13. Jahrgang Nr. 8 / 30. August 2013 | 24. Elul 5773

Geschenk aus Minsk

Weißrussische Holocaust-Ausstellung wird in Deutschland gezeigt und steht jüdischen Gemeinden auf Wunsch zur Verfügung

Eine Holocaust-Ausstellung des weißrussischen Staatsmuseums für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges in Minsk steht derzeit in deutscher und russischer Sprache in der Bundesrepublik für Ausstellungen zur Verfügung. Eigentümerin ist die Jüdische Gemeinde Krefeld.
Wie Michail Nordstein, Mitglied der Jüdischen Gemeinde Krefeld, berichtete kam die Idee für dieses Projekt im vergangenen Jahr auf. Anlass war Nordsteins Besuch im „Weißrussischen Staatlichen Museum für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges“ in der Hauptstadt Weißrusslands, Minsk. Auf Anregung des Museumsdirektors, Sergej Asaronok, beschloss der Vorstand der Krefelder Gemeinde, Teile der Ausstellung in ihren Räumen zu zeigen.
Um das Projekt in die Wege zu leiten, reisten Asaronok, sein Stellvertreter Ilja Judowin und die Stellvertretende Direktorin für wissenschaftliche Fragen, Anna Galinskaja, nach Krefeld. Dort übergaben die Gäste der Krefelder Gemeinde eine verkleinerte Version der Original-Schautafeln als Geschenk. Die einzige Auflage lautete, die Ausstellung auch anderen jüdischen Gemeinden in Deutschland zur Verfügung zu stellen.
Unter dem Titel „Krieg. Holocaust. Gedenken ohne Verjährungsfrist“ gibt die Ausstellung auf der ersten der insgesamt 14 miteinander verbundenen Stellwände auf Deutsch und Russisch einen kurzen Überblick über die Geschichte jüdischen Lebens in Weißrussland. Auf den nachfolgenden Flächen schildert sie dann Ideologie und Praxis der nationalsozialistischen Besatzung sowie ihrer Politik der systematischen Demütigung, Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung im Lande.
Juden, erfährt der Besucher, hätten in Weißrussland bereits seit dem 14. Jahrhundert gelebt. Seit Ende des 18. Jahrhunderts hätten sie im großrussischen Reich allerdings nur in festgelegten Regionen wohnen dürfen. In nahezu ausschließlich von ihnen bewohnten Dörfern und Kleinstädten, den Stettls, hätten sie vorwiegend von Handwerk und Handel gelebt. Nach der Eroberung des weißrussischen Gebietes durch Nazi-Deutschland seien als erstes Ghettos eingerichtet worden, in denen die Bewohner auf engstem Raum leben mussten. Insgesamt habe es in Weißrussland 160 Ghettos gegeben.
Auf den Tafeln werden ferner die nationalsozialistischen Vernichtungspläne dargestellt. Faksimiles von Aufrufen und Bekanntmachungen der Besatzungsbehörden dokumentieren eine gnadenlose bürokratische Härte, Fotos von Erschießungskommandos und Vernichtungslagern veranschaulichen, wie in den drei Jahren der deutschen Besatzung 800.000 Juden ermordet wurden. Dass das Bildmaterial schwer anzusehen ist, spiegelt die grausame historische Wirklichkeit wider. Deshalb ist es für die Verbreitung des Wissens um die Schoa wichtig.
Die Ausstellung zeigt aber auch, in welcher Form Juden Widerstand leisteten. Sie zeigt Helden des Widerstands wie wie Mowscha Kolpanitzki, einen der Organisatoren des Ghettoaufstands in der Ortschaft Lachwa im Jahr 1942. Es war einer der ersten Ghettoaufstände während der Schoa. Kolpanitzki ist im Kampf gegen die Besatzer gefallen. Es werden auch Namen weiterer Städte genannt, in denen Juden zur Waffe griffen, etwa Kletzk und Nowogrodek. Die Ausstellung dokumentiert zudem, mit welchen Denkmalen der Opfer und der Widerstandskämpfer in Weißrussland und Deutschland gedacht wurde.
Wie sich in Krefeld zeigte, stieß die Ausstellung auf Interesse bei Juden wie bei Nichtjuden. Wie Michael Grafmann, verantwortliches Mitglied des Krefelder Gemeindevorstandes, berichtet, wurde sie unter anderem von Gästen der regelmäßigen Synagogenführungen und von Mitgliedern der örtlichen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, aber auch von Schulklassen aus Krefeld und Umgebung besucht.
Anfang Juni übernahm die Jüdische Gemeinde Gelsenkirchen die Sammlung für zwei Monate und zeigte sie im großen Saal ihres Gemeindezentrums. Judith Neuwald-Tasbach, die Gemeindevorsitzende, zeigte sich von der Qualität der Ausstellung beeindruckt. „So etwas hat uns bisher gefehlt“, erklärt sie, „um Mitgliedern und Besuchern die Schrecken der Schoa verdeutlichen zu können.“ Gemeindemitglieder hätten die Exponate lange und ausführlich studiert. Die Einträge im Besucherbuch enthalten Kommentare wie „Es ist unvorstellbar, dass so etwas überhaupt möglich war. Hoffentlich nie wieder!“, „Wie konnten Menschen das überleben?“. Und schließlich bedankten sich auch einige Besucher dafür, dass eine so eindrückliche Ausstellung in Gelsenkirchen gezeigt wurde.
Die Tafeln kehrten Ende Juli an die Jüdische Gemeinde Krefeld zurück. Sie können dort von anderen Gemeinden, die sie ihren Mitgliedern und der breiten Öffentlichkeit vorstellen möchten, nach Rücksprache entliehen werden. Die Ausstellung benötigt – außer einer geeigneten Räumlichkeit – keine besonderen Voraussetzungen. Sie ist kompakt, leicht zu transportieren, aufzubauen und wieder zusammenzuklappen.
http://jg-krefeld.de

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