13. Jahrgang Nr. 9 / 27. September 2013 | 23. Tischri 5774

Vergangen und doch präsent

Das Jüdisch-theologische Seminar in Breslau wurde vor 75 Jahren von den Nazis geschlossen, doch lebt seine Tradition fort – jetzt auch wieder in Deutschland

Von Carsten L. Wilke

Es gibt Institutionen, die weit über ihre eigene Zeit fortwirken. In der jüdischen Welt ist das zwischen 1854 und 1938 tätige Jüdisch-theologische Seminar in Breslau ein herausragendes Beispiel dafür. Seine Philosophie und seine Lehrmethoden wurden von einer Reihe anderer jüdischer Akademien und Rabbinerseminare übernommen und sind bis heute relevant geblieben.

Zu den Einrichtungen, die sich auf das Breslauer Modell berufen, gehört nicht zuletzt das Jewish Theological Seminary in New York, eine der bedeutendsten Stätten heutiger jüdischer Bildung und Forschung für Rabbiner, Lehrer und Wissenschaftler. Diese 1886 gegründete Institution zeigt bereits durch ihren Namen, dass sie in der Breslauer Tradition steht. Auch das 1877 gegründete und bis heute tätige Rabbinerseminar von Budapest wurde im Geist des Breslauer Vorbilds ins Leben gerufen. In Deutschland beruhte die Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (1872 bis 1942) auf ähnlichen Grundlagen. Auch die neue, ab diesem Wintersemester an der Universität Potsdam tätige School of Jewish Theology schöpft aus derselben Quelle.

Was das Breslauer Seminar in seiner Ära so bedeutend und für die Zukunft so prägend machte, war, in den Worten seines ersten Direktors Zacharias Frankel, eine „gegenseitige Durchdringung des theologischen Studiums und der Wissenschaft“. Dank dieses Konzepts wurde die Einrichtung zum ersten Rabbinerseminar, das den Anspruch erhob, den Standards akademischer Forschung zu genügen.

Jahrhunderte lang waren Talmud-Studium und Universität auf weit entfernten Wegen gegangen – zu unterschiedlich waren beider Stoffe, Methoden und ihr gesellschaftlicher Status. Als aber die jüdische Gemeinschaft nach der Französischen Revolution ihre rechtliche und kulturelle Autonomie verlor, musste zwischen der Moderne und der jüdischen Tradition eine Kluft überbrückt werden. Dies erreichte man in Breslau durch eine wissenschaftliche und historische Erschließung des Judentums bei der gleichzeitigen Anforderung, Lehrkräfte wie Studenten müssten sich an die Regeln der jüdischen Religion halten.

Hinter dem Breslauer Seminar standen keine Religionspartei und erst recht keine staatliche oder kultusgemeindliche Behörde. Die Gründung war einer großzügigen Stiftung aus dem Nachlass des Breslauer Bankiers Jonas Fraenckel zu verdanken; und das Lehrkonzept wurde vom Gründungsdirektor Zacharias Frankel, entworfen. Der gebürtige Prager Frankel, der in Dresden Rabbiner gewesen war, strebte ein „Studium der jüdischen Theologie in methodischer Auffassung und in materialer Vollständigkeit, vereint mit allgemeiner gelehrter Bildung“ an. Methodische Auffassung bedeutete für ihn vor allem die historische Kritik und Zusammensetzung der Quellen. Mit materialer Vollständigkeit war gemeint, dass nach jüdischer Tradition die Bibel und der Talmud durch umfassendes Textstudium in den Originalsprachen erlernt und nicht aus zweiter Hand geschöpft werden sollten. Mehrjährige Lehrgänge führten daher in Breslau durch die hebräische Sprache, die Bibel, den Talmud, das rabbinische Recht, die Religionsphilosophie, die Geografie Palästinas und die Geschichte der Juden. Frankels Forderung nach „allgemeiner“ Bildung bedeutete schließlich, dass jeder Rabbiner neben seinem Studium am Seminar auch Gymnasium und Universität absolvieren sollte. Nach neun Jahren des anspruchsvollen Doppelstudiums erwarb er sowohl den Doktorgrad als auch den Rabbinertitel – meist in dieser Reihenfolge, da man mit der Promotion eher fertig ist als mit dem Talmud.

Zwar hatten schon vor der Breslauer Gründung manche Rabbinatsanwärter an Universitäten Philosophie, Philologie und Orientalistik studiert und die religiösen Quellen des Judentums mit den Mitteln der historischen Wissenschaft beleuchtet. Aber es war das Verdienst der Breslauer Rabbinerausbildung, dieser Bemühung ein stabiles institutionelles Fundament zu geben. Insgesamt konnten im Lauf der Jahrzehnte 249 Hörer das Rabbinerdiplom erhalten. Im Durchschnitt war das Seminar von etwa vierzig Studenten besucht. Alle seither gegründeten Rabbinerseminare waren vom Breslauer Modell geprägt; und die Ausbildung der amerikanischen Rabbiner folgt ihm noch heute in ihren Grundzügen.

Das Breslauer Rabbinerseminar erwarb auch als Forschungsstätte hohes Ansehen. Dozenten, Studenten und Ehemalige arbeiten über alle jüdischen Wissensgebiete von der Bibel bis zur jüngeren Geschichte. Viele ihrer Arbeiten über Texte in alten orientalischen Sprachen blieben einem elitären gelehrten Publikum vorbehalten; andere hingegen, wie die elfbändige „Geschichte der Juden“ des Seminardozenten Heinrich Graetz, wurden regelrecht volkstümlich. Die moderne Form jüdischer Forschung, der ein Berliner Studentenverein um Leopold Zunz 1819 den programmatischen Namen einer „Wissenschaft des Judentums“ gegeben hatte, sah die jüdische Literatur nicht in erster Linie als eine Religionsquelle, sondern als ein historisches Erbe gleich den Nationalliteraturen der europäischen Völker. Die Wiederentdeckung der jüdischen Vergangenheit sollte nichtjüdische Missachtung und Vorurteile bekämpfen und jeden Juden zu einer kenntnisreichen und selbstbewussten Identifikation mit seiner eigenen Geschichte und Kultur befähigen.

Nach dem Ersten Weltkrieg bemühte sich das Seminar verstärkt um Breitenwirkung. Dennoch galt es als ein Refugium der gelehrten Forschung. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde das Seminar geschlossen; eine geheime Ordinierung der letzten beiden Studenten fand noch im Februar 1939 statt.

Die historische Kontinuität des Jüdisch-theologischen Seminars beschränkt sich nicht auf Symbolik. Vielmehr geht es auch darum, die Bedeutung jüdischer Quellen und zugleich des wissenschaftlichen Denkens für unsere Zeit zu erkennen und verstärkt in die gesellschaftlichen Debatten der Gegenwart einzubringen.

Der Autor ist Professor für jüdische Kultur- und Geistesgeschichte an der Zen­traleuropäischen Universität in Budapest