13. Jahrgang Nr. 6 / 28. Juni 2013 | 20. Tammus 5773

Die Vision bleibt

Israels Einstieg in die Elektromobilität ist gescheitert, doch ist elektrischer Antrieb für Kfz keineswegs vom Tisch

Im Mai hat die israelische Firma Better Place – nicht zum ersten, wahrscheinlich aber zum letzten Mal – große Schlagzeilen gemacht. Das Unternehmen, das bei seiner Gründung im Jahr 2007 unter dem Motto „Weg vom Öl“ die weltweite Umstellung des Straßenverkehrs auf vollelektrische Kfz einleiten wollte, reichte bei einem israelischen Gericht den Antrag auf Insolvenz ein. Diese Entscheidung war unvermeidlich geworden, nachdem der Hauptanteilseigner, die Israel Corporation, und andere Investoren die weitere Finanzierung verweigert hatten.
Ganz unverständlich war die Entscheidung der Kapitalgeber nicht, waren doch die rosigen Visionen des Firmengründers und israelischen High-Tech-Genies Shai Agassi zu tiefroten Zahlen in der Geschäftsbilanz mutiert. In Israel, dem ersten und wichtigsten Markt für die von Better Place angebotenen Stromgefährte des Typs Renault Fluence, wurden gerade mal 900 Fahrzeuge verkauft. Damit konnte das teure Netz von 38 Batteriewechselstationen und 1.800 Aufladestationen nicht ausgelastet werden. In Dänemark kamen weitere 400 verkaufte Wagen hinzu. In anderen Ländern, in denen die Firma auf einen Durchbruch gehofft hatte, blieben die vermeintlichen Renner in der Start-Box stecken.
Zum Zeitpunkt der Firmenschließung war Agassi übrigens nicht mehr Geschäftsführer. Dieses Postens hatten ihn die Investoren bereits im Oktober 2012 enthoben, um das Steuer einem weniger visionären, dafür aber kommerziell versierteren Chef-Manager zu übergeben. Für den Neuanfang war es dann aber doch zu spät; was folgte, war die Pleite. Von den 850 Millionen Dollar, die das Unternehmen investiert hatte, mussten satte 812 Millionen als Verlust abgeschrieben werden.
Dem Elektrowagen war vor allem seine technische Unausgereiftheit zum Verhängnis geworden. Die Antriebsbatterie der von Renault gelieferten Pkw war unter optimalen Bedingungen auf bis zu 200 Kilometer Fahrstrecke ausgelegt – im Vergleich zur Tankfüllung eines Benziners nicht gerade viel. In der Praxis des israelischen Straßenverkehrs, Stichwort Stau, lag die Reichweite der Batterie sogar bei nur 120 Kilometer, bevor sie ausgewechselt oder in einem zeitraubenden Verfahren aufgeladen werden musste. Da wurde selbst eine Hin- und Rückfahrt von Tel Aviv nach Jerusalem zum Problem. Was passiert, fragten sich potenzielle Käufer, wenn gerade keine Wechselstation erreichbar ist? Und wer hat schon Lust, so oft zum Batteriewechsel anzuhalten? Trotz der in Israel beträchtlichen steuerlichen Vorteile waren die Stromautos nicht einmal in finanzieller Hinsicht besonders attraktiv. Kurzum: Nicht nur der Visionär Agassi, sondern auch seine Geldgeber hatten sich hinsichtlich der kommerziellen Realisierbarkeit ihres Geschäftsmodells gründlich verschätzt.
Trotzdem gibt es Anlass zur Hoffnung, dass das grundlegende Konzept – die Ersetzung fossiler Treibstoffe durch Elektrizität – mit dem Untergang von Better Place nicht vom Tisch ist. „Bei einer Batteriereichweite von 400 Kilometern“, urteilte etwa die israelische Wirtschaftszeitung Globes, „wäre das Elektroauto ein internationaler Hit“.
Daher darf das israelische Experiment nicht nur negativ bewertet werden. Immerhin hat Better Place bewiesen, dass der Aufbau einer landesweiten Infrastruktur für die Elektromobilität grundsätzlich möglich ist. Immerhin gibt es in Israel Hunderte von Stromauto-Besitzern, die mit ihren Fahrzeugen von der libanesischen Grenze bis nach Eilat fahren können, falls sie den damit einhergehenden Batteriewechsel auf sich nehmen. Zudem wird der Elektroantrieb in den kommenden Jahren weiterentwickelt. Batterien mit einer Reichweite von 400 Kilometern und mit kürzeren Aufladezeiten müssen kein unerfüllbarer Traum bleiben. Wissenschaftler und Ingenieure arbeiten jetzt schon daran. Möglicherweise kommt der Strom künftig aber auch gar nicht aus der Batterie, sondern aus einer Brennstoffzelle, die Strom nicht speichert, sondern ihn aus laufend zugeführtem Wasserstoff selbst erzeugt.
Ob Israel wieder zum Testgelände für Elektrowagen werden wird, bleibt abzuwarten. Mit Sicherheit werden israelische Investoren aus dem geschäftlichen Fiasko von Better Place lernen und die Finanzierbarkeit eines solchen Großvorhabens besser durchrechnen. Allerdings trägt Israel auch auf andere Weise zur Vision eines weitgehend von Erdöl unabhängigen Verkehrs bei: Im vergangenen Jahr ist ein von der Regierung ins Leben gerufenes Forschungsprogramm zur Entwicklung elektrochemischen Antriebs für Kfz angelaufen. Das von vier Universitäten und zwölf Forschungsgruppen realisierte Programm konzentriert sich auf die Entwicklung besserer Antriebsbatterien ebenso wie auf Brennstoffzellen. Israel hat nicht nur ein ökonomisches und ökologisches, sondern auch ein strategisches Interesse daran, die weltweite Abhängigkeit von Erdöl zu senken, das nun mal auch in Israel feindlich gesinnten Staaten gefördert wird. Das erklärt, versteht sich, das große Interesse des jüdischen Staates an alternativen Antriebsarten. In jedem Fall ist Agassi und Better Place ein Platz im Pantheon der Elektromobilität sicher. wst