13. Jahrgang Nr. 7 / 26. Juli 2013 | 19. Aw 5773

Glücksbringer

Das Jüdische Museum der Schweiz präsentiert eine Ausstellung zu jüdischen Amuletten

Von Judith Wipfler

„Darf man das überhaupt?“ Das ist eine dieser Tage im Jüdischen Museum in Basel oft gehörte Frage. Gestellt wird sie von Besuchern der Ausstellung „1001 Amulett. Schutz und Magie – Glaube oder Aberglaube?“ In der Ausstellung werden hauptsächlich Objekte aus der Antike, die das Museum vom Bibel & Orient Museum Freiburg entliehen hat, aber auch rund 50 spezifisch jüdische Amulette aus museumseigenem Bestand gezeigt. Bei den antiken Stücken handelt es sich vor allem um kleine Anhänger aus Stein und Ton, um Rollsiegel und Ringe aus Mesopotamien und dem Nahen Osten. Die explizit jüdischen Objekte stammen vorwiegend aus der Region: dem Elsass, Süddeutschland und der Schweiz.

Vom Tanach wurden Amulette klar abgelehnt. Allerdings ging die Volksfrömmigkeit von alters her oft andere Wege, sodass Glücksbringer auch in der jüdischen Welt durchaus zu finden waren und sind. Die in Basel ausgestellten Exponate zeigen, wie sich jüdische Familien vergangener Jahrhunderte vor dem bösen Blick, vor dem plötzlichen Kindstod oder vor Unglück auf Reisen mittels Amuletten zu schützen suchten.

Plastikanhänger aus den USA wie auch druckfrische Papieramulette aus Israel stehen stellvertretend für die Gegenwart. Amulette sind heute nämlich bei vielen Säkularen ebenso beliebt wie in ultraorthodoxen Milieus des Neo-Chassidismus. Als „jüdisch“ sind sie alle sofort zu erkennen, sei es an der Menora, dem Davidstern, dem Gottesnamen oder den hebräischen Texten mit Beschwörungsformeln wie etwa „Ben Porat Josef“ („Ein schwaches Reis Josef“). Letzteres ist Hinweis darauf, dass Josef und seine Nachkommen immun gewesen seien gegen den bösen Blick, was sich nun auf die Träger dieses Spruchs übertragen möge.

Der Übergang zwischen dem Aberglauben und der Norm ist indessen fließend. In der Abteilung „Schutz des Hauses“ zeigt das Museum nämlich auch eine ganze Reihe von Mesusot. Nur: Ist eine Mesusa ein Amulett? Museumsleiterin Dr. Gaby Knoch-Mund zögert ein wenig mit ihrer Antwort. Die Mesusa an der Haustüre eines jüdischen Heimes schützt selbiges, und so wird sie ja auch in der Tora (2. Buch Mose 12:7) beschrieben. Die Funktion der Mesusa ist also dieselbe wie die eines Amuletts, nämlich Unheil und Böses abzuwehren. Allerdings erfüllen Juden mit dem Anbringen einer Mesusa auch ein religiöses Gebot. Die Mesusa kennzeichnet ein jüdisches Heim und ist identitätsstiftend. Hier wurde also eine Volkstradition mit der Halacha in Einklang gebracht.

Die Basler Schau zeigt auch ein einzigartiges Phänomen aus der Schweiz und Süddeutschland, die sogenannten „Halsgezeige“. Das sind dekorierte Stoffbänder mit eingenähten Münzen und drei Perlen. Sie wurden neugeborenen Kindern umgelegt, um sie zu schützen. Knaben galten als besonders gefährdet, insbesondere am Beschneidungstag. Einem Jungen wurde daher zum Teil sogar ein rosa Band umgelegt, damit die böse Lilith ihn für ein Mädchen halte und verschone. Lilith ist nach der Volksmythologie die erste Frau Adams, die ihn verließ, aufmüpfig war und seither danach trachtet, Kinder zu ermorden. Solche Halsgezeige oder auch der Brauch, das ganze Kinderzimmer mit Scherenschnitten und Spruchzetteln gegen Lilith und böse Engel auszustaffieren, entsprangen der großen Gefahr, der Mütter und ihre Säuglinge im Kindbett ausgesetzt waren. Im 18. und 19. Jahrhundert wusste man sich offensichtlich nicht anders zu helfen.

Auch viele andere der in Basel gezeigten Objekte kreisen um Geburt, Mutter und Kind. Ein Scherenschnitt-Amulett für die Wochenstube aus der Ukraine zeigt, wie weit verbreitet diese Praxis der Glücksboten war. Der ukrainische Scherenschnitt enthält auch die für solche Glücksbringer typischen Elemente: Die Erzmütter und Erzväter werden zum Schutz vor der bösen Zauberin Lilith und deren drei Helfern, den bösen Engeln Senoi, Sansenoi und Semangelof, angerufen. In der Mitte steht der Davidsstern flankiert von zwei Löwen, Kannen und Psalmenversen. Bei den Text-Amuletten ist der Einfluss der Kabbala am deutlichsten, in die auch viel Volksmythologie eingeflossen ist. Papieramulette erleben derzeit ein großes Revival in den neuen chassidischen Bewegungen in Israel und Osteuropa.

Und noch ein weiteres lehrt die Basler Ausstellung: Wie interkulturell Amulette funktionieren. Das prominenteste Beispiel ist die Chamsa, die das Böse abwehrende Hand, in mannigfaltigen Abwandlungen. Im Islam heißt sie „Hand der Fatima“, und auch Christen in Nordafrika kennen dieses Zeichen mit oder ohne blauen Stein darin. Die Farbe Blau ist rund um das Mittelmeer verbreitet, um Böses fernzuhalten, sei dies nun in Griechenland oder Marokko. Volksfrömmigkeit oder Aberglaube überwinden ethnische und konfessionelle Grenzen. Allerdings ist auch die Skepsis gegenüber magischen Formeln und dem Amulett-Tragen religions- und länderübergreifend.