13. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2013 | 22. Siwan 5773

Unheil vom Norden

Der Syrien-Konflikt bedroht nicht nur Israel, sondern birgt auch schwerwiegende Gefahren für die Weltpolitik

Mi-Tzafon tipatach ha-Ra’a – Vom Norden her wird das Unheil losbrechen – weissagte vor mehr als 2600 Jahren der Prophet Jeremia (1:14). Dieser Tage ist Jeremias Warnung für Israel hochaktuell, um nicht zu sagen: brandaktuell. Allerdings nicht nur für Israel, sondern auch für den Westen.

Grund dafür ist der Konflikt in Israels nördlichem Nachbarland Syrien. Der dort geführte Kampf hat bisher nicht nur schätzungsweise 70.000 Menschenleben gefordert, Millionen syrischer Bürger in die Flucht getrieben und verheerende materielle Schäden angerichtet. Vielmehr ist er längst zu einem grenzübergreifenden Kräftemessen mit mehreren, widerstreitende Interessen verfolgenden Teilnehmern ausgeartet.
Wirklich klar scheint dabei nur eines zu sein: Der im Westen ursprünglich gehegte Traum von einem liberalen, toleranten und demokratischen Syrien bleibt eine Illusion. Der Kampf wird zwischen dem Regime von Präsident Baschar al-Assad, der vor keiner Brutalität zurückschreckt, und einer von islamistischen Strömungen beherrschten Militärallianz geführt. Diese Kontrahenten – und ihre ausländischen Förderer – werden den Ausgang des Konflikts aller Voraussicht nach unter sich ausmachen.
Eine vollständige Ablösung Assads durch die Rebellen gilt gegenwärtig als wenig wahrscheinlich. Assad wird von zwei Verbündeten unterstützt, die an ihm um fast jeden Preis festhalten wollen: dem Iran und Russland. Der Iran hat nicht nur ein eigenes Expeditionskorps nach Syrien entsandt, sondern auch einen großen Teil der Kämpfer der libanesischen Hisbollah dorthin abkommandiert, wo sie Seite an Seite mit Assads Truppen kämpfen. So etwas tut man selbst für gute Freunde nur im Notfall. Moskau liefert seinerseits Assad Waffen, gewährt ihm einen diplomatischen Schutzschild und bewahrt ihn vor internationalen Sanktionen.
Solche Unterstützung stärkt nicht nur die Kampffähigkeit, sondern auch den Kampfwillen des Damaszener Regimes. Zudem werden die Rebellen zwar von islamisch-sunnitischen Staaten wie Saudi-Arabien, Katar und Türkei unterstützt, doch ist der Westen in seinem Umgang mit der Anti-Assad-Allianz inzwischen vorsichtiger geworden. Schließlich ist heute offenkundig, dass sich ein Teil der Rebellen unverhohlen mit der Terrorgruppe Al-Qaida identifiziert. Zudem sind die Oppositionskräfte in ihrem Hass auf Assad zwar geeint, sonst aber gespalten. Das schränkt ihre Fähigkeit zur Übernahme der Regierungsgewalt erheblich ein.
Auf der anderen Seite kann aber auch Assad kaum auf einen militärischen Sieg hoffen. Daher wird inzwischen eine geographische Teilung Syriens als durchaus möglich gehandelt. Nach diesem Szenario entstünde im Westen des Landes ein von der alawitischen Minderheit – ihr gehört auch Assad an – beherrschter De-facto-Staat. Dieser bliebe mit Russland, dem Iran und der Hisbollah verbündet und würde die Alawiten vor einem von diesen befürchteten Genozid retten. Dank der Küstenlage eines solchen Alawiten-Gebiets könnte sich Russland den militärischen Zugang zum Mittelmeer sichern. Angeblich trifft Assads Regime bereits Vorkehrungen für die Schaffung eines solchen Gemeinwesens. In anderen Landesteilen könnte dann umso eher ein sunnitisches, aller Voraussicht nach radikal-islamistisches Machtgebiet entstehen. Damit würde nach dem Libanon und dem Irak ein weiteres arabisches Land dem Chaos anheimfallen.
Dieses Chaos wäre ein fruchtbarer Nährboden für unzählige religiöse und ethnische Konflikte. Terrororganisationen verschiedener Provenienz böte sich zudem die Möglichkeit, ihre Präsenz auszubauen. Die daraus resultierenden Konflikte könnten schnell zu Angriffen auf Israel führen und auch westliche Interessen bedrohen. Daher ist es verständlich, dass die Entwicklung in Syrien in Jerusalem, aber auch in westlichen Hauptstädten mit zunehmender Sorge beobachtet wird.
wst