5. Jahrgang Nr. 6 / 27. Mai 2005 - 18. Ijar 5765

Freiheit – nicht um jeden Preis

Zum Wochenabschnitt SCHELACH LECHA 25. Juni 2005/18. Siwan 5765

Von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart

Die Israeliten gelangten, aus Ägypten kommend, an die Grenzen des Heiligen Landes. Der Herr riet Moses „Männer zu entsenden, die das Land Kanaan abschreiten und auskundschaften...“ (Bemidbar 13:1) und dann aus ihrer Mission heimgekehrt, Bericht erstatten. In modernen Feldzügen werden am Ende solcher Missionen Pläne aufgrund von Vorab-Meldungen der Geheimdienste geschmiedet. Es kann dabei allerdings durchaus vorkommen, dass die entsprechenden Pläne auch misslingen. Die frühen Kundschafter wurden - wie in einem modernen, demokratischen Heer - paritätisch ausgewählt: Zwölf Männer - Repräsentanten der zwölf Stämme Israels – zogen in das antike Kommandounternehmen. Vierzig Tage lang waren sie unterwegs. Die Israeliten wussten, dass dieses Unternehmen keine Vergnügungsreise war.

Nomadisierende Hirten sollten das heilige Land und die dort ansässigen Menschen erforschen. Schon bald stellten sie fest, dass die Menschen ihnen in ihrer Lebensform und Existenzbewältigung weit voraus waren. Die Bewohner Kanaans betrieben eine hoch entwickelte Landwirtschaft, wohnten in festen Häusern aus Stein und Holz, die die Israeliten nicht kannten. Nach 40 Tagen kehrten die Kundschafter zurück und berichteten dem Volk.

Jene Berichte werden in der Heiligen Schrift genau dokumentiert. Klar wird darin vor allem, dass die Kundschafter nicht wirklich einer Meinung waren. Zehn der Zurückgekehrten erzählten, „dass das Volk, das im Land wohnt sehr stark ist, und die Städte sehr fest und groß sind...ferner sah man dort wahrhaftige Riesen…wir waren in unseren Augen wie Heuschrecken, und so waren wir es auch in ihren Augen.“ (13:28-33). Die Berichterstatter kamen zu dem Schluss, dass sie nicht gegen dieses Volk ziehen könnten, „denn es ist uns zu stark“ (13:31). Die Wirkung dieser Worte ließ beim eigenen Volk nicht lange auf sich warten: Offene Rebellion, Aufruhr und Ratlosigkeit folgten. Immer mehr Israeliten setzten auf die kurzsichtige, vermeintliche Lösung: Lasst uns nach Ägypten zurückkehren! Die Worte der zwei restlichen Kundschafter, Josua und Kaleb, die der Meinung waren, dass das israelitische Volk in Eintracht und mutig in dem Land der Verheißung bestehen könnte, blieben wirkungslos.

Aufgrund ihrer Feigheit erlitten die Israeliten eine harte Strafe: Vierzig Jahre lang sollten sie noch weiter in der Wüste umherirren, bis der letzte, dessen Seele sich noch von der Gedankenwelt der Knechtschaft nährte, diese Welt verlassen hatte.

Denn: Erst wenn ein in Freiheit geborenes Geschlecht heranwächst, wird es das Land der Verheißung erhalten und schätzen können. Eine Lehre über den Wert von Freiheit und Freizügigkeit, die wir uns alle Jahre wieder, wenn wir diese Berichte lesen, vergegenwärtigen müssen.