5. Jahrgang Nr. 6 / 27. Mai 2005 - 18. Ijar 5765

„Ich habe viele große Aufträge“

Interview mit dem Architekten des neuen Yad-Vashem-Museums in Jerusalem, Moshe Safdie, über Architektur und jüdische Identität

Der 1938 in Haifa geborene amerikanische Architekt Moshe Safdie hat in Kanada, Amerika und Ostasien bedeutende Gebäude entworfen. Zu seinen berühmtesten jüngeren Werken gehören das neue Yad Vashem Museum in Jerusalem und der Ben-Gurion-Fughafen von Tel Aviv. Mit Moshe Safdie sprach Ulf Meyer.

Zukunft: Ihr Entwurf für das neue Yad Vashem Museum in Jerusalem ist ausgesprochen narrativ: Sie führen die Besucher erst hinunter in die Abgründe des Holocaust und schließlich hinauf zum Licht und belohnen sie mit dem Blick auf das gelobte Land. Peter Eisenmans Holocaust-Mahnmal in Berlin hingegen verzichtet auf jegliche Rhetorik. Wie gefällt Ihnen das neue Mahnmal in seiner reinen, abstrakten Architektur?
Moshe Safdie: Unsere Bauaufgaben waren ganz unterschiedlich. Ich sollte ein Museum bauen und Eisenman ein Denkmal. Ich finde es aber gut, dass Eisenman zusätzlich auch einen „Ort der Erinnerung“ gebaut hat, denn sein Mahnmal würde ohne den geschichtlichen Kontext nicht funktionieren. Sein Entwurf ist subjektiv, morbide, metaphorisch gesehen ein Friedhof und ein Mahnmal der Deutschen. Es ist Zufall, dass ein jüdischer New Yorker das Mahnmal entworfen hat. Ich bin beeindruckt vom Maßstab des Mahnmals und seiner Präsenz in der Stadt.

Im Jüdischen Museum in Berlin war zuletzt die Sonderausstellung zum Thema “Bauen für die jüdische Identität” zu sehen. Provoziert Sie das? Sind Sie ein explizit jüdischer Architekt? Eisenman sagt, dass er sich nur in Berlin als Jude fühlt. Geht es Ihnen genauso?
Moshe Safdie:In Israel geborene Juden haben meist eine gesicherte jüdische Identität, aber ich kann mich als Israeli, Amerikaner oder Kanadier fühlen, das sagt nichts über meine „Identität als Jude“ aus.

Derzeit arbeiten Sie am Neubau des „Institute of Peace“ in Washington, das gegenüber vom Lincoln Memorial gebaut wird. In Berlin haben Sie sich speziell über die neuesten Entwicklungen für elegante Glas-Dachkonstruktionen informiert, um diese Erfahrungen in der amerikanischen Hauptstadt umzusetzen. Aber in Deutschland gebaut haben Sie noch nichts- warum?
Moshe Safdie:Mit Ausnahme eines kleinen Hauses in Schottland habe ich leider in ganz Europa noch nie etwas bauen dürfen. Jetzt bin ich in der glücklichen Lage, ohne Einladung an keinem Wettbewerb mehr teilnehmen zu müssen, denn ich habe viele große Aufträge.

Sie arbeiten auch am neuen Masterplan für West Jerusalem und versuchen dort, den Wildwuchs beim Bau neuer Hochhäuser zu stoppen. Sie nutzen gerne Washington als Modell einer dichten Großstadt, die ohne Hochhäuser auskommt. Die Stadtplaner in Berlin versuchen das selbe...
Moshe Safdie:Ich finde es richtig, dass man in Berlin an Straßen, die von Gebäuden geformt werden, festhält. Das Hochhaus als urbane Skulptur ist altmodisch. Es wäre viel wichtiger, über die Boulevards nachzudenken. Ich halte konservative Vorgaben für Jerusalem für richtig.

Schon seit 1970 arbeiten Sie auch in Israel. Besonders Jerusalem haben Sie wie kein zweiter zeitgenössischer Architekt geprägt, besonders im jüdischen Viertel, aber auch außerhalb der Altstadt. Ihr Hebrew Union College ist ein in sich geschlossener Campus, aber das Mamilla-Wohn- und Einkaufsviertel haben Sie schon1972 begonnen und es ist immer noch nicht fertig. Frustriert Sie das?
Moshe Safdie:Meine Bauten in Jerusalem waren ein großer Quell der Frustration. Erst waren die Grünen dagegen, dann die Archäologen und später die Rabbis. Es wird jetzt aber endlich gebaut. Wenn das Projekt nicht in Jerusalem wäre, hätte ich es sicher schon aufgegeben. Aber ich fühle mich dem Projekt verpflichtet.

Wer in Jerusalem bauen will, sollte jung anfangen, denn es dauert bisweilen mehr als ein Vierteljahrhundert, bis ein Projekt fertig wird. Mein Vorschlag für den Umbau des Geländes um die Westliche Tempelmauer wird wohl nie realisiert. Aber man soll niemals „nie“ sagen.