13. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2013 | 22. Siwan 5773

Daheim heißt unterwegs

Shaul Nekrich ist Landes- und Wanderrabbiner in Brandenburg

Von Olaf Glöckner

Die Geschichte Brandenburgs belegt eine ansehnliche jüdische Präsenz. Nicht weniger als 50 Synagogen und Betstuben sowie 70 jüdische Friedhöfe waren dort bis 1933 vermerkt. Nach der Schoa kam es in viereinhalb Jahrzehnten – will heißen im real existierenden Sozialismus – zu keinem nennenswerten Wiederaufbau jüdischen Lebens. Nach der deutschen Wiedervereinigung aber kam in dem neuen Bundesland Bewegung in die jüdische Szene. Sieben neue jüdische Gemeinden entstanden: in Cottbus, Frankfurt an der Oder, Bernau, Stadt Brandenburg, Oranienburg, Königs Wusterhausen und in der Landeshauptstadt Potsdam. Gegründet haben sie Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die ihre Religion nach Jahrzehnte langer Unterdrückung im „Land der Räte“ nun wieder frei ausüben konnten.
Die Neuregelung der Zuwanderungskriterien hat das Wachstum der kleinen Gemeinden seit 2006 praktisch auf null gebracht. Davon aber lassen sich die Mitglieder, die in ihrer Mehrheit zur orthodoxen Glaubensrichtung neigen, nicht entmutigen. Und drohen doch einmal Frust und Resignation, dann ist da immer noch Shaul Nekrich zur Stelle.
Nekrich, 33-jähriger Familienvater, Informatiker, Dozent und Rabbiner, wohnt seit 2007 in Berlin und ist seit 2010 der offizielle Landesrabbiner von Brandenburg. „Landesrabbiner bedeutet hier automatisch auch Wanderrabbiner“, sagt der junge Mann mit einem Augenzwinkern. „Außer Potsdam können sich die Gemeinden keinen eigenen Rabbiner leisten. Also betreue ich die sechs anderen. Da muss ich mir meine Zeit natürlich gut einteilen, alles koordinieren und den Menschen vor Ort bisweilen erklären, was jetzt schon möglich ist und was eben noch nicht geht.“ Ob ihm beim Touren durchs Land schon einmal „die Puste ausgegangen“ ist? „Vor allem an den hohen Feiertagen ist natürlich viel Energie einzusetzen“, räumt Rabbiner Nekrich ein, um gleich darauf Komplimente zu verteilen: „Doch erstens unterstützen mich Studenten des Berliner Rabbinerseminars mit bewundernswertem Eifer, und zweitens gleicht die Begeisterung der Gemeindemitglieder alles wieder aus.“
1979 wurde der Mann mit dem braunen Vollbart, der hellen Stimme und dem entwaffnenden Lächeln in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, geboren. In seinem bisherigen Leben ist er auch privat schon viel gewandert: Als Teenager kam er in den 1990er-Jahren nach Israel, wo er zunächst Informatik studierte und anschließend am Kollel Shvut Ami mit rabbinischen Studien begann. In Israel lernte Shaul auch seine Frau Debora kennen, zur Familie gehören inzwischen auch die drei Töchter Schaindl-Judit, Hanna-Brocha und Batsheva. Shauls ersten Semestern im Rabbinerstudium folgten Praktika in den USA. Am Hildesheimerschen Seminar in Berlin konkretisierten sich dann die beruflichen Vorstellungen.
„Ein Rabbiner kann heutzutage nicht warten, bis die Menschen in die Synagoge kommen“, erklärt Nekrich. „Er muss sie dort abholen, wo sie in ihrem Leben gerade stehen, und er muss auf behutsame Weise Tradition und Bildung vermitteln.“ Als der junge Rabbiner im Herbst 2010 die ersten Besuche in Bernau, Oranienburg und Königs Wusterhausen startete, hörte er erst einmal nur zu, erkundigte sich nach dem Leben vor Ort und in den Familien – und organisierte Schabbat-Gottesdienste. Allmählich wuchs die Zahl der Interessierten. Die Kommunikation auf Russisch flößte vor allem etwas älteren Mitgliedern Vertrauen ein. „Natürlich arbeite ich auch gern mit jungen Leuten“, betont Nekrich, „selbst dann, wenn sich schon abzeichnet, dass viele durch Studium und Beruf aus Brandenburg fortziehen werden.“
Dem „Wanderrabbiner“ ist wichtig, dass sich die sechs von ihm betreuten Gemeinden, unter denen keine mehr als 300 Mitglieder zählt, auch untereinander gut verstehen und vernetzen. Gegenwärtig ist er dabei, eine Chewra Kadischa für ganz Brandenburg aufzubauen. Und er bleibt erreichbar, wenn es mit der Präsenz vor Ort gerade nicht klappt: „Manchmal helfen schon Telefonate, um bestimmte Fragen zum religiösen und zum privaten Leben zu beantworten. Und natürlich laden wir die Brandenburger auch zu Veranstaltungen in Berlin ein.“ Im Lauder Yeshurun Zentrum in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte können sich interessierte Männer Kursen und Programmen der Yeshiva anschließen; Frauen sind in der unweit davon gelegenen Midrascha im Stadtteil Prenzlauer Berg willkommen. Zu beiden Einrichtungen vermittelt der Rabbiner auch Nichtjuden, die ernsthaft und nachdrücklich mit dem Wunsch an ihn herantreten, zum Judentum zu konvertieren.
Eine große Chance zur Stabilisierung der Gemeinden sieht der Rabbiner im systematischen Training und der langfristigen Begleitung von engagierten Laien. So ist es kein Zufall, dass er das von der Ronald S. Lauder Foundation und dem Zentralrat der Juden in Deutschland in Berlin angebotene Kursprogramm „Jewish Life Leaders“ inhaltlich wie organisatorisch mit aufgebaut hat und dort auch weiterhin regelmäßig unterrichtet.