instrumentalbegleitung. Männer und Frauen seien aber gleichberechtigt. Vor elf Jahren hat Ederberg den Verein in Deutschland gegründet und damit eine weitere Stimme unter dem Dach der jüdischen Einheitsgemeinde zur Geltung gebracht. 2004 hat sie dann in Berlin den ersten Masorti-Kindergarten gegründet. „Innerjüdische Vielfalt sehe ich als etwas sehr Positives“, erklärt sie. Das Judentum sei schon immer vielstimmig gewesen.
Mirjam Rosengarten ist Gabbait in Rabbinerin Ederbergs Synagoge. 1980 kam die Hebräisch-Lehrerin mit ihrer Familie von Israel nach Deutschland. Und irgendwann suchte sie eine Synagoge, in der sie sich wohlfühlen konnte. „Rabbiner in Reformgemeinden haben die Neigung, alles zu vereinfachen“, findet sie, „das war nichts für mich.“ Ihre Rolle als Gabbait versteht sie als „Brücke von der Synagoge zur Gemeinde“. Sie habe auch zu organisieren, wer im Gottesdienst welche Abschnitte aus der Tora lese. Ein Blick in den aktuellen Kalender zeigt: Es sind vor allem Frauen, die das tun. „Frauen sind sehr aktiv bei uns, sie treiben die Masorti-Bewegung voran“, sagt die 70-Jährige.
„Masorti sucht den mittleren Weg zwischen der äußersten Orthodoxie und dem Reformjudentum“, beschreibt Rabbiner Katz den Platz dieser Strömung. Die Tradition werde gewahrt; das Judentum sei aber immer ein Gespräch zwischen der Vergangenheit und der Zukunft gewesen. „So wird die Verbindung zu allen Juden in der Vergangenheit gehalten und die in die Zukunft geschaffen“, ist er überzeugt. Doch mit dem Fortschreiten der Zeit gebe es auch Veränderungen. Seit 1985 werden im Konservativen Judentum auch Frauen zu Rabbinerinnen ordiniert. Das wird auch für das deutsche Zacharias Frankel College gelten. „Wir wollen Frauen nicht diskriminieren“, sagt Katz. „In unserer Synagoge in Weiden tragen sie Tallitot und sind zum Lesen aus der Tora zugelassen.“ Außerdem, ergänzt der Rabbiner, seien in Weiden beide Gabbaim weiblich.
Im Unterschied zum Progressiven Judentum ist für die konservative Masorti-Richtung die Halacha bindend. Es wird deshalb auch religionsgesetzlich begründet, warum es Rabbinerinnen geben darf und wann es erlaubt sein kann, am Schabbat mit dem Auto zur Synagoge zu fahren. „Masorti fördert den lebendigen halachischen Prozess“, argumentiert Rabbinerin Ederberg. Neben der Einhaltung traditioneller Werte wie Schabbat und Kaschrut nehme die halachische Debatte auch aktuelle Herausforderungen in den Blick, etwa den Umgang mit neuen Medien, ökologische Verantwortung oder soziale Gerechtigkeit.
Als traditionell, konservativ oder sogar Masorti beschreiben auch andere Gruppen und Gemeinden ihren Standort. Die Berliner Synagogen Fränkelufer und Rykestraße zum Beispiel nennen sich beide konservativ und grenzen sich damit ausdrücklich von den orthodox geführten ab. Sie sind aber nicht egalitär und nicht Mitglied von Masorti. „Interessant ist, dass junge Leute auch in Berlin ihr jüdisches Leben traditionell wünschen“, sagt Dr. Hermann Simon, Direktor der „Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“ und Beter in der Rykestraße. Sie kämen verstärkt zu dieser traditionellen Synagoge, ohne streng orthodox zu sein. Gerade deshalb fühlten sie sich hier wohl. Simon würde sich wünschen, wenn in seiner Synagoge, in der er 1962 Bar-Mizwa geworden ist, „endlich Frauen und Männer zusammensitzen“. Seinen Wunsch sieht er aber im Augenblick in weite Ferne gerückt.
„Derzeit gibt es in Deutschland drei anerkannte Masorti-Gemeinden“, betont Rabbiner Katz: die Jüdische Gemeinde Weiden in der Oberpfalz, die Jüdische Gemeinde Oldenburg und die Synagoge Oranienburger Straße der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

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Der wichtigste Standort der konservativen Strömung des Judentums sind die Vereinigten Staaten. Dort wird die Mitgliederzahl konservativer Gemeinden mit rund einer Million beziffert. In Israel gehören rund 50.000 Menschen den insgesamt rund 60 Masorti-Gemeinden an. Bei einer jüdischen Bevölkerung von sechs Millionen ist das keine überwältigende Zahl, doch muss bedacht werden, dass nicht-orthodoxe Strömungen vom Staat nicht gefördert werden.
In Europa erkennt die Masorti-Bewegung 30 Gemeinden an, 14 davon in Großbritannien, 5 in Frankreich, jeweils 3 in Deutschland und Spanien sowie je 1 in den Niederlanden, Portugal, Schweden, Ungarn und der Tschechischen Republik. Einige konservative Gemeinden gibt es auch in Asien, Afrika und Australien.