5. Jahrgang Nr. 6 / 27. Mai 2005 - 18. Ijar 5765

Staatspräsident spricht Tacheles

Moshe Katsav traf sich mit Vertretern der jüdischen Gemeinden in Deutschland

Das Interesse war groß, die Gästeliste lang, die Stimmung gut – 200 Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland und der jüdischen Gemeinden wollten wissen, was ihnen der israelische Staatspräsident, der ausdrücklich um eine Begegnung mit Vertretern der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gebeten hatte, zu sagen hat. So wunderte es denn auch nicht, das Moshe Katsav im Großen Festsaal der Jüdischen Gemeinde zu Berlin kein Blatt vor den Mund nahm und seine Sorge über die Verflachung des Judentums zum Ausdruck brachte: „Ich mache mir Sorgen um die Juden in der Diaspora, die ihre Kinder nicht jüdisch erziehen.“ Gleichzeitig erklärt er: „Ich wäre froh, alle Juden in Israel begrüßen zu dürfen.“ Jeder Jude sollte die persönliche, moralische und historische Pflicht spüren, in Israel mitzuwirken. „Wenn Sie eine Ausrede haben, warum Sie nicht nach Israel kommen, so haben Sie die Aufgabe, Ihre Kinder so zu erziehen, dass Sie wissen, was es bedeutet, Jude zu sein“, ermahnt das israelische Staatsoberhaupt die Anwesenden, „Jude ist nur, wer seine Kinder und Enkel zu Juden erzieht.“ Und dafür erhielt das Staatsoberhaupt laute Zustimmung aus dem Publikum. Dann erneuerteder Gast aus Israel in seiner Ansprache die Warnungen vor einem Erstarken des Rechtsradikalismus in Deutschland.

Die Vize-Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, verlas ein Grußwort des erkrankten Präsidenten Paul Spiegel. Die weite Verbreitung antijüdischer Feindbilder in der nichtjüdischen Bevölkerung veranlasse zu Wachsamkeit. Es falle schwer zu glauben, dass das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas", das Katzav als erster ausländischer Staatsmann nach der offiziellen Einweihung am 10. Mai 2005 besucht hatte, aus der Mitte der Gesellschaft entstand. Auch der Umgang mit dem Denkmal stimme nachdenklich.

zu/JA