13. Jahrgang Nr. 8 / 30. August 2013 | 24. Elul 5773

Neue Wege – auf gutem Kurs

Der Zentralrat der Juden in Deutschland stärkt den Zusammenhalt unserer Gemeinschaft

Von Dieter Graumann

Wieder nähert sich ein Jahr dem Ende und wieder blicken wir voller Vorfreude, Spannung und Tatkraft auf das vor uns liegende: Auf ein gutes, gesundes und glückliches neues Jahr!
Bei all den Wünschen für das kommende Jahr kommt man nicht umhin, über die Resultate des vergangenen Jahres nachzudenken. Haben sich unsere Wünsche erfüllt? Konnten wir unsere Vorsätze und Anliegen realisieren? Sind wir heute einen Schritt weiter als noch im letzten Jahr? Was den Zentralrat der Juden in Deutschland angeht, so bereitet es mir große Freude, hier eine überwiegend positive Bilanz des Jahres 5773 ziehen zu können. Wir sind nicht nur einen Schritt weiter, wir sind sogar gleich ein gutes Stück vorangeschritten auf dem richtigen Weg für und mit den Gemeinden, unser Judentum in Deutschland stärker und selbstbewusster zu machen.
Nicht, dass es uns etwa auch in diesem Jahr an Herausforderungen und Anfeindungen gefehlt hätte. Diese „Gefahr der Langeweile“ droht uns Juden höchst selten, aber auch dies Mal haben wir gezeigt, dass wir ihnen zu begegnen wissen, entschlossen und effektiv und vor allem gemeinsam.
Das wirklich Prägende – neben der oft unsäglichen Beschneidungsdebatte, die wir am Ende erfolgreich geführt haben – in diesem Jahr war aber dann doch das Positive: Es ist uns gelungen, den Ausbau unserer Tätigkeiten kraftvoll anzupacken. Dabei geht es um keine Expansion nur um der Expansion willen. Vielmehr ist eine Aufwertung unserer Arbeit erforderlich, damit der Zentralrat seiner Rolle als zuverlässiger Partner jüdischer Gemeinden besser gerecht werden kann: Der Zentralrat kann nur bleiben, was er ist, indem er sich verändert und laufend verbessert.
Die heute erreichte, große Vielfalt des jüdischen Lebens in der Bundesrepublik erfordert eine fest verankerte Förderung der Bildungsarbeit und des innerjüdischen Gesprächs. Diesem Ziel dient unter anderem die im Januar gegründete neue Bildungsabteilung des Zentralrats. Mit einem reichhaltigen Programm, das sich hauptsächlich an unsere eigenen Gemeindemitglieder richtet, will die neue Abteilung jüdisches Wissen vermitteln, ausgewählte Themen vertiefen und aktuelle Fragen neu beleuchten.
Wichtig ist auch das im Juni vom Zentralrat ins Leben gerufene Dezernat für Gemeinden. Es ist eine Schnittstelle im Verhältnis zwischen dem Zentralrat und unseren Mitgliedsgemeinden. Es wird den Gemeinden mit Rat und Tat zur Seite stehen und zugleich uns helfen, unsere Arbeit besser an den Bedürfnissen der Gemeinden zu orientieren.
Bessere Kommunikation war auch das Ziel des im Juni auf unsere Einladung veranstalteten zweiten NGO-Treffens, bei dem mehr als 30 jüdische Organisationen vertreten waren. Bei dieser wichtigen Veranstaltung konnten wir viel über die Erfolge, aber auch über Sorgen jüdischer Einrichtungen erfahren und zugleich über die Zentralratsarbeit informieren: Eine Vernetzung unter dem Dach des Zentralrats wird uns allen für unsere künftige Arbeit von großer Hilfe sein.
Wir bauen zudem zielstrebig unsere Präsenz im elektronischen Universum aus. Nachdem Internetauftritt und Facebook längst zur Norm geworden sind, haben wir im Sommer das neue Informations- und Dialogportal „Zentrakol“ ins Leben gerufen. Es bietet Mitgliedern jüdischer Gemeinden eine bisher nicht gegebene Möglichkeit, sich einzuloggen und wichtige Informationen zu erhalten sowie sich miteinander auszutauschen. Kommunikation pur im 21. Jahrhundert!
Und da uns virtuelle Kommunikation keinesfalls reicht, geht es gleich weiter. Zweieinhalb Monate nach Rosch Haschana erwarten wir mehr als 500 Gäste beim neuen Jüdischen Gemeindetag, den wir nun mit einer neuen Dimension begründen. Unter dem Motto „One People, One Community – Unsere jüdische Zukunft ist JETZT!“ bietet er ein wichtiges Forum, damit wir alle uns miteinander austauschen und beraten können. Hochqualifizierte Referenten, erstklassige Workshops und renommierte Unterhaltungs-Acts runden das diesjährige Treffen in Berlin ab. Hier geht es um uns selbst und um unseren Wunsch, dass wir schon heute unsere jüdische Zukunft gemeinsam gestalten.
Klar ist: Ohne das Engagement und die Begeisterung unserer Mitglieder wäre der Aufschwung nicht gelungen. Sie haben sich die Stärkung jüdischer Gegenwart und Zukunft zu einem Herzensanliegen gemacht. Das ist nicht nur dankenswert, sondern auch beruhigend: Bei so vielen engagierten Helfern ist die jüdische Zukunft in diesem Land in guten Händen. Auch das haben wir 5773 deutlich gemerkt, und das ist der erfreulichste Teil der rundum erfreulichen Bilanz.
Im kommenden Jahr und in den Jahren danach geht der Ausbau unserer Tätigkeit weiter – und zwar nicht auf Kosten des bisherigen, auch nicht gerade knapp bemessenen Arbeitsspektrums des Zentralrats, sondern als dessen Erweiterung. Wir werden der nichtjüdischen Umwelt weiterhin als Partner für einen konstruktiven Dialog zur Verfügung stehen, denjenigen aber, die gegen uns hetzen, das Judentum diskriminieren und den Staat Israel delegitimieren wollen, immer entschlossen eine Abfuhr erteilen. Für Israel werden wir uns immer leidenschaftlich einsetzen, gerade in einer Zeit, in der der jüdische Staat oft mit viel zu wenig Fairness behandelt wird. Dabei und bei jeder weiteren Herausforderung müssen wir uns immer bewusst sein, dass wir alle voneinander immerzu lernen können und vereint viel mehr erreichen können und werden. Eine besser informierte und umfassend vernetzte jüdische Gemeinschaft wird zugleich besser imstande sein, in die nichtjüdische Gesellschaft und in die jüdische Welt hineinzuwirken.
Wie man sieht: Es gibt noch so viel zu tun, und wir alle sind aufgefordert, mit anzupacken. Ich wünsche allen Mitgliedern jüdischer Gemeinden und allen Juden in der Welt ein gutes, glückliches und gesundes neues Jahr. Le-Schana towa tikatewu we-tichatemu.

Dr. Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland