13. Jahrgang Nr. 6 / 28. Juni 2013 | 20. Tammus 5773

Ehre, wem Ehre gebührt

Professor Salomon Korn wurde 70 / Festakt für den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland

Von Barbara Goldberg

Am 4. Juni wurde der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Prof. Dr. Salomon Korn, 70 Jahre alt. Der Architekt, der unter anderem das jüdische Gemeindezentrum in der Stadt am Main entworfen hat und in einer Vielzahl ehrenamtlicher Positionen tätig ist, ist eine prägende Gestalt der jüdischen Gemeinschaft und genießt auch über diese hinaus hohes Ansehen. Am 9. Juni fand im Frankfurter Gemeindezentrum ein Festakt zu Ehren des Jubilars statt. Die „Zukunft“ war dabei.

Das Foto in Schwarzweiß – es hängt im Jüdischen Museum Berlin – zeigt einen vierjährigen Jungen, der an einer Bordsteinkante sitzt und seinen Arm um die Schultern seines kleinen Cousins gelegt hat. Seine Beine in den kurzen Hosen sind von Wanzenbissen zerstochen. Der Junge weiß, dass er das Lager für Displaced Persons in Frankfurt-Zeilsheim, wo diese Aufnahme 1947 entstand, bald verlassen wird, um mit seiner Familie nach Amerika auszuwandern.
Aber dann war alles anders gekommen. Es ist einer der wenigen Momente, in denen Salomon Korn seine viel gerühmte Souveränität und Selbstbeherrschung beinahe zu verlieren drohte, als er mit vor Rührung rauer Stimme bekannte: „Dieser Junge auf dem Foto, das war ich. Heute, 66 Jahre später, stehe ich hier und bin unendlich dankbar dafür, dass das Schicksal es so gut mit mir gemeint hat.“
Mit diesen Worten beendete Korn seine Rede; sie waren auch die Schlussworte zu dem Festakt am 9. Juni im Festsaal des Gemeindezentrums, zu dem die Frankfurter Jüdische Gemeinde anlässlich des 70. Geburtstags ihres Vorsitzenden geladen hatte. Während Korn vor allem seiner Familie und insbesondere seiner Frau Maruscha, mit der er demnächst 50 Jahre verheiratet sein wird, für ihre lebenslange Liebe und Unterstützung dankte, erhoben sich die mehrere Hundert geladenen Gäste und spendeten dem Jubilar im Stehen minutenlangen Applaus.
Alle waren sie gekommen, um Korn zu gratulieren und um ihre Bewunderung und langjährige Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen. Das Geburtstagskind und seine Ehefrau ließen es sich nicht nehmen, jeden Gast einzeln, mit herzlichem Händedruck oder freundschaftlicher Umarmung, zu begrüßen, sodass sich auf dem Treppenaufgang zum Festsaal eine lange Schlange bildete. Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) reihte sich dort ein sowie seine Kabinettskollegin, Kultusministerin Nicola Beer (FDP), der SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel, ZDF-Chefredakteur Peter Frey und Nachrichten-Moderatorin Petra Gerster, Frankfurts ehemalige Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) und Bürgermeister Olaf Cunitz (Grüne), der Präsident der Frankfurter Goethe-Universität Werner Müller-Esterl sowie etliche Repräsentanten der Jüdischen Gemeinschaft: Trude Simonsohn, Vorsitzende des Rats der Überlebenden des Holocaust am Fritz Bauer Institut in Frankfurt, Ida Bubis, die Frau des früheren Zentralratsvorsitzenden Ignatz Bubis sel. A., das Präsidium des Zentralrats, der
Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen Moritz Neumann, die Publizistin Rachel Salamander, Frankfurts Gemeinderabbiner Menachem Halevi Klein und viele, viele mehr.
„Ich sehe nur Ehrengäste“, begrüßte denn auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, alle Anwesenden. In seiner persönlich gehaltenen Ansprache würdigte Graumann nicht nur die „konstante Brillanz, stabile Exzellenz und dauerhafte Souveränität“ Korns, den er außerdem als einen dem Leben zugewandten, niemals grüblerischen oder blassen Intellektuellen beschrieb, der „Wissen stets mit Tun verknüpft“. Vor allem bekannte der Zentralratspräsident: „In ihm habe ich einen wirklichen Freund gewonnen.“ Seit 18 Jahren arbeiten sie eng zusammen, zunächst im Vorstand der Frankfurter Gemeinde, dem Korn seit 1999 angehört, und seit 2003 auch im Zentralrat, als dessen Vizepräsident Korn amtiert.
Ministerpräsident Bouffier erinnerte daran, dass es dem Jubilar „nicht an der Wiege gesungen war, eine herausragende Persönlichkeit der Bundesrepublik zu werden. Denn Sie kamen als ,displaced person‘.“ Korn, 1943 im Ghetto Lublin in Polen geboren, habe mit dem Bau des Gemeindezentrums 1986, das er als studierter Architekt und Soziologe entwarf, ein „Bekenntnis zum Bleiben und zum Hoffen“ abgelegt – womit Bouffier für die Deutschen die „Daueraufgabe“ verband, dem darin enthaltenen Vertrauensvorschuss zu entsprechen. „Danke, dass Sie einer von uns sind, ein Frankfurter, Hesse, Deutscher, Weltbürger und herausragender Repräsentant der jüdischen Gemeinschaft“, schloss der Ministerpräsident seine Rede.
Laudator Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ, erinnerte die Gäste daran, dass sie, indem sie sich im von Korn entworfenen Gemeindezentrum aufhielten, gleichzeitig „sein Denken bewohnen“ würden. Denn dieses Haus sei einer der „wichtigsten Texte Korns“, auch wenn dieser als Autor zahlreiche Bücher und Aufsätze veröffentlicht habe. So lobte Schirrmacher die Architektur des Gebäudes, dessen Wände die klare Unterscheidung zwischen schützendem Innen und feindlichem Außen nicht immer erkennen ließen, was als Metapher für die Lebenssituation der jüdischen Minderheit in der Diaspora stehe: Eben noch vermeintlich sicher, sei man „plötzlich wieder ausgeschlossen, draußen“. Ein Riss gehe durch dieses Gebäude, und die Schrifttafeln, die seine Wände zierten, seien leer. Ihr verlorener Inhalt liege einzementiert im Grundstein verborgen: eine Liste mit den Namen der rund 11.000 in der Schoa deportierten und ermordeten Frankfurter Juden.
An der Technischen Hochschule Darmstadt, erzählte Salomon Korn, als er sich in seiner Rede für die vielen Glückwünsche und Lobeshymnen bedankte, habe man ihm, nachdem er im ersten Anlauf die Aufnahmeprüfung zum Architekturstudium nicht bestanden hatte, empfohlen, wegen fehlenden Talents einen anderen Beruf zu wählen. Nicht einmal das Abitur werde er jemals schaffen, hatte ihm zuvor ein Lehrer prophezeit. Und in dem französischen Internat, in dem er einen Teil seiner Grundschulzeit verbrachte, platzierte man ihn in der letzten Reihe, auf der so genannten Eselsbank für schlechte Schüler, wo er, eine Kappe mit langen Schlappohren auf dem Kopf, Stunden lang hocken musste. Das beichtete der Mann, mit dem sich selbst „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki gerne über Lyrik unterhält, der erst vor kurzem von Rachel Salamander in der FAZ für seine „Bildung, Klugheit und sprachliche Prägnanz“ gerühmt wurde und der von sich selbst sagt, dass er 300 Gedichte auswendig kenne. Nur seine Mutter hatte stets an ihn geglaubt: „Aus dir“, hatte sie ihm schon früh prophezeit, „wird mal ein Doktor!“