13. Jahrgang Nr. 9 / 27. September 2013 | 23. Tischri 5774

Heimat Bücher

Zum Tode des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki

Von Brigitte Jähnigen

Am 18. September ist der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki im Alter von 93 Jahren verstorben. Er galt als Deutschlands prominentester Literaturkenner und wurde wegen seiner Brillanz ebenso geschätzt, wie er wegen seiner scharfen Zunge gefürchtet wurde. Bei aller Subjektivität, die jeder Buchkritik innewohnt, orientierten sich doch Millionen von Lesern an Reich-Ranickis Urteilen. Allein das machte ihn zu einer Ausnahmeerscheinung in der deutschen Kulturlandschaft.

Eine Ausnahmeerscheinung war er aber auch wegen seiner Biografie, war es doch keine Selbstverständlichkeit, dass ein im polnischen Wloclawek geborener Jude und ein Holocaust-Überlebender zum deutschen „Literaturpapst“, wie er genannt wurde, aufstieg. Wie Dr. Dieter Graumann, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, nach Reich-Ranickis Tod bemerkte, habe der einst entwurzelte Überlebende des Warschauer Ghettos „so viele Menschen das Lesen gelehrt“. Zwei Generationen von Autoren und Lesern, so Dr. Graumann, seien durch den Kritiker für immer geprägt worden.

Reich-Ranickis Jugend verlief zwischen zwei Welten. Seine Mutter war eine Verehrerin der deutschen Literatur. Die Familie zog Ende der zwanziger Jahre aus Polen nach Berlin. Marcel besuchte eine deutsche Schule, fraß sich durch die Literatur wie ein „Bücherwurm“. Sein Traum, Literatur zu studieren, ging aber nicht auf. Vielmehr wurde die Familie 1938 aus Berlin nach Warschau ausgewiesen. Im Warschauer Ghetto lernte Marcel seine spätere Ehefrau Teofila Langnas kennen. Als sie heirateten, waren sie 19 Jahre jung. Später sagte er über ihr Verhältnis: „Meine Frau hat mir das Leben gerettet und ich das ihre.“

Viele Familienmitglieder von Marcel und Teofila Reich-Ranicki wurden von den Nazis ermordet. Das Ehepaar selbst konnte 1943 fliehen; Polen hielten sie versteckt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Reich-Ranicki polnischer Konsul in London. Wie für Mitarbeiter dieses Ranges in kommunistischen Regimes üblich, arbeitete er auch dem polnischen Nachrichtendienst zu und leitete Berichte über Exilpolen an die polnische Regierung weiter. In einer späten Erklärung begründete er diesen Teil seiner Biografie als eine Art Gegenleistung für sein Überleben als Jude im Holocaust.

1958 kehrte Reich-Ranicki Polen dann doch den Rücken und siedelte mit seiner Familie nach Deutschland über. Hier begann sein steiler Aufstieg zum „Literaturpapst“. Allerdings zeigten die persönlich erlittenen Traumata stets Folgen: Marcel Reich-Ranicki setzte sich nie mit dem Rücken zur Tür. Und er rasierte sich mehrmals täglich, weil unrasierte Menschen im Ghetto zuerst abtransportiert wurden.

Seine Identität war mehrschichtig. Im Gespräch mit dem Schriftsteller Günter Grass sagte er 1958: „Ich bin halber Pole, halber Deutscher und ein ganzer Jude.“ In seiner Biografie aber hieß es dann: „Nie war ich halber Pole, nie ein halber Deutscher ... – und ich war auch nie in meinem Leben ein ganzer Jude, ich bin es bis heute nicht.“ Das freilich ändert nichts an der Tatsache, dass ihn seine jüdische Herkunft mehr als alles andere geprägt hatte.

Bequem war er nie. In der mehrheitlich behäbigen Literaturkritik des Nachkriegsdeutschlands wirkte Reich-Ranickis unverblümte Sprache wie ein Stich ins Wespennest. Er sagte in seiner sehr speziellen, polternd-cholerischen Art, welche Literatur gut war und welche schlecht. Sein Credo lautete: „Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit des Kritikers.“ Sein Gesicht mit der breiten oberen Zahnlücke, sein lispelnder Sprechsound mit dem schnarrenden R wurden republikweit bekannt durch die Ausstrahlung der Literatursendung „Das Literarische Quartett“ im Zweiten Deutschen Fernsehen in den Jahren 1988 bis 2001.

In einem Interview wurde MRR – so sein Kürzel – gefragt, warum er so viel für die deutsche Literatur geleistet habe, nachdem ihm die Deutschen das Schlimmste angetan hatten? Souverän antwortete der Befragte: „Es waren nicht Thomas Mann, Heinrich Mann, Alfred Döblin und Franz Kafka, die das getan haben.“ Reich-Ranicki stellte sich als einen unpolitischen Menschen dar. Das aber war eher eine Finte, denn alle Zerwürfnisse mit Kollegen wie dem Historiker Joachim Fest, den Schriftstellern Günter Grass und Martin Walser und dem Altphilologen Walter Jens wurzelten in politischen Zusammenhängen.

Seine 1999 erschienene Biografie „Mein Leben“ wurde in 17 Sprachen übersetzt und 1,5 Millionen Mal verkauft. Es folgte eine Verfilmung. Mit seinem Leben schien sich Reich-Ranicki ausgesöhnt zu haben. Die Literatur war dem Heimatlosen Heimat geworden. Gefreut hätte ihn ein Besuch im in diesem Jahr eröffneten Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau. Nicht aussöhnen mochte sich MRR mit dem Gedanken an den Tod. In einem letzten großen Interview bekannte sich MRR im Jahre 2012 in der Zeitschrift „Focus“ zu seiner Gottlosigkeit: „Mit dem Gedanken an den Tod kann man nicht fertigwerden. Es ist völlig sinnlos und vernichtend. Die Literatur hilft vielleicht dabei, sich das unvermeidliche Ende des Lebens bewusst zu machen ... Sich mit dem Tod auszusöhnen, ist unmöglich.“