13. Jahrgang Nr. 7 / 26. Juli 2013 | 19. Aw 5773

Vielfalt vermitteln

Alle Bevölkerungsgruppen haben Anspruch auf Respekt und Akzeptanz

Im Juli haben 22 Organisationen, die eine breite Palette von Bevölkerungsgruppen vertreten, sich für die Integration von Migranten einsetzen und gegen Rassismus kämpfen, einen Aufruf zum Bundestagswahlkampf veröffentlicht. Zu den Unterzeichnern der Erklärung gehört auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann. Die Unterzeichner fordern, die gesellschaftliche Vielfalt in Deutschland zu respektieren und die Würde aller Menschen unabhängig von Hautfarbe und Herkunft – wie im Grundgesetz verbrieft – auch in Wahlkampfzeiten zu achten. Sie verurteilen alle Versuche, bestimmte Bevölkerungsgruppen durch verkürzte Forderungen oder mit Pauschalzuschreibungen zu stigmatisieren und auszugrenzen. Dies, heben sie hervor, gelte unabhängig davon, ob sie von rechtsextremen Parteien oder von Kandidatinnen und Kandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien ausgingen.

Man wünschte sich, selbstverständlich, dass solche Ermahnungen im demokratischen Deutschland des Jahres 2013 überflüssig wären. Leider sind sie das nicht. Wie die Unterzeichner der Erklärung zu Recht betonen, sind rassistische, antisemitische und islamfeindliche Einstellungen in der gesamten Bevölkerung verbreitet und reichen bis in die Mitte der Gesellschaft. Daher war der Aufruf notwendig; er muss beachtet und von allen demokratischen Kräften mitgetragen werden. Das gilt natürlich nicht nur für den Wahlkampf, auch wenn dieser eine besondere Situation schafft. Der Schutz demokratischer Grundwerte ist eine dauerhafte Aufgabe.

Eine wesentliche Voraussetzung für einen auf Respekt beruhenden Umgang mit allen Gruppen der Bevölkerung ist die Akzeptanz des tiefgreifenden Wandels, den die deutsche Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat und weiter durchmachen wird. Das alte Bild von einem Land, in dem Minderheiten kaum vorhanden sind und ein Dasein am Rande einer „echt“ deutschen Kerngesellschaft führen, ist längst überholt. Heute gilt es, alle Gruppen der Bevölkerung als gleich wichtige und gleichgestellte Teile der Gesellschaft anzuerkennen.

Es ist klar, dass sich ein Bewusstseinswandel dieser Art nicht dekretieren lässt. Allerdings sind alle politischen und gesellschaftlichen Kräfte aufgefordert, auf ihn hinzuwirken. Das bedeutet mehr, als rassistische Angriffe und Ausfälle zu verurteilen. So notwendig klare Stellungnahmen gegen jede Form von Hass sind, so liegt eine nicht minder wichtige Aufgabe im Erziehungsbereich. Dort muss das Bild eines Landes vermittelt werden, das seine Vielfalt nicht als eine Last, sondern als eine im Zeitalter der globalen Mobilität natürliche Veränderung empfindet. Es geht längst nicht nur um „Gastarbeiter“, die sich „geweigert“ haben, nach Ablauf ihres Arbeitsvertrages in ihre angestammte Heimat zurückzukehren.

Heute sind in Deutschland Menschen unterschiedlichster Herkunft, Religionszugehörigkeit oder auch Hautfarbe keine Gäste, sondern hier zu Hause. In den nächsten Jahrzehnten werden viele weitere kommen und zwischen Rhein und Oder heimisch werden. Die demographische Entwicklung Deutschlands macht einen massiven Zuzug aus anderen Ländern dringend erforderlich.

Als Juden haben wir in doppelter Hinsicht grundlegendes Interesse daran, dass der neuen deutschen Vielfalt mit Respekt und mit Akzeptanz begegnet wird. Zum einen mussten Juden im Laufe der Geschichte nur zu schmerzhaft erfahren, wozu Ausgrenzung und Ablehnung führen können. Zum anderen aber wurden nach dem Judentum alle Menschen in Gottes Ebenbild erschaffen. Das begründet einen für alle Bevölkerungsgruppen geltenden, inhärenten Anspruch auf Gleichheit und Akzeptanz. Dafür setzt sich die jüdische Gemeinschaft – nicht nur in Zeiten des Wahlkampfs – auch konsequent ein. zu