13. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2013 | 22. Siwan 5773

Zeit zum Lachen

Das Jüdische Museum Wien geht dem jüdischen Humor auf den Grund

Von Alexia Weiss

Dass jüdischer Humor etwas Besonderes ist, weiß man ja. Reich an Menschenkenntnis, zuweilen traurig, zumeist bissig und auch sich selbst gegenüber schonungslos: So kennen wir jüdische Witze, so sind auch die Werke vieler jüdischer Humoristen geprägt, so lässt sich über jüdischen Humor auch lachen – und sei es durch Tränen.
Jetzt hat sich das Jüdische Museum Wien (www.jmw.at) die Aufgabe gestellt, all das zum Gegenstand einer Ausstellung zu machen. Unter dem Titel „Alle meschugge? Jüdischer Witz und Humor“ zeigt die Schau die Entwicklung jüdischen Humors auf, seine Kontinuität ebenso wie seine Brüche. Die von den Kuratoren Alfred Stalzer und Marcus G. Patka zusammengestellte Ausstellung verfolgt die Wurzeln der jiddischen Tradition, die Hochblüte jüdischen Humors im Wien und im Berlin der 1930er-Jahre, das Lachen im Exil, ja sogar im Angesicht der Schoa.
Spätestens an dieser Stelle wird klar, welche überlebenswichtige Funktion Humor für Juden hat. „Jemand, der lacht, ist nicht besiegt. So lange ich lachen kann, bin ich ein Mensch mit Ehre“, meinte einst der israelische Humorist Ephraim Kishon. Vielleicht deshalb war Kishon, wie sein Sohn Rafi bei der Eröffnung der Ausstellung erzählte, im Grunde ein sehr ernster Mensch gewesen. Humor sei für seinen Vater eine „fast wissenschaftliche“ Angelegenheit gewesen. Kishon gehört denn auch zu den wichtigen Repräsentanten des jüdischen Humors, denen sich die Ausstellung – über das Historische hinaus – widmet. Neben Kishon schmücken Namen wie die Marx-Brothers und Woody Allen, Helmut Qualtinger und Georg Kreisler die Präsentation.
Ganz bewusst führt die Ausstellung bis in die Gegenwart. So hören einschlägige Kostproben nicht etwa bei der Hochblüte der Nachkriegszeit auf, die jüdischer Humor in Wien erleben und Publikumslieblinge wie Gerhard Bronner, Hugo Wiener oder Karl Farkas hervorbringen konnte. Hätte man die Ausstellung an dieser Stelle der Geschichte enden lassen, erklärt Kurator Stalzer, würde sich nur die Generation der heute über 50-Jährigen angesprochen fühlen. Ziel der Ausstellung sei es aber, den jüdischen Humor auch einem jüngeren Publikum zu vermitteln. „Wir haben die Schau daher sehr breit angelegt“, meint Stelzer. „Hollywood kommt nicht nur mit seinen Filmen, auch mit den Sitcoms von heute vor, wir zeigen einen rappenden Rabbiner oder Comic Strips.“ Die meisten Teile der Ausstellung funktionieren multimedial. Wer sich alle Film- und Tonausschnitte ansehen und anhören will, kann einen ganzen Tag im Museum verbringen. „Oder mehrmals wiederkommen“, wie es sich Kurator Patka wünscht.
Patka, der seit vielen Jahren wissenschaftlich zum Thema jüdischer Humor arbeitet, beantwortet auch die Frage, wer denn nun eigentlich jüdische Witze erzählen darf: „Die wichtigste Botschaft lautet: Man soll niemals als Nichtjude jüdische Witze unter Juden erzählen.“ Er selbst betone immer, er zitiere jüdische Witze, er erzähle sie nicht. Wenn ein solcher jiddische Ausdrücke enthalte, solle man niemals versuchen, deren Aussprache nachzuahmen. Denn dann laufe man rasch Gefahr, in Spott zu verfallen.
Wodurch zeigt er sich nun aber, der jüdische Humor? Museumsdirektorin Danielle Spera meint dazu: „In der jüdischen Tradition sind Humor und Lachen fest verankert, allerdings wird ein Witz nicht allein um des Witzes wegen verwendet, sondern er bietet Anlass zum Nachdenken und endet meist in Weisheit. Jüdische Witze sind per se nicht komisch. Verfolgung, Elend und Not kennzeichnen die jüdische Geschichte. Bitterkeit und Leid konnte man zwar durch Humor nicht aus der Welt schaffen, doch das Schicksal ließ sich damit leichter meistern. Im ‚Humor der Unterdrückten‘ spiegelt sich viel Selbstironie wider.“
Um alle Altersgruppen anzusprechen, haben die beiden Kuratoren und Danielle Spera ein umfangreiches Begleitprogramm gestaltet. Jeden Sonntag wird um 14 Uhr ein Film gezeigt – von „Funny Girls“ (USA 1968) über „Der Blaumilchkanal“ (IL/USA/GER 1969) bis zu „Borat“ (USA 2006). Darüber hinaus gibt es Abendveranstaltungen zum Ausstellungsthema, etwa „Witz als Therapie“ mit Ruth Werdigier und Jacob Klein, ein Konzert mit dem Ensemble Scholem Alejchem und einen Vortrag von Stephen Cole zum Thema „Jüdischer Humor im amerikanischen Musical“.
Da man die Fülle an Themen und Material nicht in den vorhandenen Räumlichkeiten hätte unterbringen können, haben sich die Kuratoren entschieden, einen über die Inhalte der Schau hinausgehenden Katalog zu erarbeiten. Das Ergebnis ist ein über 400 Seiten dicker Band, erschienen im Amalthea Verlag – wie Spera bei der Eröffnung angesichts des Gewichts des Buches meinte: „Mehr coffee table book als Bettlektüre.“ Das Buch bietet, auch losgelöst von der Ausstellung, eine reich bebilderte Reise durch jüdischen Witz und Humor von einst in Europa bis heute in Übersee.
Die Ausstellung ist in Wien bis 8. September zu sehen, kommt dann aber auch nach Deutschland. Ende 2013 wird sie in Berlin, danach auch in Dortmund zu sehen sein.