13. Jahrgang Nr. 4 / 26. April 2013 | 16. Ijar 5773

Auf wackligem Boden

Die Pflege jüdischer Friedhöfe in Osteuropa ist nicht ausreichend gesichert

Nach der Schoa hieß es oft, Osteuropa sei „ein Friedhof des jüdischen Volkes“: Die überwältigende Mehrheit der ursprünglichen jüdischen Bevölkerung war von den Nazis ermordet worden, die Überlebenden waren größtenteils emigriert. Jüdisches Leben wurde im Sozialismus streng reglementiert. Heute hat sich die Situation geändert: Die jüdischen Gemeinden im ehemaligen Ostblock zeigen bei der Entwicklung jüdischen Lebens ein bewundernswertes Engagement. So kann vom „Friedhof“ im geistigen Sinne keine Rede mehr sein.
Allerdings stellen echte Friedhöfe ein großes Problem dar. Auf der einen Seite ist die Pflege des „guten Ortes“, wie der Friedhof auch genannt wird, eine wichtige Pflicht. Auf der anderen Seite machen die große Zahl und der oft verwahrloste Zustand der jüdischen Friedhöfe selbst minimale Instandsetzung zu einer Aufgabe, die die begrenzten Mittel und Möglichkeiten der zumeist kleinen und, gelinde gesagt, nicht gerade vermögenden Gemeinden übersteigt.
Allein in Polen, in dem vor der Schoa 3,5 Millionen Juden gelebt hatten, gibt es rund 1.400 jüdische Friedhöfe, doch sind nach Angaben des Oberrabbiners von Polen, Michael Schudrich, lediglich 100 von ihnen umzäunt. Ohne Zäune aber, so Piotr Kadlcik, Vorsitzender des Verbandes jüdischer Glaubensgemeinden in Polen, würden Friedhöfe von rücksichtlosen Nachbarn schnell zu Mülldeponien „umfunktioniert“. Dann flattert der jüdischen Gemeinde, die für den Friedhof verantwortlich ist, auch noch ein Bußgeldbescheid der Stadtverwaltung auf den Tisch. In der Slowakei hatten vor dem Zweiten Weltkrieg 90.000 Juden gelebt. Heute sind es nur noch circa 3.000. Zwar schafft es die kleine Gemeinschaft immerhin, 150 Friedhöfe zu pflegen, doch bleiben weitere 600 verwaist. Es geht aber nicht nur um Geld. In vielen Fällen wurden jüdische Friedhöfe auch zweckentfremdet und dienen heute als öffentliche Grünanlagen – wenn sie nicht sogar mit Wohnhäusern oder Gewerbegebäuden bebaut wurden.
Moshe Kantor, Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, setzt sich dafür ein, dass die Regierungen betroffener Länder, die Verantwortung für jüdische Friedhöfe übernehmen. Bisher aber sind die örtlichen Gemeinden auf Hilfe und Spenden angewiesen. Um die Lage wenigstens zu lindern, hat der New Yorker Zahnarzt Michael Lozman eine Stiftung für die Instandsetzung jüdischer Friedhöfe in Osteuropa gegründet. Über Geldspenden hinaus organisiert die Stiftung auch den Einsatz von Freiwilligen, die sich vor Ort um Friedhöfe kümmern. In Polen verrichten zuweilen Gefängnisinsassen Instandsetzungsarbeiten. In der Slowakei bringt die jüdische Gemeinschaft, so gut es geht, Spenden per Internet auf. Indessen werden solche Initiativen, so begrüßenswert sie sind, nicht einmal annähernd dem wirklichen Bedarf gerecht. Wann – und ob – eine angemessene Lösung gefunden werden kann, bleibt daher abzuwarten.
JTA/zu