13. Jahrgang Nr. 4 / 26. April 2013 | 16. Ijar 5773

Provokant

Mit seiner Ausstellung „Die ganze Wahrheit“ will das Jüdische Museum Berlin Stereotype über Juden demontieren

Von Carsten Dippel

„In diesem Glaskasten“, sagt Leeor Engländer, „stellt das Jüdische Museum einen echten Juden aus.“ Engländer sitzt in einer kleinen offenen Glasbox. Eigentlich schreibt er als Kolumnist für die Tageszeitung „Die Welt“. An diesem Tag jedoch ist Engländer Teil einer Sonderausstellung des Jüdischen Museums Berlin: „Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten“. In Deutschland werde sehr viel über Juden geredet, selten aber mit Juden, sagt Engländer. Am Ende sei das Wissen über das Judentum immer noch erschreckend gering.
Jüdische Museen wie das europaweit größte in Berlin werden immer wieder mit Fragen von Besuchern konfrontiert. Mal sind sie interessiert, mal naiv. Nicht selten auch provozierend. Arbeiten in einem jüdischen Museum nur Juden? Warum sind Juden so unbeliebt? Sind Juden besonders geschäftstüchtig? Was ist koscher? Wie wird man Jude? Darf man Witze über den Holocaust machen? Das Jüdische Museum in Berlin hat diese in Foren und Gästebüchern aufgeworfenen Fragen gesammelt und nun zum Gegenstand einer Ausstellung gemacht. Denn trotz der umfassenden Dauerausstellung würden viele Besucher immer wieder fragen, was denn nun eigentlich ein Jude sei, meint Programmdirektorin Cilly Kugelmann. Vielleicht, weil sie das Bedürfnis hätten, eine Gleichung zu bekommen. „Doch eine Gleichung gibt es nicht. Daher haben wir uns von Anfang an die Aufgabe gestellt, mit unserem Ausstellungsprogramm Stereotype zu demontieren.“
Für die vom 22. März bis 1. September im Museum laufende Ausstellung wurden dreißig Fragen ausgewählt. Jeder Frage ist eine eigene Installation gewidmet, in der Objekte aus Religion, Alltagswelt, zeitgenössischer Kunst mit Texten und Kommentaren korrespondieren. In Anlehnung an das Design des Libeskind-Baus ragen manche als lilafarbene Kuben in die Hallen. Anderswo schweben Dutzende jüdische Kopfbedeckungen im Raum. Schrill, bunt, manche sind kunstvoll bestickt. Der traditionelle Streimel eines chassidischen Juden ebenso wie die Kippa in militärischen Tarnfarben. Ein schönes, einprägsames Beispiel für die Vielfalt jüdischer Identität. In einer Videoinstallation gehen sieben in Deutschland wirkende Rabbiner auf Fragen zum Judentum ein. Je nach religiöser Ausrichtung, von orthodox bis liberal, weichen die Antworten zum Teil stark voneinander ab. Gezeigt werden damit ganz unterschiedliche Perspektiven zu jüdischem Denken, zu Identitätsdebatten, zum Verhältnis zur nichtjüdischen Umwelt.
Identität ist ein Schlüsselbegriff der Ausstellung. Was ist Jüdischsein? Worin manifestiert es sich? „Genetisch gehören Juden zu den faszinierendsten Völkern.“ Mit dieser Aussage wirbt ein genealogisches Institut dafür, per Gentest eine jüdische Abstammung nachweisen zu können. Was steckt hinter diesem Versuch, schwierige Fragen zur Identität mit Hilfe „wissenschaftlicher“ Kriterien anzugehen? Es sind immer wieder solche irritierenden Denkanstöße, die den Besucher herausfordern. Für die Kuratorin Michal Friedländer verbindet sich mit der Ausstellung auch eine Sehnsucht nach Normalität. „Wenn ich jemandem sage, ich bin jüdisch, dann möchte ich, dass das Gespräch weitergeht. Ich möchte nicht nach dem Nahostkonflikt gefragt werden oder nach dem Dritten Reich. Lasst uns doch lieber über das Wetter sprechen, über die Familie, Kinder, was auch immer. Ich hoffe, dass sich mit dieser Ausstellung Gesprächskanäle öffnen. Dass wir jenseits von Tabus auf eine nächste Ebene im Diskurs kommen.“
Die Ausstellungsmacher haben auf lange Texte verzichtet. Es ist eine eher spielerische Auseinandersetzung mit den in den Raum gestellten Fragen. „Wir sind hier keine Erziehungsinstitution, die nach politisch korrekten Erwägungen Fragen beantwortet. Sondern wir offerieren verschiedene Antwortmöglichkeiten. Und jeder Besucher muss für sich selbst rauskriegen, wie er das sehen will“, sagt Cilly Kugelmann. „Wir haben alle Besucher im Blick, denen es Spaß macht, ein bisschen selbstironisch, mit einer gewissen Leichtigkeit und manchmal auch mit einer Tiefenbohrung sich bestimmten Fragen zu nähern, ohne damit ein Zweitstudium eingehen zu müssen.“
Die Besucher sind, gewissermaßen als Spiegel im Spiegel, eingeladen, ihre eigenen Fragen an eine Wand zu schreiben. Oder – ein aktives und durchaus auch provozierendes Element – mit Münzen darüber abzustimmen, ob sie Juden für schön, intelligent, geschäftstüchtig oder tierlieb halten. Auf diese Weise spinnt sich der mit der Ausstellung begonnene Faden weiter.
Leeor Engländer stellt sich zeitweise im Wechsel mit anderen jüdischen Gästen als lebendiges Ausstellungsobjekt zur Verfügung. Eine Installation, die bewusst irritieren, vielleicht auch provozieren soll. Auf jeden Fall versteht sie sich wie die ganze Ausstellung als Einladung zum Gespräch. „Bis jetzt“, sagt Engländer, „ist mir noch keine Frage eingefallen, von der ich sagen würde, die ist nicht zu beantworten oder die will ich nicht beantworten.“ Und so wünscht er sich ein entspanntes Miteinander: „Man kann nichts verkehrt machen. Es gibt da überhaupt gar nichts, was man falsch machen kann. Außer: nicht zu fragen, sich nicht zu interessieren und bei seinen alten Klischees hängen zu bleiben.“