13. Jahrgang Nr. 9 / 27. September 2013 | 23. Tischri 5774

Unter Freunden

Jüdische Elternheime spielen in Deutschland eine durch nichts zu ersetzende Rolle / Interview mit Rabbiner Andrew Steinman

In Deutschland ist eine Reihe von jüdischen Elternheimen, vor allem in der Trägerschaft großer jüdischer Gemeinden, tätig. Eine weitere für jüdische Senioren konzipierte Einrichtung ist das Elternheim der Henry und Emma Budge-Stiftung in Frankfurt am Main, das Juden wie Nichtjuden aufnimmt, den jüdischen Bewohnern aber ein Leben in jüdischer Atmosphäre ermöglicht. Über die Bedeutung der jüdischen Senioren-Residenzen sprach die „Zukunft“ mit dem Rabbiner der Budge-Stiftung, Rabbiner Andrew Steinman.

Zukunft: Herr Rabbiner Steinman, sind jüdische Elternheime besser als andere Altersruhesitze in Deutschland?

Rabbiner Steinman: Es gibt auch hervorragende nichtjüdische Heime für Senioren. Es kommt immer auf den Einzelfall an. Es geht aber nicht nur um einen Leistungsvergleich wie etwa bei Hotels. Elternheime sind eben keine Hotels. Sie sind das Zuhause von Menschen, die aus Gründen des Alters, des Gesundheitszustands oder einer verminderten Eigenständigkeit im Alltag auf betreutes Wohnen oder auf darüber hinausgehende Pflege angewiesen sind. Daher ist es wichtig, dass die Heime ihren Bewohnern nicht nur eine hervorragende Infrastruktur, sondern auch eine Atmosphäre bieten, in der sie sich wirklich heimisch fühlen.

Wie erreicht man das?

Zum einen mit Respekt und Zuneigung. Respekt für alte Menschen ist im Judentum tief verwurzelt. Ein betagter Mensch gehört nach jüdischer Lehre und Tradition nicht zum „alten Eisen“. Ich sage nicht, dass dies ausschließlich im Judentum zum Ausdruck kommt, aber bei uns ist diese Geisteshaltung durch unseren Glauben und unsere Ethik doch sehr prägend.

Zum anderen ist es für viele Senioren besonders wichtig, in einer ihnen vertrauten Umgebung zu leben. Daher ziehen es viele ältere Juden vor, im Elternheim ein jüdisches Leben zu führen, also unter Juden. Im Fall der Budge-Stiftung bedeutet das, mit gleichgesinnten Juden in einer gemischten Umgebung zu leben, in der Juden einen gleichberechtigten, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Lebensstil pflegen können.

Wirklich religiös ist aber nur eine Minderheit der jüdischen Senioren in Deutschland.

Im Sinne der religiösen Observanz trifft das sicher zu. Diejenigen, die sich für ein jüdisches Elternheim entscheiden, schätzen aber den Umgang mit Menschen, die einen ähnlichen Hintergrund, ähnliche kulturelle Interessen und eine ähnliche Lebenserfahrung haben. Das Interesse an jüdischer Tradition nimmt bei zahlreichen älteren Menschen zu, die bisher nicht traditionell gelebt haben. Viele wollen koscher essen. Auch wenn sie vorher keinen Wert darauf gelegt haben, so ist koscheres Essen für sie jetzt ein Stück ihrer Identität.

Viele, eigentlich alle, haben Interesse an jüdischem Wissen und haben im Ruhestand auch die Zeit, sich einiges davon anzueignen. Aus jüdischer Sicht ist lebenslanges Lernen essenziell. Wer lernt, zeigt, dass er eine Zukunft hat und an diese glaubt. Schiurim, Referate oder Workshops können auch Teilnehmer im Alter von mehr als neunzig Jahren begeistern. Sie wollen auch jüdische Feiertage gemeinsam begehen. Die Synagoge oder der Betraum werden dann zu gut gefüllten Begegnungsstätten. Wir betreuen auch Bewohner, die nicht mehr in die Synagogen kommen können. Um nur ein Beispiel zu geben: An Rosch Haschana gehe ich bei Kranken oder stationär Pflegebedürftigen von Bett zu Bett mit dem Schofar, damit auch sie die Mitzwa des Schofar-Hörens erfüllen. Und wenn es in Familien von Heimbewohnern zu Sterbefällen kommt, beraten und begleiten wir die Angehörigen hinsichtlich jüdischer Trauerbräuche. Schiurim, Referate oder Workshops können auch Teilnehmer im Alter von mehr als neunzig Jahren begeistern. Sie wollen auch jüdische Feiertage gemeinsam begehen. Die Synagoge oder der Betraum werden dann auch zu gut gefüllten Begegnungsstätten.

Und wer überhaupt kein Interesse an der Religion hat?

Es gibt keinen Zwang. Die Bedürfnisse der Bewohner sind breitgefächert und differenziert, und wir versuchen, da­rauf durch ein entsprechend breitgefächertes Angebot einzugehen. Als Rabbiner ist man da zugleich Kulturreferent und Event-Manager, und das ist so auch völlig in Ordnung. Ich sehe darin einen integralen Teil unserer Aufgabe. Im Gesamtergebnis bin ich überzeugt, dass jüdische Elternheime in Deutschland eine durch nichts zu ersetzende Rolle spielen.

Wodurch unterscheidet sich das von Ihnen mitbetreute Heim der Budge-Stiftung von anderen Seniorenheimen?

Die Stiftung wurde vor 93 Jahren von dem jüdischen Ehepaar Henry und Emma Budge gegründet, um die Koexistenz von Juden und Nichtjuden zu stärken. Das Heim nimmt jüdische und nichtjüdische Senioren auf. Juden leben hier also unter sich, aber nicht ausschließlich unter sich. Beide Gruppen leben in guter Nachbarschaft und gegenseitiger Achtung.

In welchem zahlenmäßigen Verhältnis?

Laut Satzung soll das halbe-halbe sein. Allerdings liegt der tatsächliche Prozentsatz der jüdischen Bewohner unter dieser Vorgabe. Der Grund dafür ist vor allem der, dass die Generation der Schoa-Kinder, die heute im hohen Alter ist und zunehmend auf Altersheime angewiesen ist, eben genau die ist, die auf schreckliche Weise dezimiert wurde. Die betroffenen Jahrgänge fehlen fast vollständig. Um diesen Umstand auszugleichen, nehmen wir jüdische Senioren auch von weit her auf. So sind wir weit über Frankfurt hinaus in diesem Personenkreis und bei den Angehörigen bekannt und müssen es auch bleiben. Dafür sorgt vor allem ein guter Ruf. Meine Aufgabe und die meiner Mitarbeiter ist es, sich nicht auf dem bisher Erreichten auszuruhen, sondern weiter daran zu arbeiten. zu