13. Jahrgang Nr. 4 / 26. April 2013 | 16. Ijar 5773

Exodus

Vor 80 Jahren begann die jüdische Massenemigration aus Nazi-Deutschland

Von Elke-Vera Kotowski

Vor acht Jahrzehnten, nur einige Wochen nach der „Machtergreifung“ vom 30. Januar 1933, leitete das nationalsozialistische Regime die erste Welle staatlichen Terrors gegen Juden ein. Am 1. April fand ein Boykott jüdischer Geschäfte statt. Am 7. April wurden Juden (und Personen teiljüdischer Herkunft) vom Berufsbeamtentum ausgeschlossen. In rascher Folge wurden die Berufsverbote auf andere Bereiche ausgedehnt. In den nachfolgenden Jahren folgte eine lange Liste von Verfolgungs- und Gewaltmaßnahmen, die letztendlich in Deportationen und Genozid mündete. Parallel dazu fand ein beispielloser Exodus statt, bei dem insgesamt 280.000 bis 300.000 Juden Deutschland verließen. Das war etwas mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung.
Anfangs hofften viele, die Verfolgung würde „nicht so schlimm werden“ – ein tragischer Irrtum. Andere fanden keinen sicheren Hafen oder konnten altersbedingt nicht mehr emigrieren. Allerdings wanderten bereits im Laufe des Jahres 1933 rund 38.000 Juden aus Deutschland aus. Bis 1937 hatten etwa 130.000 Juden Deutschland verlassen, viele davon noch immer in der Hoffnung, dass es nur ein vorübergehendes Exil sei, der Spuk der Nazi-Horden bald ein Ende habe und die Rückkehr in die Heimat erfolgen könne.
Zum Ende des Jahres 1938 mussten aber auch die letzten Optimisten einsehen, dass jedwede Hoffnung fehl am Platz war. Nach der „Reichskristallnacht“ setzte die bis dahin größte Auswanderungswelle ein, bis Jahresende verließen allein 40.000 deutsche Juden Hals über Kopf das Land, 1939 folgten annähernd 80.000 Flüchtlinge. Nach Kriegsausbruch wurde die Auswanderung dann zusehends erschwert. Die diplomatischen Vertretungen anderer Länder wurden geschlossen. Dadurch war die Beantragung von Visa im Deutschen Reich nicht mehr möglich. Zudem wurden die Reiserouten nahezu vollständig gesperrt. Auswanderungshäfen wie Triest oder Lissabon konnten kaum mehr erreicht werden. 1940 gelang es nur noch etwa 15.000 Juden Deutschland zu verlassen, 1941 halbierte sich die Zahl. Zwischen 1942 und 1945 waren es insgesamt nur noch etwa 8.500 Personen, die der Deportation durch die Flucht ins Ausland entkommen konnten. Von denjenigen, die in Deutschland bleiben mussten, überlebten nur 15.000 den Holocaust.
Für Deutschland bedeutete der jüdische Exodus – bei aller Genugtuung, die das NS-Regime und dessen Sympathisanten über die Vertreibung der Juden empfanden – einen unersetzlichen Verlust an kultureller, intellektueller und wirtschaftlicher Substanz. Schon kurz nach der Machtübernahme Hitlers verließen 7.600 Gelehrte, Schriftsteller, Künstler und Publizisten, fast ausschließlich Juden, das „Dritte Reich“. Mit ihnen gingen nicht nur kluge und kreative Köpfe, sondern auch ganze Forschungsbereiche inklusive Bibliotheken und Archive ins Ausland, wie beispielsweise das Warburg Institute London oder das Institut für Sozialforschung unter Führung von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Der wohl bekannteste Exilant war Albert Einstein, der bereits seit 1932 zwischen dem amerikanischen Princeton und Berlin gependelt war und nach der „Machtergreifung“ nicht wieder nach Deutschland zurückkehrte.
Die Emigranten hatten es nach dem Trauma der Flucht und der Ankunft an fernen Ufern zunächst nicht leicht, wieder Fuß zu fassen. Die Sehnsucht nach Deutschland, das sie bis 1933 als ihre angestammte Heimat betrachteten, begleitete viele, oft bis ans Ende ihres Lebens. Letztendlich aber gelang es den meisten, ein neues Leben aufzubauen.
Das wichtigste Aufnahmeland für aus Deutschland flüchtende Juden waren die USA, in denen circa 90.000 Emigranten Unterschlupf fanden, vor allem im Großraum New York, in Los Angeles und Chicago. Ins britische Mandatsgebiet Palästina konnten 60.000 deutsch-jüdische Flüchtlinge einwandern, während Großbritannien selbst schätzungsweise 52.000 Juden aufnahm. Ein weiteres Emigrationsziel war Lateinamerika mit insgesamt rund 90.000 Exilanten. Von diesen ging der größte Teil nach Argentinien und Brasilien, aber auch in die Staaten Mittelamerikas. Kleinere Gruppen gelangten nach Australien und Neuseeland, Südafrika und Japan. Nach Kriegsausbruch 1939 versuchten auch diejenigen Juden, die zuvor in den europäischen Nachbarländern Zuflucht gesucht hatten, auf äußerst riskante Weise das sich stetig ausbreitende Einflussgebiet des Deutschen Reiches zu verlassen. Zu den wenigen noch möglichen Zufluchtsorten, die ohne Einreisevisum erreicht werden konnten, gehörten in dieser Zeit Schanghai, wo sich 18.000 Juden niederließen, und Kuba, das 6.000 Flüchtlingen einen sicheren Hafen bot. Eine Anzahl jüdischer Kommunisten flüchtete in die Sowjetunion, doch war die Wahl des Wohnorts Moskau eher der Ausdruck ihrer politischen Ideologie als ihrer Zugehörigkeit zum Judentum.
In den USA stellte die geistige Elite aus Europa eine große Bereicherung für die Kultur- und Wissenschaftslandschaft dar, die man an Universitäten wie Princeton oder Berkeley hoch schätzte. Aber auch der wissenschaftliche Nachwuchs, der seine Schulausbildung noch an deutschen Gymnasien erworben hatte, strebte mit der Zeit an die amerikanischen Hochschulen. Beispielsweise die zwei Brüder Heinz Alfred und Walter Kissinger aus Fürth, die 1938 mit ihren Eltern nach New York emigrierten und in dem vornehmlich deutsch-jüdisch geprägten Washington Heights – das wegen der Immigranten sarkastisch „Frankfurt on the Hudson“ oder sogar „Viertes Reich“ genannte Viertel im Norden Manhattans – ihre Karriere in der Neuen Welt starteten. Beide Brüder studierten nach ihrem Militärdienst in der US-Armee in Harvard. Der ältere, der sich fortan Henry nannte, war zwischen 1973 und 1977 amerikanischer Außenminister.
Auch in der Wirtschaft waren viele Immigranten aus Deutschland in den USA erfolgreich. Walter Kissinger brachte es zum Geschäftsführer des Infrastruktur- und Bauunternehmens Allen Group. Die Beispiele ließen sich mehren. Schwerer hatten es an Sprache gebundene Kulturschaffende oder Journalisten. Ebenso konnten Schauspieler nicht immer an ihre alten Erfolge anknüpfen. In Hollywood oder am Broadway mussten sie sich in die lange Schlange der arbeitsuchenden Künstler einreihen, und wenn sie beispielsweise eine Nebenrolle ergattern konnten, hatten sie nicht selten Nazis zu spielen. Allerdings gab es durchaus auch Erfolgsgeschichten, wie beispielsweise die internationale Karriere des Filmregisseurs Billy Wilder.
Insgesamt boten die USA den Migranten gute Chancen für Integration. Als Dank dafür war dem Land der Patriotismus der deutsch-jüdischen Emigranten gewiss. In nicht wenigen Briefen an die verstreute Verwandtschaft in Buenos Aires, Cape Town oder Jerusalem betonten die Verfasser überaus häufig: „Wir sind schon richtige Amerikaner geworden!“ Diese Aussage konnten aber viele Adressaten ob in Buenos Aires oder Cape Town nicht immer teilen. Denn viele Exilländer waren weit weniger als die USA bereit, Immigranten in die bestehende Gesellschaft vollständig zu integrieren. Dies führte nicht selten dazu, dass trotz der Erfahrungen der Vertreibung und des Wissens von der Schoa die Kultur des Herkunftslandes für viele ein Stück Heimat im Exil blieb. Eines von vielen Beispielen ist Roberto (Robert) Schopflocher, ein Schulkamerad von Henry Kissinger, der 1937 aus Fürth nach Buenos Aires kam. Er richtete sich in Argentinien ein und wurde in der Landwirtschaft tätig. Dabei blieb er in verschiedenen Identitäten verankert: in der deutschen Kultur, in der argentinischen Heimat und in der jüdischen Tradition.
In Großbritannien konnten jüdische Immigranten an die lange Einwanderungstradition deutschsprachiger Juden im Vereinigten Königreich anknüpfen und leisteten einen durchaus gewichtigen Beitrag zur Entwicklung der britischen Gesellschaft. Der 1933 nach England emigrierte Biochemiker Hans Adolf Krebs erhielt 1953 den Medizinnobelpreis. Der Neurologe Ludwig Guttmann, 1939 nach Oxford geflüchtet, begründete nach dem Zweiten Weltkrieg die olympischen Spiele für Behinderte, die Paralympics. Der weltberühmte Mathematiker Bernhard Neumann war Dozent an mehreren britischen Universitäten. Der bedeutende Architekt Erich Mendelsohn war nach der Emigration in Großbritannien tätig, bevor er nach Israel und dann in die USA zog.
Ein Sonderkapitel bildet die Geschichte deutscher Juden – der Jeckes – in Israel. Die wenigsten von ihnen waren Zionisten. Im hebräisch-osteuropäisch-orientalisch geprägten jüdischen Gemeinwesen der dreißiger und vierziger Jahre hatten sie es, in der großen Mehrheit durch und durch von deutscher Kultur geprägt, nicht leicht. Als überkorrekt, oft auch als fantasie- und humorlos wurden die deutschen Juden bestenfalls belächelt, schlimmstenfalls angefeindet. Man nahm ihnen auch das Festhalten an der deutschen Sprache – damals der Sprache des Todfeindes – übel. Indessen leisteten die Jeckes einen unschätzbaren Beitrag zur Gründung und Entwicklung des jüdischen Staates. Sie waren entscheidend an der Begründung der bürgerlich-liberalen Gesellschaft beteiligt. Viele von ihnen legten den Grundstein für die israelische Industrie, so etwa Konzerngründer, Philanthrop und Mäzen Stef Wertheimer, der auch durch sein öffentliches Engagement zum Prominentenstatus aufstieg. Der von ihm gegründete Werkzeughersteller „Iscar“ konnte 2006 bei einem Firmenwert von fünf Milliarden Dollar an den US-Investor Warren Buffet verkauft werden. Richard und Hilda Strauss gründeten 1936 einen Milchprodukte-Betrieb, der mit der Zeit zu einem erfolgreichen Großunternehmen wurde.
Die „Jeckes“ haben auch auf anderen Gebieten Herausragendes geleistet. Nach Israels Staatsgründung spielten sie eine wichtige Rolle beim Aufbau der israelischen Diplomatie. In die Politik zog es sie seltener, doch war der gebürtige Dresdner Josef Burg Jahrzehnte lang Vorsitzender der Nationalreligiösen Partei, Minister und einer der angesehensten Politiker Israels.
Unter dem Strich lässt sich sagen, dass die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland – völlig unfreiwillig – zu einer der erfolgreichsten Emigrantengruppen der Geschichte wurden. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte nur eine Minderheit der Exilanten nach Deutschland zurück – und zwar sowohl in den Westen als auch in den kommunistisch regierten Osten des Landes. Einige wurden in der deutschen Politik tätig, so etwa Josef Neuberger, der aus Israel zurückkehrte und später nordrhein-westfälischer Justizminister wurde, oder Herbert Weichmann, der aus amerikanischem Exil wiederkam und 1965 zum Ersten Bürgermeister von Hamburg gewählt wurde. Prominente Schriftsteller wie Stefan Heym und Arnold Zweig ließen sich in der DDR nieder. Indessen erreichte die Zahl der Remigranten, wie sie genannt wurden, bis Ende der fünfziger Jahre mit knapp 13.000 weniger als fünf Prozent der Emigrantenzahl. Die meisten Ex-Flüchtlinge waren in ihrer neuen Heimat integriert oder wollten nicht ins Land ihrer Verfolger zurückkehren. Allerdings nahmen viele dieser Exilanten wieder Verbindung zu Deutschland auf und gehörten in manchen Fällen zu Pionieren des Dialogs zwischen Juden und Deutschen nach der Schoa.