13. Jahrgang Nr. 4 / 26. April 2013 | 16. Ijar 5773

Arendt als Auftakt

Mit einer Tagung über Hannah Arendt hielt die Bildungsabteilung des Zentralrats ihre erste Veranstaltung ab

Von Heinz-Peter Katlewski


Am Mittwoch, dem 17. April, war es soweit: Die neue Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland konnte ihre erste Tagung eröffnen. Der Konferenzraum in der Berliner Johannisstraße war bis auf den letzten Platz gefüllt, als Professor Doron Kiesel und Sabena Donath, denen die Leitung der Abteilung obliegt, vor die rund 40 Tagungsteilnehmer traten. In dem bunt gemischten Publikum saßen Gäste aller Altersgruppen, wobei die Zahl junger Leute auffällig groß war.
Im Mittelpunkt der dreitägigen Veranstaltung stand die jüdische Philosophin und Publizistin Hannah Arendt. Dieser Tage ist das öffentliche Interesse an ihr durch Margarethe von Trottas biographischen Film „Hanna Arendt“ besonders groß. Damit lagen die Veranstalter, sozusagen, im Trend. Zum Hintergrund der Tagung gehörte aber auch das Jubiläum einer heftigen Kontroverse, die Arendt vor 50 Jahren mit ihrer Betrachtung zu der von ihr postulierten „Banalität des Bösen“ ausgelöst hatte. Damals druckte das amerikanische Magazin „New Yorker“ Arendts Bericht über den Jerusalemer Prozess gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer und „Judenreferenten“ Adolf Eichmann. Eichmann war während der Nazizeit ein Hauptorganisator der Schoa und wurde nicht zuletzt durch die Präzision der Transporte berüchtigt, mit denen die Juden aus dem vom „Dritten Reich“ besetzten Europa in die Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt wurden. Als er von Israel 1961 vor Gericht gestellt wurde, reiste Arendt nach Jerusalem, um für den „New Yorker“ über den Prozess zu berichten.
Ihre Berichte lösten einen heftigen Streit aus. Anders als beispielsweise der israelische Generalstaatsanwalt, der in Eichmann ein Monster sah, glaubte Arendt in Eichmann das Gegenteil zu erkennen: einen befehlsabhängigen „Hanswurst“ – einen Bürokraten, der unfähig gewesen sei zu verantwortlichem, selbstständigem Denken, zum Unterscheiden zwischen Gut und Böse. Bald nach der Veröffentlichung im „New Yorker“ wurden ihre Prozessberichte in den USA als Buch veröffentlicht. Die deutsche Ausgabe erschien 1964 unter dem Titel „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Ob das Böse nun wirklich so banal war, wie von Arendt behauptet, ist eine Frage, über die bis heute gestritten wird. In jedem Fall sind Hannah Arendts Werke bis heute hochaktuell – wie auch das große Interesse an der Berliner Tagung bewies.
Dort nun hatten Vertreter und Mitarbeiter jüdischer Gemeinden und Institutionen, Stipendiaten des jüdischen Begabtenförderungswerks ELES sowie andere jüdische Interessierte Gelegenheit, sich mit Arendt kritisch auseinanderzusetzen. Die breite Themenpalette umfasste ihre Biografie, den Einfluss akademischer Lehrer wie Martin Heidegger und Karl Jaspers, Arendts Engagement in der zionistischen Bewegung nach der Machtübernahme der Nazis ebenso wie ihre Vorbehalte gegen den Zionismus und ihre ambivalente Beziehung zu Israel. Ihre Thesen zu Macht, Herrschaft und Freiheit und zu politischem Handeln standen ebenso auf der Tagesordnung wie ihre Freundschaften und schließlich auch ihre kämpferische und zuweilen rücksichtslose Rhetorik.
Hans-Jörg Sigwart, Politikwissenschaftler an der Universität Nürnberg, skizzierte unter anderem Hannah Arendts Werdegang: geboren in Hannover, aufgewachsen in Königsberg, Studienorte in Marburg, Heidelberg, Frankfurt und Berlin, acht Tage Gestapo-Haft, Emigration nach Paris, Internierungslager in Frankreich, Flucht in die USA.
Antonia Grunenberg, Professorin für Politikwissenschaft und Gründerin des Hannah-Arendt-Zentrums an der Universität Oldenburg, führte aus, die Möglichkeit zur Gründung immer neuer politischer Gemeinwesen – gestiftet durch den Neuanfang, der mit der Geburt eines jeden Menschen einhergehe – sei zentral für Arendts Denken gewesen. Damit stünde die Philosophin im Gegensatz zu totalitären Herrschaftsformen, die die immerwährende Möglichkeit der Erneuerung und Veränderung nicht in Betracht zögen. Den deutschen Nationalsozialismus sah Arendt als einen Zivilisationsbruch an, nach dem eine Rückkehr zu traditionellen Werten undenkbar sei. Die Nazis hätten ihren Machtanspruch so sehr ins Extreme gesteigert, dass die Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen ihnen als legitime Politik erschien. Die Getöteten seien daher nicht für irgendwelche Verbrechen bestraft worden. Umgekehrt hätten die Mörder kein Schuldbewusstsein gehabt. Sie glaubten, sich auf Befehl und Pflichterfüllung berufen zu können.
Christian Wiese, Inhaber der Martin-Buber-Professur an der Frankfurter Universität, beschäftigte sich mit Hannah Arendts Verhältnis zum Judentum. Nicht zuletzt habe ihr Bericht vom Eichmann-Prozess auch zu den Überlebenden, die beim Prozess als Zeugen auftraten, kühle Distanz gehalten. Kurt Blumenfeld, ein Freund aus den Jahren gemeinsamen Engagements für die zionistische Bewegung Jugend-Alija in Paris, hatte ihr nach der Veröffentlichung ihres Reports vorgeworfen, keine Liebe für das jüdische Volk zu empfinden. Arendt konterte das Schreiben mit der Bemerkung, sie könne kein Volk lieben, nur Freunde. Allerdings, betonte Wiese, bekannte sie sich durchaus dazu, Jüdin zu sein, und erklärte, nie etwas anderes angestrebt zu haben. Schließlich habe sie sich gegenüber Freunden trotz aller Kritik zu Israel bekannt: Um dieses Land, erklärte sie, mache sie sich mehr Sorgen als um jedes andere.
Darüber, wie Hannah Arendt heute zu beurteilen sei, gingen die Meinungen unter den Teilnehmern auseinander. Die einen meinten, viele ihrer Prognosen seien eingetroffen, ihr theoretischer Ansatz sei interessant. Andere hielten sie für gescheitert. Dass die Tagung über diese große Denkerin den Teilnehmern wichtige Impulse gegeben hat, war indessen unumstritten.