13. Jahrgang Nr. 9 / 27. September 2013 | 23. Tischri 5774

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Was deutsche Schulbücher über den jüdischen Staat und den Nahostkonflikt sagen

Dass ein Großteil deutscher Medien und nicht unbeträchtliche Teile der deutschen Öffentlichkeit gegen Israel voreingenommen sind, weiß man. Das macht die Sache nicht weniger empörend und den Kampf gegen das Meinungs-Mobbing nicht weniger erforderlich.

Wie aber ist es um das Israel-Bild in deutschen Schulbüchern bestellt? Schließlich werden Unterrichtsmaterialien mit dem Anspruch der Objektivität und der sachlichen Richtigkeit veröffentlicht. Zudem richten sie sich an junge Menschen, deren Weltbild in der Schule nachhaltig geprägt wird und die dem Unterrichtsstoff Vertrauen schenken. Dennoch gibt es Klagen, in die Klassenzimmer gelangten immer wieder Texte, die solches Vertrauen nicht verdienten.

Die „Zukunft“ hat vier Unterrichtsbücher unter die Lupe genommen, die sich mit Israel und dem Nahostkonflikt befassen. Es handelt sich, wohlgemerkt, um Veröffentlichungen seriöser, wichtiger Verlage, von denen man gründliche Recherche, präzise Darstellung und pädagogisches Wissen erwartet. Dennoch lässt sich nicht behaupten, dass alle vier Publikationen diesen Anforderungen im gleichen Maße genügen. Zum Teil stellen sie den Nahostkonflikt zu schematisch dar oder rücken Israel in ein schiefes Licht und leisten damit Vorurteilen gegen den jüdischen Staat Vorschub.

Zahlreiche Beispiele dafür finden sich in dem vom Westermann-Verlag herausgegebenen Buch „Horizonte 12: Geschichte Gymnasium Bayern“. In der Vorbemerkung zu dem vom Orientalisten Alfred Schlicht verfassten Kapitel „Der Nahe Osten: Historische Wurzeln eines weltpolitischen Konflikts“ heißt es anfangs völlig zu Recht: „Gleichzeitig ist der Nahostkonflikt Beweis dafür, dass aktuelle Probleme nur verstanden werden können, wenn wir ihre geschichtliche Dimension erfassen.“ Aber bereits auf der nächsten Seite beginnen Entstellungen: „Als die Juden im 13. Jahrhundert vor Christus sich in der Gegend zwischen dem Fluss Jordan und dem Mittelmeer niederließen, kamen sie als Eroberer in ein schon seit der Steinzeit besiedeltes Land … Die Entstehung eines jüdischen Staates … war ein langwieriger, schwieriger Prozess, der gegen den Widerstand der bereits dort lebenden Bevölkerung stattfand.“

Das ist eine Formulierung, die auf erstaunliche Weise einem heutigen antiisraelischen Stereotyp gleicht: Die Juden als Eroberer, die der ortsansässigen Bevölkerung ihren Staat aufzwingen. Ein Bild, das nicht nur fragwürdig, sondern auch historisch falsch ist. Wie Historiker und Archäologen inzwischen bestimmen konnten – das ist Allgemein-, kein Geheimwissen –, sind erste protojüdische Siedlungen vor etwas mehr als dreitausend Jahren von Einwohnern Kanaans in Samaria gegründet worden, die sich den Wirren des Übergangs von der Bronze- zur Eisenzeit entziehen wollten. Insofern weist das jüdische Volk, wenn man schon die Geschichte zur Erklärung der Gegenwart bemüht, die längste ununterbrochene Siedlungsgeschichte im Land auf.

Bei der Beschreibung der Juden im ausgehenden 19. Jahrhundert wartet das Buch mit einer These auf, die auf Israels historische und völkerrechtliche Legitimität zielt: „Ein jüdisches Volk im nationalen Sinn“, erfahren die Schülerinnen und Schüler, „gab es eigentlich nicht. Wenig verband einen russischen mit einem deutschen, französischen oder gar marokkanischen Juden“ (Seite 146). Die Botschaft ist kaum verhüllt: Da die Juden kein Volk seien, hätten sie „eigentlich“ kein Selbstbestimmungsrecht. Dass die Juden sich selbst jahrtausendelang als ein Volk verstanden hatten, von anderen – einschließlich des Völkerbundes und später der UNO – auch so verstanden wurden und dass sie sich eine global kohärente Identität bewahrt hatten, das bleibt unerwähnt.

An bestimmten Stellen ist die Terminologie des Textes bezeichnend. Die arabische Gewaltkampagne Ende der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts war danach ein „Aufstand“. Dagegen wird der Kampf der vorstaatlichen Militärorganisationen des jüdischen Gemeinwesens als „zunehmender jüdischer Terror“ etikettiert. Und selbstverständlich habe arabische Gewalt, heißt es auf Seite 150, lediglich eine Gegenreaktion auf „Massaker an der arabischen Zivilbevölkerung“ dargestellt. Die Verharmlosung des palästinensischen Terrorismus erreicht einen Höhepunkt auf Seite 164. Dort spricht der Verfasser von „palästinensischen Flugzeugentführungen und Angriffen auf öffentliche Stätten wie Hotels, Behörden oder während der Olympischen Spiele in München 1972“. Dass bei diesen „Angriffen“ Menschen ermordet wurden, unter ihnen elf israelische Olympioniken, bleibt ungesagt.

Auf Seite 152 wiederum heißt es: „Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verlangte im November 1967 in seiner Resolution 242 den Abzug der israelischen Truppen aus den besetzten Gebieten, dem Israel bis heute nicht nachgekommen ist.“ Freilich verlangte der Sicherheitsrat im gleichen Atemzug, was das Buch nicht erwähnt, „die Beendigung jeder Geltendmachung des Kriegszustands beziehungsweise jedes Kriegszustands sowie Achtung und Anerkennung der Souveränität, territorialen Unversehrtheit und politischen Unabhängigkeit eines jeden Staates in der Region und seines Rechts, innerhalb sicherer und anerkannter Grenzen frei von Androhungen oder Akten der Gewalt in Frieden zu leben“. Dass die Rückzugsforderung damit als Teil einer Friedensregelung gedacht war, wird vom Autor unterschlagen.

Im Cornelsen-Verlag ist das Buch „Forum Geschichte 12 – Bayern“ erschienen. Auch hier werden die historischen Wurzeln des Nahostkonflikts in einem separaten Kapitel abgehandelt, wobei die Entstehung der zionistischen Idee recht ausführlich in die politische Entwicklung in Europa und in Nahost eingebunden wird. Nicht zuletzt wird gezeigt, wie sehr die Großmächte jener Zeit versuchten, Juden wie Araber zur Förderung ihrer eigenen Machtinteressen zu benutzen. Es wird ein durchaus differenziertes Bild unterbreitet. Das Buch hat auch keine Angst, die britischen Antiimmigrationsmaßnahmen, die kurz vor Beginn des Holocausts gegen Juden verhängt wurden, als das zu benennen, was sie wirklich waren: eine Katastrophe. „Opfer der drastischen Zuwanderungsbeschränkungen waren besonders die Juden, die in Palästina einen Zufluchtsort vor der nationalsozialistischen Judenverfolgung und Judenvernichtung suchten“, lesen die Schüler. Es ist lobenswert, dass diese Wahrheit ausgesprochen wird. Schade nur, dass es heute dazu eines besonderen Muts zu bedürfen scheint.

Dabei ist das Buch keine einseitige Stellungnahme. Es werden nicht nur historische Ereignisse wie der tödliche Angriff jüdischer Milizen auf das bei Jerusalem gelegene arabische Dorf Deir Jassin, sondern auch Probleme geschildert, vor die die jüdische Zuwanderung arabische Landesbewohner stellte, etwa steigende Bodenpreise.

An bestimmten Stellen aber erklärt „Forum Geschichte 12 – Bayern“ Kernfragen des israelisch-palästinensischen Konflikts zu schematisch. So heißt es (Seite 175): „Der Selbstbehauptungswille der Israelis und der Widerstand der Palästinenser gegen den Staat Israel sind die Ursachen für die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern.“ Das hört sich an, als wäre der Wille eines Staates nach der Sicherung seiner Existenz auf der einen Seite und der Wille der Gegenseite, die Existenz eben dieses Staates zu verhindern, auf der anderen Seite irgendwie auf die gleiche Ebene zu stellen.

Bei der Frage des von den Palästinensern geforderten „Rechts auf Rückkehr“ wird nicht erwähnt, dass damit das uneingeschränkte Recht von Millionen von Auslandspalästinensern gemeint ist, ins israelische Staatsgebiet einzuwandern und Israel durch einen mehrheitlich arabischen Staat abzulösen. Es fehlt auch der Einblick in die existenzielle Bedrohung, der Israel durch seine zahlreichen Feinde im Nahen und Mittleren Osten ausgesetzt ist. Ohne diesen Hintergrund lässt sich Israels Politik freilich nicht ausreichend verstehen. So etwa widerstrebt vielen Israelis ein Rückzug aus der Westbank, weil sie Angst vor der Entstehung einer Ausfallbasis für Angriffe auf ihren Staat haben und nicht aus Gründen einer Groß-Israel-Ideologie.

Nur ein kurzer Abschnitt wird dem Nahostkonflikt in dem Buch „Der Islam und die westliche Welt – Konfrontation, Konkurrenz, Kulturaustausch“ (Schroedel-Verlag) gewidmet. Auf eine Zusammenfassung des Konflikts entfallen lediglich zwei Textseiten, sechs weitere enthalten Hintergrundtexte. Da ist tiefgreifende Analyse kaum zu erwarten, dafür mangelt es nicht an Stereotypen. So etwa haben sich jüdische Untergrundorganisationen laut dem Buch vor der Staatsgründung im Kampf gegen die britische Mandatsmacht „u. a. terroristischer Methoden“ bedient. Dagegen führte die PLO – viel edler formuliert – „einen Krieg gegen Israel“. Dass dazu vor allem die Ermordung von Zivilisten gehörte, wird nicht erwähnt. Zudem habe die PLO in benachbarten Staaten „Attentate“ verübt, „etwa gegen westliche Touristen“. Warum solche „Attentate“ kein Terrorismus gewesen sein sollten und warum verschwiegen wird, dass sich der PLO-Terrorismus weltweit gegen Juden richtete, kann man allenfalls raten.

Und warum konnte der Konflikt nicht gelöst werden? Dazu heißt es auf Seite 171: „Eine politische Lösung des Palästinenserproblems wurde zunächst durch die ständige Zuwanderung nach Israel erschwert, aber auch durch Kriege, die Israel mit seinen Nachbarn führte.“ Hier wird also Israels Staatsgedanke – die Versammlung der Juden aus aller Welt – zum Kern des Problems erklärt. Ohnehin, so der Text, war es Israel, das Kriege mit seinen Nachbarn führte und nicht umgekehrt. Mit solchen Formulierungen werden jungen Menschen auf knappstem Raum antiisraelische Vorurteile eingeimpft.

Ein anderes Format als das eines klassischen Lehrbuchs hat das vom Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL und dem Klett-Verlag herausgegebene Unterrichtsmagazin „Nahost: Der Kampf um das Heilige Land“. In dem Heft werden Informationen zum Konflikt in journalistisch aufbereiteten Häppchen verabreicht. Das hat den Vorteil guter Lesbarkeit, zugleich aber den Nachteil einer eher notdürftigen Systematik.

Vielleicht typisch journalistisch ist der Drang, das Besondere in den Vordergrund zu stellen. Die Israelis, die in dem Heft zu Wort kommen oder beschrieben werden, gehören vor allem Bevölkerungsgruppen an, die in der Medienberichterstattung internationaler Medien, nicht aber in der israelischen Gesellschaft die beherrschende Rolle spielen: Linke, die mit ihrem Staat scharf ins Gericht gehen, Reservisten, die den Dienst in den von Israel seit 1967 kontrollierten Gebieten verweigern, Siedler oder Ultraorthodoxe. Dabei geht der Blick auf die rationale Mehrheit verloren, die zu Kompromissen bereit ist, aber den Charakter und die Sicherheit ihres Landes verteidigen will.

Nun ist es sicher nicht leicht, den in der Tat hochkomplexen Nahostkonflikt in einer für Schüler verständlichen Form begreiflich und durchschaubar zu machen, und es werden sich immer wieder Fragen nach der richtigen Vermittlung von Fakten und nach ausgewogenen Interpretationen stellen. Auch können nicht alle Fälle über einen Kamm geschoren werden, wie bereits der Blick auf die vier hier angeführten Beispiele zeigt. Das aber kann keine Entschuldigung für eine Förderung antiisraelischer Stereotype und für bewusst tendenziöse Darstellungen in Schulbüchern sein, die Israel in eine Schurkenrolle rücken. Solche Zerrbilder sind nirgendwo angebracht, und im Klassenzimmer richten sie besonders großen Schaden an. zu