13. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2013 | 27. Heshvan 5774

Im Mittelpunkt

Synagogen bleiben die wichtigste Stütze jüdischen Lebens – auch wenn das unseren Feinden nicht passt

Mitte Oktober machte in den deutschen Medien eine Nachricht die Runde, die aufhorchen lässt. In den Jahren 2008 bis 2012, so eine Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der Bundestagsabgeordneten Petra Pau (Die Linke), wurden in Deutschland mindestens 82 Anschläge auf Synagogen verübt. Das bedeutet, dass im Durchschnitt alle 22 Tage eine Synagoge beschädigt, beschmiert oder Gegenstand sonstiger Hasskriminalität wurde. Dies, wohlgemerkt, obwohl viele Synagogen von der Polizei bewacht werden. Wer weiß, wie viele Anschläge ohne solchen Schutz verübt worden wären. Und natürlich entbehrte es nicht einer gewissen Ironie, dass diese Statistik im Vorfeld bundesweiter Vorbereitungen auf den Gedenktag zur „Reichskristallnacht“ bekannt wurde.
Da ist es auch kein Trost, dass jüdische Heiligtümer Antisemiten jeglicher Couleur von jeher als Hassobjekt dienen. Bereits Seleukidenkönig Antiochus IV. vergriff sich vor fast 22 Jahrhunderten am Jerusalemer Tempel. Damals konnten unsere Vorväter, angeführt von der Hasmonäer-Familie, Jerusalem befreien und den Tempel wiedereinweihen. In Erinnerung daran feiern wir bis heute Chanukka, das in diesem Jahr am Abend des 27. November beginnt.
In den anschließenden Jahrhunderten und Jahrtausenden waren die Juden leider nicht immer so erfolgreich. Synagogen wurden auf Befehl von Herrschern, christlicher Obrigkeit oder auch islamischen Machthabern zerstört oder niedergebrannt. Der Gipfel der Zerstörungswut war der von den Nazis durchorganisierte und mit Hilfe von Tausenden williger Helfer durchgeführte Pogrom vom 9. November 1938. Das Ausmaß der „Reichskristallnacht“ war unerhört, doch darf das niemanden dazu verleiten, die heutigen Angriffe auf Synagogen als „im Vergleich“ unbedeutend zu bagatellisieren. Im Gegenteil: Wir müssen besonders sensibel sein.
Der Schutz der Synagogen bleibt eine zentrale Aufgabe im jüdischen Leben, und zwar keineswegs nur in Deutschland. Indessen wäre es ein fataler Fehler, unsere Gotteshäuser als bloße Schutzobjekte darzustellen. Gerade in Deutschland sind Synagogen unerlässliche Träger jüdischen Lebens. Sie sind der authentische Ausdruck eines lebendigen und pluralistischen Judentums, das es heute in der Bundesrepublik gibt. Weitaus mehr als Bet-Räume darstellend, bieten sie ein reichhaltiges Programm zur Bereicherung jüdischen Wissens und der Erkundung jüdischer Tradition. Sie dienen, wie es Synagogen seit Jahrtausenden tun, auch als Orte des Lernens und der Begegnung. In dieser Rolle sind sie unersetzlich. Daher ist es gut zu wissen, dass die Zahl der Sy­nagogen hierzulande zunimmt.
Synagogen sind aber auch eine wichtige Schnittstelle zwischen der jüdischen Gemeinschaft und der nichtjüdischen Umwelt. Synagogenführungen, Vorträge über das Judentum und andere Veranstaltungen, die unsere Religion nichtjüdischen Freunden und Gästen erläutern, stellen einen wichtigen Teil der Aktivitäten in Synagogen dar. Gerade in dieser Ausgabe der „Zukunft“ berichten wir über die „Lange Nacht“ in der Osnabrücker Synagoge, in der Bürger der Stadt Informationen über das Judentum bekamen – und dies ist nur eines von vielen Beispielen. Diese Begegnungen charakterisieren das Verhältnis zwischen Synagogen und der Mehrheitsgesellschaft besser als die feigen Anschläge. Es ist auch erfreulich, dass unsere Gotteshäuser zunehmend als integraler Teil des Stadtbildes begriffen werden.
Daher gilt: Trotz Anfeindungen aus einschlägigen Ecken werden die Synagogen der Mittelpunkt unserer Identität und Brücken zu unserer Umwelt bleiben. Daran sollte niemand zweifeln.

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