5. Jahrgang Nr. 1 / 28. Januar 2005 - 18. Schwat 5765

Altes und neues jüdisches Leben

Gemeinde Kassel will Kontakt zu seiner nicht-jüdischen Umgebung – ein Portrait von Irina Leytus

„Der Hersteller hat uns garantiert, dass unser ,Ewiges Licht’ in der neuen Synagoge 99 Jahre lang brennen würde. Uns ist das etwas unheimliche, denn die alte Synagoge, die bis 1938 in der Unteren Königstraße stand, wurde genau 99 Jahre alt“, erklärt Esther Haß vom Vorstand der jüdischen Gemeinde Kassel.

Ein kurzer Rückblick: 1839 wurde nach drei Jahren Bauzeit die Synagoge an der belebten Unteren Königstraße in der nord-hessischen Stadt eingeweiht. Von einem „Sohn“ der Gemeinde entworfen, dem jungen Architekten Albrecht Rosengarten, der aus einer jüdischen Kasseler-Familie stammte, sollte sie sich – gemäß der damals vorherrschenden Vorstellung - zwar architektonisch selbstbewusst darstellen, aber in ihrer Bauweise von der Umgebung nicht allzu sehr unterscheiden. Mit ihrer schnörkellosen Fassade, den Rundbögen und dem gelblich-weißem Bruchstein fügte sie sich harmonisch in Stadtbild.

Was für ein Kontrast zu dem im Jahre 2000 eingeweihten Neubau des jüdischen Architekten Alfred Jacobi! Nicht weit vom Vorgängerbau entfernt, steht die neue Synagoge in einer kleineren Seitenstraße. Mit ihrer geschwungenen Fassade, den großen weiß verputzten und gebeizten Holzwänden setzt sie bewusst ein Zeichen in der Nachbarschaft, die geprägt ist von schlichten Mietshäusern aus den Sechziger Jahren, erdrückt diese dennoch nicht und fügt sich gefällig in die zwei- bis dreistöckige Bebauung ein. Ein weiterer großer Unterschied zum alten Gotteshaus verbirgt sich im Innenraum: Während in der Synagoge in der Unteren Königstraße nach liberalem Ritus und sogar mit einer Orgel gebetet wurde, geht es in ihrer Nachfolgerin in der Bremer Straße orthodox zu. Aber dennoch: Während die Synagoge heute fotografiert werden darf - natürlich nicht am Shabbat oder Yom Kippur -, war dies im 19. Jahrhundert streng verboten. Die Gemeinde erteilte damals dem Grafiker Wilhelm Thielmann den Auftrag, das Geschehen im Betraum für die Nachwelt zu verewigen. „In dreijähriger Arbeit entstanden die „Bilder aus der Synagoge“, die detailgetreu und profund - bedenkt man, dass der Künstler nicht jüdisch war - ausgeführt worden sind und für uns nicht nur künstlerisch, sondern auch historisch von Bedeutung sind“, so Esther Haß. Die Lithografien waren zentraler Bestandteil der Ausstellung „Kasseler Synagogen“ im Stadtmuseum, die zur Einweihung der Neuen Synagoge in der Bremer Straße gezeigt wurde.

1280 Mitglieder zählt die Gemeinde in Kassel heute. Sie hat neben dem Mammutprojekt des Synagogen-Neubaus in den vergangenen Jahren vor allem viel im sozialen und pädagogischen Bereich geleistet. Eine eigene koschere Küche, zwei Friedhöfe, ein Krankendienst und vielfältige Kurse - wie zum Bespiel Thora für Senioren, ein Vorschulsprachkurs Deutsch, Religionsunterricht – sind wichtige Aufgaben der nordhessischen Gemeinde. Seit April 2004 hat sie endlich auch einen eigenen Rabbiner, Shlomo Freyshist. Seine Smicha hat Freyshist in Israel gemacht, geboren wurde der 32-Jährige aber in Moskau. Es war eine kluge Entscheidung der Gemeinde, Freyshist zu beschäftigen, bedenkt man, dass die Gemeinde zu 93 Prozent aus Neueinwanderern besteht.

Der dreiköpfige Gemeinde-Vorstand – Rachel Grossbach, Esther Haß und Semen Katz – investiert viel Energie nicht nur in die Arbeit nach innen, sondern auch nach außen, um das Wissen über jüdisches Leben in der Gesellschaft zu fördern. Den Erfolg seiner Arbeit spürt der Vorstand ganz direkt, etwa beim Interesse an seinem „Gregorianische Kalender“. Der von Esther Haß zusammengestellte und seit zehn Jahren von der Gemeinde herausgegebene Kalender stellt nicht nur drei Konfessionen im Vergleich vor, sondern präsentiert auch verständliche und „wertneutrale“ Erklärungen zu den einzelnen jüdischen, christlichen und muslimischen Feiertagen. Die erste Auflage für 2005 ist bereits ausverkauft. Der Kalender kann aber von „Zukunft“-Lesern für den Preis von 4 € bestellt werden (Telefon: 0561/788 09 30)