13. Jahrgang Nr. 8 / 30. August 2013 | 24. Elul 5773

Vom Kuriosum zum Dialogpartner

Das Projekt „LIKRAT – Jugend & Dialog“ stärkt jüdische Identität und fördert Toleranz

Von Maja Nizguretski

„Was feiert ihr eigentlich an Chanukka?“, „Was denkst du über den Nahostkonflikt?“ oder „Warst du schon mal in Israel?“ sind Fragen, die jüdische Jugendliche oft hören. Nach wie vor sind Juden für viele Schüler und Schülerinnen in deutschen Klassenzimmern ein Kuriosum. Das liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass die meisten Jugendlichen in Deutschland noch nie zuvor in ihrem Leben einen Juden gesehen haben, zumindest nicht bewusst.
Genau an diesem Punkt setzt das Programm „LIKRAT – Jugend & Dialog“ an. LIKRAT bedeutet auf Hebräisch „auf jemanden zu, entgegen“. Das Jugend- und Dialogprojekt hat es sich zum Ziel gemacht, bei Begegnungen unter Gleichaltrigen stereotype Wahrnehmungen zu durchbrechen und antisemitischen Ressentiments entgegenzuwirken. Nachdem sich das Projekt, das seit 2007 im Auftrag des Zentralrats der Juden in Deutschland von der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg organisiert wird, in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen erfolgreich etablieren konnte, soll es ab 2014 bundesweit Schulklassen, Sport- und Ausbildungsstätten offenstehen.
Im Mai 2013 wurde LIKRAT beim Wettbewerb „Ideen für die Bildungsrepublik“ als herausragende Bildungsidee ausgezeichnet. Unter den mehr als 1.100 eingereichten Bildungsprojekten aus ganz Deutschland wählte eine unabhängige Expertenjury LIKRAT als einen der Preisträger aus, die sich in herausragender Weise für Bildung von Kindern und Jugendlichen einsetzen.
Mit dem Projekt werden zwei Ziele verfolgt. Zum einen soll die Identität jüdischer Jugendlicher im Alter zwischen 14 und 18 Jahren gestärkt werden, zum anderen sollen die in Schulklassen zwischen Altersgenossen veranstalteten Begegnungen Gemeinsamkeiten schaffen und Toleranz vermitteln. LIKRAT ermöglicht es jungen Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft, dem Judentum aufgeschlossen zu begegnen.
Der 16-jährige David aus Karlsruhe und seine Familie feiern jüdische Feiertage nur, wenn eine Feier im Gemeindezentrum ausgerichtet wird. Jüdische Bräuche konnte ihm seine aus St. Petersburg stammende Familie nicht vermitteln. Trotzdem wird David in der Schule und von Freunden oft als der „Vorzeigejude“ behandelt. „Ich fühle mich einfach anders in Gegenwart meiner Mitschüler“ erzählt David.
Wenn er auf seinen Glauben angesprochen wurde, wusste er oft nicht, was er erzählen sollte, da er sich selbst über die Bedeutung und die Bräuche verschiedener Feiertage oder über die Kaschrut nicht ganz schlüssig war. Wenn er dann von Religions- oder Ethiklehrern gebeten wurde, über das Judentum vor einer Schulklasse zu „erzählen“, war das für ihn stressig und meist unangenehm.
Dann aber erfuhr David von LIKRAT und meldete sich an. Mit großem Nutzen, vermittelt doch LIKRAT jüdischen Jugendlichen Kenntnisse, die sie sonst vielleicht nicht bekommen würden. Gleichzeitig lässt ihnen das Programm Raum, um ihre eigene Identität zu erkunden und zu entwickeln. LIKRAT bildet jüdische Jugendliche jeweils in vier Wochenendseminaren zu Kulturvermittlern aus. Dabei liegen die Schwerpunkte der Workshops auf jüdischer Religion, Geschichte und Kultur sowie Rhetorik- und Präsentationstraining.
Für die Teilnehmer sind die Workshops ein Schlüsselerlebnis. Nicht zuletzt Kindern jüdischer Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion bieten LIKRAT-Seminare erstmals die Gelegenheit, mit einer Gruppe gleichaltriger Juden in Deutschland zusammenzukommen, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Per­spektiven aufzudecken.
Wenn LIKRATinos beziehungsweise LIKRATinas – so werden die Teilnehmer genannt – in Zweierteams zu einer Begegnung in einer Schule gehen, können sie sicher sein, über das nötige Handwerkszeug zu verfügen. „Jede Begegnung ist anders“, weiß David, „da man jedes Mal auf verschiedenste Charaktere trifft und unterschiedliche Fragen gestellt werden. Was aber bei jeder Begegnung gleich ist, ist, dass die Schüler interessiert nachfragen.“ Gerade das macht die Begegnungen lebendig. Lehrer laden die jüdischen Jugendlichen gern in ihren Unterricht ein. Da Lehrbücher oft ein zu theoretisches und oftmals unverständliches Bild des Judentums vermitteln, werden Schüler durch die Lektüre eher in ihren Vorurteilen bestärkt, als dass sie sie überwinden könnten. Dagegen sorgen Begegnungen mit jüdischen Altersgenossen für frischen Wind.
„Ganz erstaunt sind die Schüler oft, wenn sie mitkriegen, dass ich nicht streng religiös lebe und wir dieselbe Musik hören oder dieselben Computerspiele mögen“, erzählt David. Trotz unterschiedlicher Glaubenszugehörigkeit finden die jüdischen und die nichtjüdischen Jugendlichen während einer Begegnung mehr Gemeinsamkeiten, als manch einer erwartet hatte.
www.likrat.de