13. Jahrgang Nr. 7 / 26. Juli 2013 | 19. Aw 5773

Ein Stück Identität

Sozialarbeit wird in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ernst genommen – und will gelernt sein

Von Heinz-Peter Katlewski

Sozialarbeit wird in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland groß geschrieben. Nicht nur, weil zahlreiche Mitglieder der jüdischen Gemeinden auf Beratung und Unterstützung angewiesen sind, sondern auch, im Einklang mit jüdischer Ethik, als ein Wert an sich. Ein konkreter Ausdruck dieser Haltung ist der von der Fachhochschule Erfurt in Zusammenarbeit mit dem Zentralrat der Juden und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) durchgeführte Studiengang „Jüdische Sozialarbeit“. Um den zumeist berufstätigen Studierenden die Teilnahme zu erleichtern, veranstaltet die Fachhochschule sechs- bis siebenmal im Jahr mehrtätige, gebündelte Lehrveranstaltungen im Max-Willner-Heim der ZWST in Bad Sobernheim. Ein solches Blockseminar fand zuletzt im Mai dieses Jahres statt.

Die 30 Teilnehmer kamen nicht zum ersten Mal in den beschaulichen Ort. Sie studieren bereits im vierten Semester, zwei weitere Jahre haben sie noch vor sich. Viele sind schon seit längerem ehren- oder sogar hauptamtlich Mitarbeiter jüdischer Gemeinden oder Organisationen und opfern nun einen großen Teil ihrer Freizeit, um einen anerkannten Hochschulabschluss zu erwerben.

Nina Eisenberg ist eine von ihnen. Sie engagiert sich in der Sozialarbeit der Jüdischen Gemeinde Koblenz. Maria Kese kommt aus Bielefeld und hat dort ehrenamtlich mit Kindern gearbeitet. In Russland war sie zuvor zehn Jahre lang Grundschullehrerin. Auch Vladimir Rodienski ist ein ausgebildeter Lehrer, doch sein russisches Diplom ist in Deutschland nicht viel wert. Er begann deshalb, sich an der Sozialarbeit der Jüdischen Gemeinde Pforzheim zu beteiligen. Nun möchte er seine praktische Erfahrungen um solides Fachwissen erweitern und auf ein Qualitätsniveau heben, das ihm in einer jüdischen Gemeinde die Tür zu einer regulären Stelle öffnen soll. „Nicht unbedingt in Pforzheim“, sagt er, „die Kinder sind schon erwachsen, ich kann überall in Deutschland eine Stelle annehmen.“ Um ein solches Ziel zu erreichen, müssen er und seine Mitstudierenden einigen Einsatz zeigen: Zusätzlich zu insgesamt 1.800 Stunden in Blockseminaren und Online-Kursen müssen sie weitere 1.800 Stunden für das Selbststudium in den eigenen vier Wänden aufbringen.

Flexibilität ist ein Muss. Nur die größeren Gemeinden haben einen Etat, der Sozialarbeiter als selbstverständlich vorsieht. Allerdings könnten auch kleinere Gemeinden Stellen schaffen, sofern sie projektbezogene Anträge bei Behörden und staatlichen Institutionen stellen, weiß die Studienkursleiterin für „Jüdische Sozialarbeit“, Prof. Dr. Esther Weitzel-Polzer. Die Aussichten für deren Bewilligung seien weit besser, wenn sie von Sozialarbeitern mit einem anerkannten Hochschulabschluss gestellt würden. Hier lägen die Chancen der Absolventen. Alle Teilnehmer der ersten Studiengruppe (2007–2010) hätten nach ihrem Diplom eine Stelle bekommen, betont die Professorin, meist in jüdischen Gemeinden, manche aber auch in nichtjüdischen Sozialeinrichtungen.

Als 2007 Zentralrat und Zentralwohlfahrtsstelle den ersten Studiengang auf den Weg brachten, wollten sie die fachliche Infrastruktur der Gemeinden durch die Qualifikation von geeigneten Gemeindemitgliedern und Mitarbeitern aus den eigenen Reihen verbessern. Mindestvoraussetzung für die Bewerbung waren ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache sowie das Abitur oder eine andere vergleichbare Hochschulzugangsberechtigung. Seit dem letzten Jahr sind sieben Studenten des orthodoxen Rabbinerseminars zu Berlin zu der Gruppe gestoßen. Sie sollen hier neben ihren rabbinischen Studien auch eine akademische Qualifikation in sozialer Arbeit erwerben. Manche kleinere Gemeinde könnte bei einem solchen Profil die Chance wittern, beides in einer Person gewinnen zu können: einen Sozialarbeiter und einen Rabbiner.

Durchaus keine abwegige Idee, meint Zeev-Wolf Rubins, Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz. „Die Leute kommen zu mir wegen sozialer Probleme oder weil sie wissen wollen, wie sie ihren Zahnersatz finanzieren sollen.“ Auch er hat sich deshalb für dieses Studium eingeschrieben und hofft, seinen Gemeindemitgliedern damit nützlich sein zu können.

Dass davon auch die jüdische Tradition weiß, soll ein Zitat aus dem Talmud-Traktat „Pirqe Avot“ (Sprüche der Väter) signalisieren, das der Beschreibung des Studiengangs vorangestellt ist: „Auf drei Dingen steht die Welt: Auf der Tora, auf dem Gottesdienst und auf Gemilut Chassidim – gute Taten“ oder eben auch Sozialarbeit.

Was aber ist das Besondere an „Jüdischer Sozialarbeit“? „Es ist die biblische Sozialethik“, meint Susanne Zeller, ebenfalls Professorin an der Fachhochschule Erfurt. Zweidrittel bis Dreiviertel des Curriculums seien zwar inhaltlich identisch mit dem, was auch an staatlichen, katholischen oder evangelischen Fachhochschulen für Sozialarbeit gelehrt werde. Es gebe aber auch Module, die sich mit Religion und Kultur beschäftigten.

Juden, so Professorin Susanne Zeller, sei die Sozialarbeit in der Tora in zahlreichen Versen zum Verhalten gegenüber Armen, Abhängigen und Bedürftigen quasi verordnet worden. Das rabbinische Judentum habe diese biblischen Gebote unter dem Begriff „Zedaka“ weiterentwickelt. Gerechtes Handeln in Form von Almosen und Wohltätigkeit, erläutert Zeller, dürften nicht im Gewand individueller Großzügigkeit daher kommen. Sie gälten nicht als freiwillige Leistungen, sondern als Verpflichtungen gegenüber Gott. Spätestens seit dem Mittelalter sei diese grundsätzliche Solidarität für die jüdische Gemeinschaft von existenzieller Bedeutung gewesen. Jüdische Gemeinden hätten sich jedoch nie nur die Aufgabe gestellt, das materielle Überleben in Not geratener Mitglieder zu sichern. Es sei stets auch um das Überleben als Minderheit gegangen. Sozialarbeit, Erziehung und jüdische Kultur bilden also von jeher eine Einheit. Das ist eine Botschaft, die auch die Seminare in Bad Sobernheim wie ein roter Faden durchzieht.