13. Jahrgang Nr. 6 / 28. Juni 2013 | 20. Tammus 5773

Bedarfsorientiert

Neues Dezernat will die Zusammenarbeit zwischen dem Zentralrat der Juden in Deutschland und den jüdischen Gemeinden optimieren / Interview mit Präsidiumsmitglied Barbara Traub

Auf Beschluss des Präsidiums und des Direktoriums wurde im Zentralrat der Juden in Deutschland ein neues, für die Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinden zuständiges Dezernat ins Leben gerufen. Die Verantwortung für das Dezernat übernahm die Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs Barbara Traub, die seit Februar 2013 auch Mitglied des Zentralratspräsidiums ist. Nach ihrer Ernennung zur Dezernentin sprach Barbara Traub mit der „Zukunft“ über die Aufgaben des Dezernats und über ihre Ziele im neuen Amt.

Zukunft: Frau Traub, der Zentralrat der Juden in Deutschland arbeitet mit den jüdischen Gemeinden seit mehr als 60 Jahren zusammen, ohne dass es eines besonderen Dezernats bedurft hätte. Was hat sich jetzt geändert?
Barbara Traub: Der Zentralrat baut seine Tätigkeit gegenwärtig auf vielen Ebenen aus, um die jüdische Gemeinschaft zu stärken und ihre Zukunft zu sichern. Diese Intensivierung unserer Arbeit wurde in entscheidendem Maß durch den neuen, vor anderthalb Jahren geschlossenen Staatsvertrag mit der Bundesregierung möglich. Im Rahmen der Neuaufstellung und auf Wunsch des Zentralratspräsidenten Dr. Dieter Graumann wurde jetzt das Dezernat „Gemeinden“ gegründet. Ich bin froh, dass das möglich wurde.

Und was werden die Gemeinden davon haben?
Wir werden versuchen, die Gemeinden bei ihrer Tätigkeit zu unterstützen. Damit meine ich keine direkte Budgetierung der Gemeindearbeit. Das kann der Zentralrat nicht leisten. Zudem ist Geldvergabe nicht immer die richtige Hilfe. Das neue Dezernat wird die Zusammenarbeit zwischen dem Zentralrat und den Gemeinden koordinieren und soll eine Brückenfunktion ausüben.

Wobei wollen Sie die Gemeinden konkret unterstützen?
Da gibt es eine Reihe von Aufgaben. Zunächst einmal ist der Aufbau der Gemeinden nach Abebben der Zuwanderungswelle bisher nicht abgeschlossen. Auch wenn die Zuwandererzahlen inzwischen stark zurückgegangen sind, müssen die Gemeinden ihre Infrastruktur weiter ausbauen. Es geht nicht nur darum, zugewanderte Mitglieder zu integrieren, sondern auch darum, die jüngere Generation für aktives Engagement in den Gemeinden zu gewinnen.
Zudem sehen sich die Gemeinden im Zeitalter der Informationsgesellschaft neuen Herausforderungen ebenso wie neuen Chancen gegenüber. Das Internet und soziale Netzwerke bieten uns die Möglichkeit, besser miteinander zu kommunizieren und wirksamer zusammenzuarbeiten. Das tun wir auch schon. Allerdings wurde es auch für Antisemiten leichter, ihre antijüdische Propaganda zu verbreiten. Ihnen muss die jüdische Gemeinschaft, einschließlich einzelner Gemeinden, effektiver entgegentreten. Das bedeutet: mehr Informationen, mehr Aufklärungsarbeit – im guten Sinne des Wortes. Auch dabei wollen wir helfen.

Wie wird sich das neue Dezernat in die bestehende Struktur des Zentralrats einfügen?
Der Generalsekretär des Zentralrats und sein Team haben in den vergangenen Jahren bereits viele Kontakte zu den Gemeinden erfolgreich aufgebaut. Wir wollen aber erreichen, dass sich die Arbeit des Zentralrats noch enger als bisher an den Bedürfnissen der Gemeinden orientiert. Ich gebe dazu ein Beispiel: Unsere neue Bildungsabteilung richtet ihr Informations- und Veranstaltungsangebot vorwiegend an die Gemeinden. Wir wollen mit den Gemeinden aktiv im Gespräch bleiben, damit wir merken, wo beispielsweise neuer Informationsbedarf entsteht. Das leiten wir dann innerhalb des Zentralrats weiter. Das gilt auch für andere Bereiche wie das Kulturangebot, Unterrichtshilfen und Kommunikation mit den Gemeinden oder unter den Gemeinden.

Planen Sie, Informationsmaterial auch auf Russisch zu veröffentlichen?
Ich bin dafür offen. Wir werden aber feststellen müssen, wie groß der Bedarf der Gemeinden nach russischsprachigem Informationsmaterial ist. Auch für andere Bereiche gilt, dass wir uns erst gut informieren müssen. Daher werden ich und Mitarbeiter des Zentralrats in den kommenden Wochen und Monaten intensive Gespräche mit den Gemeinden führen, um uns ihre Wünsche anzuhören und zu sehen, was machbar ist.
Natürlich ist mir das Thema „Gemeindearbeit“ nicht fremd. Als Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs weiß ich, wie vielfältig die Bedürfnisse von Gemeinden sein können. Allerdings ist nicht jede Gemeinde gleich. Wir haben in der Bundesrepublik große und kleinere Gemeinden, solche, in denen Jahrzehnte alte Strukturen bestehen, und solche, die im Zuge der Zuwanderung neu oder faktisch neu gegründet wurden. Da ist auch das Anforderungsprofil unterschiedlich, und darüber wollen wir uns besser informieren. Daher wird man uns übrigens in vielen Gemeinden sehen. Es ist natürlich aber auch möglich, Kontakt zu uns aufzunehmen. Ich bin sowohl brieflich als auch per E-Mail über das Büro des Zentralrats und bei Bedarf auch über die IRGW erreichbar. Für Anregungen und Vorschläge sind wir dankbar.

Sieht man Sie auf dem kommenden Gemeindetag im November?
Selbstverständlich. Ich werde auch einen Workshop moderieren und viele Gespräche führen. Wir erhoffen uns eine große Beteiligung aus jüdischen Gemeinden in ganz Deutschland beim Gemeindetag in Berlin. Natürlich ersetzt eine einzelne Veranstaltung nicht die laufende Arbeit des neuen Dezernats, doch können wir den Gemeindetag als eine wichtige Bühne nutzen, um uns zu informieren und unsere Kontakte weiter auszubauen. Deshalb hoffe ich ausdrücklich, dass möglichst viele Gemeinden in Berlin vertreten sind.