13. Jahrgang Nr. 4 / 26. April 2013 | 16. Ijar 5773

Für alle Zeiten

Israel bereichert nicht nur unsere Gegenwart, sondern ist auch ein Teil unserer Vergangenheit und Zukunft

Von Dieter Graumann

Im April feierte der Staat Israel seinen 65. Geburtstag. Der Unabhängigkeitstag wurde auch in jüdischen Gemeinden anderer Länder begangen – natürlich ganz besonders hier in Deutschland. Das ist ein guter Brauch, an dem wir auch in den kommenden Jahren mit Begeisterung festhalten werden.
Israels 65. Unabhängigkeitstag ist aber auch ein Anlass, über Israels Bedeutung für die weltweite jüdische Gemeinschaft nachzudenken. Die Generation der im Jahr 1948 Erwachsenen erlebte die Wiederbegründung jüdischer Souveränität in Echtzeit. Kurz nach der Schoa – dem Tiefpunkt jüdischer Ohnmacht – erwuchs der eigenständige Judenstaat: ein fast unglaubliches Wunder der Geschichte, das die Zeitzeugen bis in ihr Innerstes berührte. Dagegen kennen die meisten heute, sechseinhalb Jahrzehnte nach der Staatsgründung Lebenden, darunter auch der Verfasser dieser Zeilen, eine Welt ohne Israel gar nicht, oder sie können sich nicht mehr an sie erinnern.
Es ist natürlich wunderbar, dass wir Israel nach einer Pause von zweitausend Jahren wieder als feststehende Tatsache erleben. Aber auch wir sollten Israels Existenz nicht als etwas Selbstverständliches, sondern als ein großes Geschenk der Geschichte erkennen und auch immerzu empfinden. Schließlich ist Israel ein Teil unseres Lebens und bereichert die jüdische Gegenwart auf so vielfältige Art und Weise.
Gewiss bestimmen wir als Bürger anderer Staaten nicht die laufende Politik Israels. Diese wird ausschließlich von israelischen Wählern festgelegt. Einzelne politische Schritte des Kabinetts in Jerusalem mögen bei Juden in anderen Ländern auf Zustimmung oder auf Widerspruch stoßen, und gerade in einer so debattierfreudigen Gemeinschaft, wie wir es sind, wäre völliger politischer Konsens weder normal noch gesund.
Allerdings ist Israel für Juden viel mehr als ein politisches Gebilde, über dessen Erfolge und Verfehlungen man kopfnickend oder kopfschüttelnd in der Zeitung liest. Wir betrachten Israel nicht nur mit dem Kopf, sondern vor allem mit dem Herzen – und da gibt es durchaus eine weitreichende Übereinstimmung: Israel ist ein Teil von uns selbst. Allein schon die Tatsache, dass in Israel heute fast sechs Millionen Juden leben – gut über 40 Prozent der jüdischen Weltbevölkerung – macht das Land für uns zu etwas Besonderem. Man muss kein Israeli, ja nicht einmal ein ideologiefester Zionist sein, um Wohl und Wehe des jüdischen Staates mitzuempfinden. Israel geht uns alle an. Es geht uns natürlich auch an, wenn Israel von Feinden bedroht wird, wenn Fanatiker seine Vernichtung auf ihre Fahnen schreiben, wenn ihm die Existenzberechtigung abgesprochen wird. Als Juden stehen wir besonders in der Pflicht, solchen Bedrohungen entgegenzutreten. Das haben wir in der Vergangenheit getan und werden es auch in Zukunft tun.
Israel ist ein Partnerland für viele jüdische Organisationen und Einrichtungen. Für jüdische Institutionen, auch in Deutschland, kann die Zusammenarbeit mit akademischen, religiösen und sozialen Institutionen in Israel eine sinnvolle Ergänzung ihrer eigenen Tätigkeit darstellen, aber auch die israelische Seite bereichern. Der ständige Ausbau jüdischen Lebens in Deutschland macht solche Kooperation nicht nur nicht überflüssig, sondern erweitert, im Gegenteil, ihr Potenzial, ohne dass unsere Eigenständigkeit darunter leiden müsste.
Israel darf man aber nicht nur auf theoretischer Ebene begegnen – man muss es erlebt haben. Deshalb unterstützt der Zentralrat der Juden in Deutschland tatkräftig das Birthright Israel/Taglit-Programm, in dessen Rahmen junge Juden Israel zum Kennenlernen besuchen können. Für viele von uns ist Israel auch Teil der Familie im Wortsinne. Wir haben dort Geschwister, Kinder, Cousins und andere Familienangehörige oder auch gute Freunde – sozusagen Wahlfamilie.
Ebenso ist Israels Geschichte für uns auch heute hochrelevant. Etwas überspitzt könnte man sagen, dass Israels Geschichte für Juden keine Vergangenheit, sondern Teil ihrer eigenen Zeit ist. Man wird unsere Identität nicht wirklich begreifen können, ohne das Werden des jüdischen Volkes im historischen Land Israel zu verstehen. Dort hat sich das Judentum im Laufe von mehr als einem Jahrtausend von bescheidenen Anfängen zu einer zur Zeitenwende hochentwickelten und blühenden Zivilisation entwickelt. An der Schnittstelle dreier Kontinente, in einem kleinen, aber von den Großmächten jener Zeit hart umkämpften Land gehörte große Stärke dazu, eine neuartige Kultur und Religion zu schaffen und gegen alle Anfeindungen und Verlockungen zu verteidigen. Das war eine gute Vorlage für jüdische Selbstbehauptung auch in den darauf folgenden Jahrtausenden.
Ein großer Teil der Begriffswelt des Judentums geht auf den – dem Menschen nicht immer wohlgesinnten – Standort Nahost zurück. Die Knappheit natürlicher Ressourcen machte unseren Vorfahren überaus deutlich, wie abhängig der Mensch von höheren Gewalten ist. Das versteht man viel besser, wenn man die schönen, aber kargen, heißen Landschaften Israels gesehen oder durchwandert hat. Und natürlich ist es ein ganz besonderes Gefühl, an Stätten zu kommen, an denen die großen Gestalten unserer frühen Geschichte gewirkt und gekämpft haben. Ich denke, dass sich jeder von uns, wie ich selbst, König David näher fühlt, wenn er das alte Jerusalem besucht, die immense Bedeutung des früheren Tempels spürt, wenn er in Ehrfurcht vor der Klagemauer steht. Diese Erlebnisse sind alles andere als banal. Sie sind schlicht unersetzlich.
Unersetzlich bleibt Israel auch für die jüdische Zukunft. Die absolute Zahl wie auch der Anteil der Juden, die – um mit Theodor Herzl zu sprechen – in Altneuland leben, nehmen beständig zu. Damit kann Israel auch immer besser seinen Beitrag zur Entwicklung jüdischen Wissens und jüdischen Geisteslebens leisten. Das steigende Entwicklungsniveau der israelischen Wirtschaft und Wissenschaft macht das Land für eine breite Palette von Kontakten attraktiv. Schließlich bleibt Israel ein sicherer Hafen für alle Juden. Zwar hoffen wir, dass es nirgendwo zu einer negativen Veränderung der Rahmenbedingungen für jüdisches Leben kommt. Es ist indessen wichtig zu wissen, dass es Israel gibt – ein Land, in dem jeder Jude nicht im Gnadenweg, sondern von Rechts wegen seinen Wohnsitz nehmen kann. Das sollte man, ohne in wie auch immer geartete Panik zu geraten, hoch schätzen.
Ich wünsche mir, dass wir die Bedeutung, die Israel für uns hat, nicht nur erkennen und verinnerlichen, sondern auch verstärkt an unsere Kinder und Kindeskinder weitergeben. Schließlich werden sie es sein, die die Verbindung zur Wiege unserer Religion und Kultur aufrechterhalten. Ob der Staat Israel nämlich 65, 165 oder 665 Jahre alt ist – für das jüdische Volk gibt es einfach kein Rentenalter.

Dr. Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland