13. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2013 | 27. Heshvan 5774

Prinzipientreu

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Nürnbergs, Arno Hamburger, war eine prägende Gestalt des jüdischen Lebens

Am 26. September ist Arno Hamburger, der langjährige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, im Alter von 90 Jahren verstorben. Hamburger war in mehr als nur einer Hinsicht eine prägende Gestalt im jüdischen Leben – nicht nur in Nürnberg, sondern auch über die Stadt hinaus.
Hamburger wurde 1923 in Nürnberg geboren und wuchs dort auf. Im August 1939 – buchstäblich in letzter Minute – verließ er Deutschland und schlug sich nach Israel durch. 1941 trat er in die britischen Streitkräfte ein und kam als britischer Soldat nach Deutschland zurück. Hier musste er feststellen, dass mehrere seiner Familienangehörigen von den Nazis ermordet worden waren. Dennoch entschloss er sich, in Deutschland zu bleiben – allerdings nicht als passiver Zeitzeuge, sondern als ein Aktiver, der sich für die jüdische Gemeinde ebenso wie für die deutsche Demokratie engagierte. Politisch war seine Heimat die SPD.
Der jüdischen Gemeinde in Nürnberg stand er bis zu seinem Tod 40 Jahre vor. „Es gibt wenige Menschen, die so viel für unsere Gemeinde getan haben wie Arno Hamburger“, erinnert sich Sala Oksman an ihren engen Freund, mit dem sie zwölf Jahre im Vorstand saß. „Allein die Integration der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion – er hat sich um jeden gekümmert und bei den ersten Familien sogar Wohnungen organisiert. Und im Büro war er spätestens um acht Uhr.“
Der Zuzug aus der Ex-UdSSR war eine der größten Herausforderungen, denen sich „der Chef“, wie Hamburger meist respektvoll genannt wurde, als Gemeindevorsitzender stellte. Bis 1990 hatte die Gemeinde etwa 270 Mitglieder, inzwischen zählt sie mehr als 2000. Beim Bau des Gemeindezentrums mit Seniorenheim und Synagoge im Jahr 1984 war man noch davon ausgegangen, dass gut 100 Plätze für die Betenden reichen würden, heute stehen die Gemeindemitglieder am Versöhnungsfest bis auf die Treppe und in den Flur.
Wenn es um klare Positionen ging, war Hamburger durchaus streitlustig. Seine Gemeinde war seit Anfang der achtziger Jahre weder in den Landesverband noch in den Zentralrat der Juden in Deutschland eingebunden. Kantig und meinungsstark setzte er sich für Israel ein, stand klar gegen jeden in seinen Augen faulen Kompromiss und hielt mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Als die Israelin – zugleich aber antiisraelische Aktivistin – Felicia Langer im Jahr 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, gab Hamburger seine beiden Bundesverdienstkreuze aus Protest zurück.
Im Kampf gegen rechte Umtriebe war Hamburger unermüdlich. Zeitlebens ärgerte er sich, dass die NPD durch Steuergelder am Leben gehalten wird, und stritt für ein Verbot. Kaum eine antifaschistische Demonstration in Franken fand ohne ihn statt. Der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly, Präsident des Deutschen Städtetages, erinnert sich an seinen SPD-Stadtratskollegen als das Gewissen der Stadt, als Mahner und Antreiber bei der Aufarbeitung der braunen Geschichte Nürnbergs.
Die Straße der Menschenrechte oder das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände wären ohne ihn nicht denkbar. Als sich in Israel keine Stadt fand, die mit Nürnberg eine Städtepartnerschaft eingehen wollte, fuhr er selbst nach Israel: „Ich hab dort im Stadtrat auf den Tisch gehauen, dass die Gläser geklirrt haben, und gesagt, Freunde, das könnt ihr nicht machen – entweder mit keiner deutschen Stadt oder aber auch mit Nürnberg, die waren hier nicht schlechter als anderswo!“ Schließlich wurde die Freundschaft mit Hadera besiegelt.
Dabei konnte Hamburger Allianzen über alle Parteigrenzen hinweg schließen. Sein Freund Günther Beckstein, ehemaliger CSU-Ministerpräsident, erzählt von vielen Veranstaltungen, auf denen sie beide Reden gegen rechte Umtriebe gehalten haben. Und Beckstein lässt einen kleinen Blick ins Nähkästchen zu: „Arno Hamburger war ein Freund, der einem auch mal ganz gewaltig den Kopf waschen konnte, wenn ihm etwas nicht gepasst hat – und zwar ohne Rücksicht auf ein Amt wie Minister oder Ministerpräsident.“
Personenschutz lehnte Hamburger ab, auch wenn immer wieder Drohbriefe kamen. „Ich helfe mir selber. Wer sich fürchtet, ist auch im Bett nicht sicher.“ Mit solchen Worten bestand er fast trotzig darauf, ein ganz normales Leben zu führen. Er hatte einen Waffenschein und hätte sich auch nicht gescheut, seinen Revolver zu benutzen. Dazu ist es zum Glück nicht gekommen.

Sabine Göb/zu