5. Jahrgang Nr. 6 / 27. Mai 2005 - 18. Ijar 5765

Kunst aus dem gelobten Land

Zur Ausstellung „Die Neuen Hebräer - 100 Jahre Kunst in Israel“ im Martin-Gropius-Bau

Von Ulf Meyer

„Berlin ist die Wiege der israelischen Kultur“ – diese kühne Behauptung stammt von der in Berlin lebenden Ausstellungs-Kuratorin Doreet LeVitte Harten, die eine ihrem Umfang und Anspruch nach spektakuläre Ausstellung über „Die neuen Hebräer“ im Berliner Martin-Gropius-Bau zusammengestellt hat. Die Schau erzählt die Geschichte der modernen israelischen Kultur „von ihrer Entstehung vor hundert Jahren“ bis zur Gegenwart.

Dass die israelische Kultur vor genau hundert Jahren entstanden sein soll, ist die nächste provokante These von LeVitte Harten. Sie legt die Eröffnung der Bezalel Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Jerusalem 1906 als Stichdatum zu Grunde und geht damit weit hinter das Gründungsjahr des Staates Israel 1948 zurück. Unterstützt unter anderem aus Berlin von Kunstakademie-Präsident Max Liebermann wurde aus der Bezalel-Schule bald Israels bedeutendste Kunstschule, die bis heute als Mutter der modernen hebräischen Kunst gilt.

Lange vor der Staatsgründung entwickelte sich aus Theodor Herzls Zionismus-Definition eine säkulare, hebräische Kultur, die das Selbstverständnis des neuen Hebräers definieren sollte. Die jüdischen Einwanderer in Palästina verlangten nach einer neuen, eigenen „kulturellen Heimat“, die sich von der jüdischen Vergangenheit und Diaspora unterscheiden sollte.

Anlass der Berliner Ausstellung ist die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland vor vierzig Jahren. Die Berliner Festspiele haben mit Hilfe des Israel Museums in Jerusalem eine einmalige Leistungsschau israelischer Kultur zusammengetragen, die von der bildenden Kunst, Design und Architektur, bis zur Film- und Fotokunst reicht.

Das aufsehenerregendste Exponat stammt allerdings nicht aus dem vergangenen Jahrhundert, sondern ist beinah 2000 Jahre alt: Erstmalig ist in Europa ein 3,60 Meter langes Stück der Tempelrolle zu sehen, die 1956 in den Qumran Höhlen am Toten Meer gefunden wurde. In die Ausstellung passt sie nicht nur, weil das Auswärtige Amt ihre aufwändige Restaurierung finanzierte, sondern auch weil nach Meinung der Kuratorin „der Fund bei der Konstruktion einer neuen israelischen Kultur half, in dem er israelische Identität legitimierte und Kontinuität bestärkte“. Niemals zuvor war auch nur ein Teilstück der insgesamt über 8000 Meter langen Tempelrolle, die auf dünnem Pergament Informationen zum Tempel erläutert, außerhalb Israels zu sehen. Seit ihrem Fund ist sie als „national-kulturelle Ikone zur Mona Lisa von Israel geworden“, wie Le Vitte Harten scherzt.

Die Berliner Ausstellung reicht von den optimistischen Plakaten der Gründerzeit des Staates bis zur desillusionierten Bestandsaufnahme des modernen Israels wie zum Beispiel eine Werbung für Deserteure im Video von Shai Zurim. Die Schau beleuchtet auch das Verhältnis von Orient und Okzident, die Erinnerung an die Shoah, das Verhältnis zwischen der Diaspora und Israel oder die Beziehung zu den Arabern und spart dabei auch nicht mit Provokationen. An kritischer Auseinandersetzung mit der Politik gegenüber den Palästinensern mangelt es jedenfalls nicht.

Es hat noch nie eine vergleichbar umfangreiche Ausstellung moderner israelischer Kunst gegeben. Mit über 800 Exponaten und über 130 ausgestellten Künstlern ist die Ausstellung ein Riesenereignis zu Kultur, Geschichte und Gründung Israels. Die Ausstellung zeigt eindrücklich den Beitrag der Einwanderer aus Deutschland an der Entwicklung des kulturellen Reichtums in Israel.

Bis 5. September 2005, Mittwoch bis Montag 10 - 20 Uhr im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Berlin. Der Katalog erscheint im Nicolai Verlag 588 Seiten, 25 Euro in der Ausstellung.