13. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2013 | 22. Siwan 5773

Koscher im Knast

Die meisten koscheren Mahlzeiten im amerikanischen Justizvollzug werden von Nichtjuden beansprucht

Wie in anderen demokratischen Staaten haben Gefängnisinsassen auch in den USA – jedenfalls sofern das mit dem Justizvollzug vereinbar ist – das Recht auf freie Religionsausübung. Dazu gehört unter anderem das Recht auf die Einhaltung religiöser Speisevorschriften. Bei Juden ergibt sich daraus ein Anspruch auf koschere Mahlzeiten. Schätzungen zufolge sind über 20.000 der 1,6 Millionen in USA in einer Haftanstalt einsitzenden Menschen Juden – ein Anteil von knapp 1,5 Prozent. Laut Angaben des Justizvollzugs werden 24.000 Insassen mit koscherer Verpflegung versorgt. Das bedeutet aber keineswegs, dass alle, die hinter Gittern koscher essen, Juden sind. Vielmehr sind nur 4.000 der Häftlinge, die sich koscher ernähren, wirklich Juden.
Warum aber beharren 20.000 Nichtjuden auf koscherer Zehrung in der Zelle? Die Gründe sind vielfältig. So stellen Black Hebrews und sogenannte messianische Juden, die sich zu einer Verbindung zum Judentum bekennen oder nach eigener Auffassung Juden sind, einen großen Teil der Abnehmer. In bestimmten Fällen fordern Angehörige christlicher Sekten, die nach der christlichen Version des Tanach, dem Alten Testament, leben wollen, koschere Speisen.
Es gibt aber auch ganz gewöhnliche nichtjüdische Insassen, die sich vorsätzlich falsch als Juden ausgeben, um koscheres Essen zu erlangen. Viele von ihnen hoffen, koschere Mahlzeiten seien gesünder oder schmeckten besser als gewöhnliche Gefängniskost: Da nämlich nur wenige Gefängnisse selbst koscher kochen können, wird koschere Kost von Catering-Firmen zubereitet und an die Justizvollzugsanstalten geliefert. Einige der vermeintlichen Juden wollen die koscheren Portionen gar nicht selbst essen, sondern verkaufen sie an Mitinsassen.
Die Justizvollzugsbehörden sehen die Mogelei nicht gern, vor allem weil koschere Mahlzeiten doppelt so teuer wie reguläre Gefängniskost sind. Auf der anderen Seite aber scheuen sich Gefängnisverwaltungen festzulegen, wer von ihren koschere Verpflegung verlangenden Schützlingen wirklich Jude ist und wer nur so tut. Diese Entscheidung gehört auch nicht unbedingt zu den originären Aufgaben eines Gefängnisdirektors.
Viele Haftanstalten überlassen die Wahrheitsfindung ihren Gefängnisseelsorgern, ob diese nun Rabbiner oder aber Geistliche anderer Religionen sind. Allerdings schützt nicht einmal das vor Ärger. Im Ablehnungsfall können Häftlinge nämlich vor Gericht klagen. Im Jahr 2011 wurden rund 60 solcher Klagen eingereicht und zumindest in einem Teil der Fälle positiv beschieden.
Jüdische Organisationen, die einsitzende Glaubensgenossen betreuen, stehen irreführenden Anträgen auf koscheres Essen ablehnend gegenüber. Solche Täuschung, fürchten sie, erzeuge Animosität und gehe letztendlich auf Kosten jüdischer Häftlinge, die halachisch erlaubte Verpflegung wirklich benötigen. Allerdings können auch jüdische Organisationen wenig gegen den Missbrauch ausrichten. Das „Gesetz über Landnutzung und institutionalisierte Personen“, in dem der Anspruch auf religionsgerechte Ernährung im Justizvollzug verankert ist, fordert von Insassen, die sich auf ihre Religionsrechte berufen, zwar „aufrichtigen Glauben“, definiert aber nicht klar, was „aufrichtiger Glaube“ ist. Das öffnet Falschspielern Tür und Tor.
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