13. Jahrgang Nr. 6 / 28. Juni 2013 | 20. Tammus 5773

Tod statt Tilgung

Es waren nicht nur theologische Gründe, aus denen Kirche und christliche Mehrheitsgesellschaft sich Geld bei Juden liehen. Ein weiterer „Vorteil“, den jüdische Gläubiger aus Sicht der Schuldner boten, war ganz anderer Natur: Bei Bedarf ließ sich die Tilgung eines bei Juden aufgenommenen Darlehens leichter umgehen. Die Möglichkeiten des jüdischen Kreditgebers, seinen Anspruch gegen mächtige Schuldner durchzusetzen, waren begrenzt. Davon profitierten zuweilen auch Dritte. Wenn sich ein Herrscher der Gunst seiner Getreuen versichern und sie für ihre Dienste entlohnen wollte, erließ er ihnen einfach ihre Schulden bei den jüdischen Gläubigern.
Man musste aber kein Fürst sein, um sich vor der Kredittilgung zu drücken. Notfalls konnte man dem jüdischen Gläubiger den Schuldschein oder das Pfand mit Gewalt rauben und den Juden töten. Ein Beispiel dafür ist der Pogrom im jüdischen Viertel von Frankfurt am Main am 24. Juli 1349. Urheber der „Frankfurter Judenschlacht“, wie das Massaker betitelt wurde, waren zwar Glaubensfanatiker von außerhalb der Stadt. Allerdings machten auch Frankfurter Bürger gern mit: Statt die Juden vor den Angreifern zu schützen, wozu der Rat der Stadt aufgefordert hatte, schlugen sich viele Frankfurter auf die Seite der Feinde, drangen selbst in jüdische Häuser ein, ermordeten die Bewohner, plünderten deren Habe und steckten die Gebäude in Brand.
Dafür bot der tschechische Historiker und Auschwitz-Überlebende Frantisek Kraus eine ökonomische Erklärung: Die Gewalt war „die einfachste Form der Schuldentilgung“, hatten doch, wie zahlreiche Urkunden belegen, in den Jahrzehnten zuvor viele Frankfurter Bürger Kredite bei ortsansässigen jüdischen Geldverleihern aufgenommen. Allerdings wurden nicht nur Schuldscheine und Pfänder, sondern auch Wertgegenstände aus den Häusern der Beraubten mitgenommen. Tatsache ist, dass wenig später mehrere kostbare hebräische Handschriften in christlichem Besitz auftauchten. Auch ein weiterer Umstand legt nahe, dass wirtschaftliche, nicht religiöse Motive den Ausschlag gaben: Anders als in der ersten „Frankfurter Judenschlacht“ von 1241, bei der sich etliche Juden durch die Taufe vor dem Tod retten konnten, wurde 1349 keinem der Opfer diese Chance eingeräumt.
Barbara Goldberg