13. Jahrgang Nr. 6 / 28. Juni 2013 | 20. Tammus 5773

Den Stier bei den Hörnern gepackt

Das Jüdische Museum Frankfurt setzt sich mit dem antisemitischen Stereotyp von Geld und Juden auseinander

Von Barbara Goldberg

Kaum ein Klischee hat eine größere und schrecklichere Wirkungsmacht entfaltet als das Bild vom „reichen Juden“. Woher aber rührt die Selbstverständlichkeit, mit der Juden und Geld immer wieder miteinander assoziiert werden?
Diese Frage, die ins Zentrum aller antisemitischen Vorurteile zu zielen scheint, versucht jetzt eine Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt zu beantworten. Auf Grundlage der deutsch-österreichischen Sozial- und Kulturgeschichte der vergangenen eintausend Jahre wird die Genese des Geld-und-Juden-Stereotyps analysiert. Um Distanz zum Gezeigten zu schaffen, hat Kuratorin Liliane Weissberg die einzelnen Stationen innerhalb der Schau als „Bühnen“ konzipiert, auf denen das sich wandelnde Bild des „reichen Juden“ jeweils „inszeniert“ wird.
Dennoch stößt die nach Angaben des Museums außerordentlich gut besuchte Ausstellung zum Teil auf heftige Kritik: Manche Zuschauer, berichtet Museumssprecherin Daniela Unger, fühlten sich durch die Darstellung antijüdischer Vorurteile provoziert, weil diese in ihren Augen Klischees bestätige, statt sie, wie beabsichtigt, zu entlarven. Daher empfiehlt das Museum den Besuchern, sich beim Rundgang einer Führung anzuschließen oder einen Audio-Guide zu verwenden. Vor allem aber lohnt sich die Lektüre des Katalogs: Er liefert den sozialgeschichtlichen Hintergrund zu der Präsentation im Museum.
Zwei berühmte Theaterfiguren begleiten den Ausstellungsbesucher auf seinem Weg durch die Räume im ehemaligen Palais Rothschild: Shylock aus Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ und Nathan der Weise aus Lessings gleichnamigem dramatischen Gedicht. Der eine, Shylock, gilt als böse, er fordert ein Pfund Fleisch vom Körper seines Schuldners, falls dieser seinen Kredit nicht rechtzeitig tilgen kann. Nathan hingegen tritt für ein friedliches Miteinander aller drei monotheistischen Religionen ein. Aber Shylock und Nathan haben dennoch etwas gemeinsam: Beide sind reich und beide verleihen Geld.
Im Mittelalter blieb den Juden oft nichts anderes übrig, als durch das Finanzgewerbe ihren Lebensunterhalt zu sichern, denn von den Zünften, in denen sich die Handwerker organisierten, waren sie ausgeschlossen. Außerdem heißt es in der Tora „Du sollst deinem Bruder keinen Zins auferlegen. … Dem Fremden darfst du Zinsen auferlegen“ (5. Buch Mose 23:20–21): Das Verbot schloss Nichtjuden also nicht mit ein.
Für die Kirche galt es hingegen grundsätzlich als verwerflich, Geld für sich arbeiten zu lassen, statt selbst etwas zu produzieren. Allerdings konnte der Wirtschaftskreislauf ohne ein Kreditwesen nicht funktionieren. Da war es aus kirchlicher Sicht praktisch, dass Juden diese Lücke schlossen. So konnte man die eigenen Schäflein vor der Todsünde des Geldverleihs bewahren. Die Festsetzung des Zinssatzes oblag allerdings der christlichen Obrigkeit. Zudem mussten die jüdischen Geldverleiher für ihre Einnahmen hohe Steuern bezahlen. Weil mancher König oder Fürst auf diese zuverlässige Geldquelle nicht verzichten wollte, nahm er die Juden unter seinen persönlichen Schutz.
Viele jüdische Geschäftsleute betrieben im Mittelalter parallel mehrere Geschäftszweige, wobei der Handel mit Tuchen und Stoffen besonders stark vertreten war. Mit der Entdeckung Amerikas und der Expansion der Handelsbeziehungen nach Asien erweiterte sich das Warenangebot enorm: „Plötzlich bemaß sich der Reichtum einer Familie an der Größe ihrer Zuckerdose“, erzählt Liane Weissberg. Fürsten und Könige spannten Juden ein, damit sie dank ihrer weitverzweigten Verwandtschafts- und Geschäftsbeziehungen die neuen Luxusgüter für sie beschafften; gleichzeitig sollten sie ihnen mit Staatsanleihen auch das nötige Geld dafür zur Verfügung stellen. So entstand die Figur des Hofjuden. Zahlreiche Porträts in der Ausstellung bezeugen das neue Selbstbewusstsein dieser jüdischen Elite, die sich, gegen das religiöse Bilderverbot verstoßend, auf prächtigen Gemälden darstellen ließ.
Mit der Erfindung des Papiergeldes veränderte sich auch das Bild der Juden: „Beides wird abstrakter“, so Liliane Weissberg. Papiergeld zirkuliert, darin nicht unähnlich dem Stereotyp des heimatlosen Juden. Das Klischee vom Juden als Kapitalisten war geboren, ob er nun im Gewand des Kaufhauskönigs, Bankiers oder Börsenspekulanten in Erscheinung trat.
Selbst Wohltätigkeit trug dazu bei, das Gleichheitszeichen, das zwischen „Juden“ und „Geld“ gesetzt wurde, zu verstärken. Im Judentum ist Mildtätigkeit (Zedakah) ein wichtiges Gebot: Um der Gerechtigkeit willen unterstützt man Arme und Bedürftige. Je mehr sich die Juden im 19. Jahrhundert assimilierten, je mehr sie sich als Bürger ihres Staates sahen, desto häufiger gaben sie Geld für dessen Institutionen und förderten Universitäten, Museen und Krankenhäuser. Sie ernteten aber nicht nur Dankbarkeit. Weil die Spenden Reichtum sichtbar machten, zogen sie auch Neid und Hass nach sich. Dieser Hass verschärfte sich noch während der Weltwirtschaftskrise Ende der Zwanziger und Anfang der Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Plötzlich waren die Juden paradoxerweise „Kapitalisten“ und „Bolschewisten“. In Deutschland wurden sie als Feinde dargestellt, die das deutsche Volk in jedem Fall „aussaugen und unterjochen“ wollten. Nationalsozialisten bedruckten die wertlosen Banknoten mit antisemitischen Sprüchen und verteilten diese Scheine überall. In der Ausstellung sind damit die Wände eines sich verengenden Schachtes tapeziert, der in eine Sackgasse und in Ausweglosigkeit mündet.


„Juden. Geld. Eine Vorstellung“
Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt, Untermainkai 14–15, 60311 Frankfurt
bis 6. Oktober 2013
www.juedischesmuseum.de
Katalog: „Juden.Geld.Eine Vorstellung“, hrsg. von Fritz Backhaus, Raphael Gross und Liliane Weissberg, Campus Verlag 2013, Frankfurt/New York, 19,90 Euro