13. Jahrgang Nr. 7 / 26. Juli 2013 | 19. Aw 5773

Mit gebotenem Ernst

Christliche Missionierungsversuche sind keine existenzielle Gefahr für die jüdische Gemeinschaft, dürfen aber nicht ignoriert werden / Interview mit Rabbiner Dr. h.c. Henry G. Brandt

Die Judenmission – Versuche, Juden zum Christentum zu bekehren – sorgt in Deutschland wiederholt für Irritationen. Von jüdischer Seite wird sie zu Recht nicht nur als feindselige Handlung abgelehnt, sondern auch als eine Belastung des Dialogs zwischen den beiden Religionen aufgefasst. Auch wenn sich das Problem, statistisch betrachtet, in Grenzen hält, so ist es doch grundsätzlicher Natur und wird von der jüdischen Gemeinschaft auch so behandelt. Die „Zukunft“ sprach mit dem Vorsitzenden der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Rabbiner Dr. h.c. Henry G. Brandt, über Probleme, die die Judenmission nach sich zieht, und über jüdische Reaktionen auf Bekehrungsversuche.

Zukunft: Herr Rabbiner Brandt, wie verbreitet ist die Judenmission in Deutschland?

Rabbiner Brandt: Sie ist nicht sonderlich weit verbreitet. Wir wissen, dass es vor allem seitens evangelikaler Kreise Versuche gibt, Juden zum Christentum zu bekehren. Das ist aber nicht die offizielle Politik der Evangelischen Kirche in Deutschland, der EKD. Der Vorsitzende des Rates der EKD, Nikolaus Schneider, hat sich auch wiederholt gegen jegliche Missionierung von Juden ausgesprochen. Die katholische Kirche hält sich grundsätzlich von missionarischen Aktivitäten gegenüber Juden fern, auch wenn man vielleicht nicht für jeden einzelnen Priester die Hand ins Feuer legen kann.

Wie ernst sollte die jüdische Gemeinschaft in Deutschland die Judenmission denn nehmen?

Mit gebotenem Ernst, also weder ignorieren noch in Panik geraten. Von einer ernsten Gefährdung unserer Gemeinschaft durch die Judenmission kann keine Rede sein. Auch werden Missionierungsversuche von den angesprochenen Juden in aller Regel völlig missachtet. Ich will aber nicht ausschließen, dass Menschen in Einzelfällen für solche Einflüsterungen empfänglich werden können, und auch das ist zu viel. Für uns ist jeder wichtig, und wir können uns auch mit dem Verlust eines einzelnen Juden nicht abfinden.

Es gibt einen weiteren Aspekt. Die Missionare sprechen dem Judentum die Daseinsberechtigung ab, wenn sie sagen, wir sollten Christen werden. Das ist in jedem Fall eine Kränkung. Auch nicht zu vergessen: Die Missionierung steckt uns vor dem historischen Hintergrund jahrhundertelanger Zwangstaufe und Verfolgung tief in den Knochen.

Es wird gelegentlich behauptet, Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion seien für Missionierungsversuche besonders anfällig.

Es stimmt, dass der Großteil der Zuwanderer in der Sowjetära ohne Verbindung zur Religion gelebt hatte. Allerdings hat sich das in Deutschland erheblich geändert. Zudem hatten sowjetische Juden unter dem Kommunismus doch ein gewisses jüdisches Selbstbewusstsein. Dieses war meistens nicht religiöser Natur, aber das macht sie ja nicht zu Kandidaten für einen Religionswechsel.

Indessen können Menschen in einer Notlage für Einflussnahme durch Missionare empfänglicher sein Das ist vor allem dann das Fall, wenn ihnen ökonomische oder sonstige Vorteile in Aussicht gestellt werden – beispielsweise ein Arbeitsplatz.

Sollte man Israel als Vorbild nehmen? In Israel ist das Anbieten materieller Vorteile im Gegenzug für einen Religionswechsel – egal um welche Religion es sich handelt – gesetzlich verboten.

Man muss eine Nuss nicht immer mit dem großen Hammer knacken. Eine Strafverfolgung missionarischer Bestechung würde in vielen Fällen allein schon am Mangel gerichtlich verwertbarer Beweise scheitern. Und was würde als strafbares Angebot gelten? Wenn ein Jude der Einladung in die Kirche folgt, weil es dort Kaffee und Kuchen gibt? Ich halte ein solches Gesetz nicht für sinnvoll.

Was ist denn eine passende Antwort auf Missionierungsversuche?

Die wichtigste Antwort ist eine Stärkung des jüdischen Bewusstseins. Darum bemühen wir uns in den Gemeinden natürlich in jedem Fall und ohne jeglichen Bezug zur Judenmission. Es hilft aber auch in diesem Zusammenhang.

Wir sollten zudem einen konstruktiven Dialog mit den Kirchen führen. Es ist wichtig, dass die Kirchen sich gegen die Judenmission aussprechen, und zwar nicht nur aus politischen Gründen, das heißt, weil die Judenmission sie in Verlegenheit bringt. Es geht vielmehr darum, dass die Kirchen auch die theologische Ablehnung der Judenmission betonen. Es muss laut und deutlich ausgesprochen werden, dass Juden als Juden nicht nur unserer Meinung nach, sondern auch laut der christlichen Theologie die Heilsfähigkeit besitzen und dazu nicht erst Christen werden müssen.