13. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2013 | 22. Siwan 5773

Das stürmische Leben des Joel Berger

Wie der spätere Rabbiner wegen versuchter Landesflucht ins ungarische Gefängnis kam

Es gibt Menschen, deren Leben ohne größere Aufregungen abläuft. Joel Berger gehört sicherlich nicht dazu. 1937 im Vorkriegsungarn geboren, während der Schoa Verfolgungen ausgesetzt und anschließend als Jude – dazu auch noch fromm – und als „subversives Element“ kein Liebling des kommunistischen Regimes ging Berger in seinem Geburtsland durch eine harte Schule, bevor ihm nach mehreren missglückten Fluchtversuchen 1968 die Ausreise nach Deutschland gelang. Seitdem ist er nahezu ununterbrochen als Rabbiner in der Bundesrepublik tätig und bekleidete unter anderem das Amt des Landesrabbiners von Württemberg.
Im Februar 2013 sind seine Erinnerungen unter dem Titel „Der Mann mit dem Hut. Geschichten meines Lebens“ im Klöpfer&Meyer-Verlag, Tübingen, als Buch erschienen (ISBN 978-3-86351-054-1; 25 €). Nachfolgend druckt die „Zukunft“, leicht gekürzt, Rabbiner Bergers Bericht über den Prozess, der ihm vom kommunistischen Regime im März 1957 nach seinem dritten Fluchtversuch gemacht wurde.


Am Prozesstag wurde ich frühmorgens geweckt, rasiert und ordentlich in meine Zivilkleider gesteckt und dann von zwei bewaffneten Wachmännern über die Straße in das Gerichtsgebäude geführt. Merkwürdig die Gedanken, die mir bei diesem kurzen Weg durch den Kopf gingen und die ich bis heute nicht vergessen habe. Ich war damals ziemlich frech und bin deshalb nicht mit hängendem Kopf zwischen den beiden Wärtern mitgelaufen. Ich habe die Leute auf der Straße herausfordernd angeschaut und hatte den Eindruck, die haben den verschämten Blick, den eigentlich ich haben sollte. Verachtung habe ich weder auf der Straße noch im Gerichtsgebäude in den Blicken bemerkt. Ganz anders damals, so dachte ich, als wir 1944 den gelben Stern tragen mussten. Damals waren schon unzählige Erniedrigungen, Demütigungen vorangegangen, die Verdrängungen vom Arbeitsplatz und aus der Wohnung, die Beschlagnahmung fast allen Besitzes.
In den zwei Stunden, die man (damals) ausgehen durfte, wartete das Lumpenproletariat darauf, uns anzupöbeln. Wir waren freie Beute, konnten jederzeit auf offener Straße erschlagen werden. Auch mich haben als Kind mehr Menschen angespuckt oder mit hässlichen Bemerkungen bedacht als freundlich angeblickt. Ich kannte keinen, der mit dem gelben Stern nicht in gedemütigter Haltung in der Öffentlichkeit gegangen wäre. Aufrechte Haltung, das hätte als Provokation unabsehbare Folgen gehabt. Ganz anders jetzt. Äußerlich zwei ähnliche Situationen mit völlig verschiedener Auswirkung – und ich war doch derselbe Mensch. Das hat mir innere Genugtuung und Mut gegeben.
Für den Versuch, das Land illegal zu verlassen, hatte ich sechs Monate Haft zu erwarten. Es kam nun darauf an, keinen zweiten Tatbestand einzufangen, denn dann wären drei Jahre das Minimum gewesen. Ich musste unbedingt darauf beharren, dass ich aus reiner Abenteuerlust das Land verlassen wollte, und meine Tat nichts mit der Revolution zu tun hatte. Das Gegenteil konnte nicht belegt werden, und so war es ein kurzer Prozess, musste doch eine Unzahl von ähnlichen Fällen durchgepeitscht werden.
Die äußeren Formalitäten wurden gewahrt, aber der bösartige Ton ließ keinen Zweifel am Ausgang des Verfahrens. Mein Verteidiger wollte zu meiner Entlastung anführen, antisemitische Bedrohungen in Szegedin hätten mich zum Verlassen des Landes bewogen. Aber auch er wurde vom Staatsanwalt grob unterbrochen. Es war wie immer. Bevor ein Tatbestand festgestellt oder gar ein Urteil gesprochen war, wurde der Angeklagte voll Sadismus herabwürdigend behandelt, als hässlich, ordinär dargestellt und der Menschenwürde möglichst weitgehend beraubt. Das lag auch daran, dass Richter, Staatsanwälte und andere Beteiligte nicht wussten, ob der Prozess beobachtet wurde, und sie eventuell mangelnder Parteitreue bezichtigt würden.
Ich wurde nach einem Paragraph 48 zu sechs Monaten Haft und anschließender dreijähriger Bewährung verurteilt. Die Haft hatte ich schon zur Hälfte abgesessen. Was die Nachwirkungen eines solchen Urteils an Schikanen und beruflichen Einschränkungen bedeuten würden, das konnte ich damals noch nicht abschätzen. Wie bei allen anderen sahen meine Zellengenossen schon bei meiner Rückkehr, dass ich verurteilt worden war. Wer nach seiner Verhandlung mit frei schlenkernden Armen über den Hof kam, holte nur noch seine Sachen in der Zelle ab. Die Verurteilung mehrte mein Ansehen in der Zelle, denn damit war vollends klar: Der ist einer von uns, er ist sicher kein Mosser (Denunziant).
Nach meiner Entlassung wollte ich zurück zur Universität nach Szegedin. In meiner jugendlichen Naivität dachte ich, durch die Haft hätte ich nur ein Semester verloren, und war sehr erstaunt über ein Schreiben, das mich von allen Universitäten des Landes ausschloss.
Unmittelbar nach der Haftentlassung war mit dem Ausschluss aus den Universitäten die Gefahr verbunden, als »gemeingefährlicher Arbeitsscheuer« aus Budapest ausgewiesen und irgendwo in die Puszta verbannt zu werden. Ich brauchte also sofort einen Arbeitsplatz und fragte bei meiner alten Ausbildungsstelle nach. Meine Papiere waren in der Fabrik noch vorhanden, und ich wurde mit offenen Armen empfangen. Ich war der »kleine Berger«, der eingesperrt war, den man aus den Universitäten geschmissen hat. Manche flüsterten mir zu: »Ich gehörte zum Arbeiterrat.« Das war eine demokratische, innerbetriebliche Organisation der Revolutionszeit, die sofort nach der Restauration zerschlagen wurde.
Manchmal war es mir peinlich, wie mich Ältere, auch Frauen, im Hof eigens begrüßten. Und, was für einen jüdischen Jungen, dessen Mutter im Betrieb eine gehobene Stelle einnahm, ganz ungewöhnlich war: Gerade die Arbeiter vermittelten mir das Gefühl der Solidarität und der Zugehörigkeit. Ich blieb (in der Fabrik) bis zum Sommer. Dann konnte ich mich für das Rabbinerseminar einschreiben. Mein Ausschluss von allen Universitäten hat dort niemanden interessiert; das Seminar bezeichnete sich als Hochschule, nicht als Universität. Also bezog sich diese Bestimmung nicht auf sie.