13. Jahrgang Nr. 7 / 26. Juli 2013 | 19. Aw 5773

Treffen der Talente

In Stuttgart findet alljährlich der Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerb statt

Von Brigitte Jähnigen

Stuttgart hat sich in den vergangenen Jahren bundesweit als Austragungsort des Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerbs einen Namen gemacht. Für den 7. Wettbewerb hatten sich im Juni dieses Jahres mehr als 60 Nachwuchstalente aus allen Teilen der Bundesrepublik, aus der Schweiz, Israel sowie aus Brasilien und sogar China angemeldet.

Das ist nicht nur ein großer Erfolg für die Initiatoren des zweitägigen Förderwettbewerbs und die gastgebende Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), sondern auch eine Würdigung des Namensgebers. Karl Adler (1890–1973) war in der Weimarer Zeit der wohl bekannteste und bedeutendste jüdische Musikwissenschaftler Deutschlands. Ab 1921 baute er die Laienmusikabteilung der Stuttgarter Hochschule für Musik zum „Neuen Konservatorium für Musik, Stuttgart“ aus. Neben seiner Lehrtätigkeit engagierte sich Adler auch bei Bnai Brith und war ab Mitte der zwanziger Jahre am Aufbau des jüdischen Lehrhauses in Stuttgart beteiligt. Im Mai 1933, vier Monate nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, wurde er als Direktor des Neuen Konservatoriums für Musik abberufen, blieb aber bis 1940 in Stuttgart, ehe er in die USA emigrierte. Karl Adler starb nach erfolgreicher Aufbauarbeit der Musikabteilung an der Yeshiva University New York im Jahre 1973 in den USA. Ein Leben für die Musik – so lässt sich seine Laufbahn beschreiben.

Ein Leben für die Musik kann sich auch die diesjährige Wettbewerbsteilnehmerin Eva-Maria Pozin vorstellen. Die Neunjährige sagt es geradeaus: „Ich mag es, auf der Bühne zu spielen.“ Es sei einfach „aufregend“. Seit ihrem vierten Lebensjahr spielt sie Violine und Klavier.

Am ersten Wettbewerbstag trägt sie ihr Programm für Geige – den Nata-Walzer, Opus 51, Nr. 4 von Peter I. Tschaikowski, das Caprice für Geigen-Solo in D-Dur, Opus 3, Nr. 28 sowie Sicilienne und Rigaudon von Fritz Kreisler – der international besetzten Jury unter Vorsitz von Professor Josef Rissin vor.

Eva-Marias Üben und die Unterstützung ihrer Mutter, einer Klavierlehrerin, haben sich gelohnt: Für ihren Geigenvortrag erhält die Neunjährige in ihrer Altersgruppe einen ersten Preis. Am zweiten Wettbewerbstag wird sie für ihren Beitrag auf dem Klavier ebenfalls mit einem ersten Preis ausgezeichnet.

„Mit dem Wettbewerb gehen wir auf die Zuwanderer zu, denn eine klassisch-musikalische Ausbildung spielt in diesen Familien noch immer eine große Rolle“, sagt die Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, Barbara Traub. In diesem Jahr hat die IRGW die Veranstaltung mit 7.500 Euro finanziert und damit einen Finanzierungsengpass, an dem der Wettbewerb fast gescheitert wäre, überbrückt.

Ziel der württembergischen Gemeinde, so Vorstandssprecherin Traub, sei es, die Wertschätzung der Familien gegenüber der Musik zu fördern. Diese Intention hatten auch die Initiatoren des Förderwettbewerbs, der Stuttgarter Unternehmer Martin Widerkehr und die Musikerin Margarita Volkova-Mendzelevskaya, derzeit künstlerische Leiterin des Wettbewerbs.

Wer die Programme der vergangenen Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerbe durchblättert, dem fallen sofort die fast ausnahmslos russischen Namen der Lehrer auf. Beim Auftritt der Teilnehmer ist zu beobachten, dass die Kinder von ihren Müttern am Klavier begleitet werden. Wie elektrische Spannung knistert es im Vortragssaal der IRGW. Interviews im Vorfeld des Wettbewerbs sind bei fast allen Nachwuchs-Talenten und ihren Familien tabu. Wenn aber die Preise verliehen sind, stellen sich die Sieger bei einem traditionellen Preisträgerkonzert alljährlich der Stuttgarter Öffentlichkeit.

„Der Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerb ist eine sehr geeignete Förderung für unsere musikalischen Kinder“, sagt Margarita Volkovo-Mendzelevskaya. „Wir können von Jahr zu Jahr beobachten, wie das Niveau steigt.

Wie sehr sich Auszeichnungen und Preise auf die Motivation junger Musiker auswirken, kann Cezar Salem erzählen. „Man weiß nicht immer so genau, ob man wirklich gut ist, eine Förderung ist dann ein gutes Feedback“, sagt der 24-jährige Geiger.

„Deutschland ist der beste Platz, um klassische Musik zu studieren“, sagt Salem. Die Tradition und Infrastruktur an den deutschen Musikhochschulen waren es, die den gebürtigen Brasilianer vor neun Jahren nach Deutschland zogen. „Warum ausgerechnet Deutschland?“, sei er in Rio de Janeiro von seinen jüdischen Freunden gefragt worden. „Ich konnte ihnen schon bald sagen, Deutschland hat sich sehr verändert“, sagt der Musiker. Und Kinder und Jugendliche aus jüdischen Familien mit einem eigenen Wettbewerb zu fördern, hält der beim diesjährigen Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerb gemeinsam mit seinem Stuttgarter Musikerkollegen David Tonojan (Klavier) ausgezeichnete Geiger für „eine wunderbare Idee“.