5. Jahrgang Nr. 1 / 28. Januar 2005 - 18. Schwat 5765

„Jeder Mensch soll dort leben, wo es ihm am besten gefällt“

Was Betroffene von den Zuwanderungs-Vorschlägen halten

Die Bundesregierung Deutschland plant, nach Inkrafttreten des neuen Zuwanderungsgesetzes die Bestimmungen für Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion drastisch zu verschärfen. Zukunft-Reporterin Irina Leytus hat sich bei Juden in Deutschland und Israel umgehört

Igal Malach ist52 Jahre alt, in Tel Aviv geboren und lebt in Eilat:

„Jeder Mensch muss dort leben, wo es ihm am besten gefällt, meinetwegen auch in Deutschland. Aus meiner Sicht gilt jedoch: Jeder, der kann, soll arbeiten. Und wenn die neuen Regeln der Bundesregierung, die Menschen in diese Richtung „motivieren“, umso besser, vor allem für die Menschen selbst. In Israel gibt es jetzt übrigens eine Verschärfung, was die sozialen Leistungen des Staates für die Bürger betrifft, und das ist gut so – für das Land und vor allem für die Bürger.“

Dina Katz ist 71 Jahre alt, in Chernowitz geboren und lebt heute in Jerusalem:

„Ich finde es richtig, dass die Immigration nach Deutschland begrenzt wird. Das kann nicht sein, dass Juden aus der ehemaligen UdSSR nach Deutschland fahren und ausgerechnet von Deutschen alles umsonst bekommen. Wir in Israel müssen mit viel weniger auskommen und dazu leben wir quasi auf einem ,Pulverfass’.“

Avital Grinberg ist 25 Jahre alt, in Moskau geboren und lebt in Tel Aviv:

„Die Verschärfung der Einwanderungsregelungen nach Deutschland wird dazu führen, dass die junge und arbeitsfähige Menschen nach Deutschland gehen werden, und der „Rest“ nach Israel auswandert. Israel ist ohnehin die Heimat für alle Juden. Sollen doch die Deutschen und anderen Europäer machen, was sie wollen. In Israel wird es niemals eine „Einwanderung in zwei Klassen“ geben!“

Moisej Zlotnikow ist 68 Jahre alt, in Kiew geboren und lebt bei Hannover:

„Es ist zwar bitter für die Menschen, wenn die neuen Bestimmungen greifen sollten, aber wir, Juden, sind ja zum Teil auch selbst schuld: Irgendwie haben wir das schlechte Gewissen der Deutschen überstrapaziert.“

David F. ist 38 Jahre alt, in Ungarn geboren und lebt in Berlin

„Über einen ,Umweg’ soll mit dem neuen Zuwanderungsgesetz die Immigration von „zu vielen zu faulen“ Juden aus der ehemaligen UdSSR blockiert werden. Das empfinde ich als ein Zeichen des „neuen“ Antisemitismus nach dem Motto: „Das wird ja wohl gesagt werden dürfen!“ Die Menschen, die in Russland auf gepackten Koffern sitzen, tun mir wirklich leid, denn sie blicken in eine völlig ungewisse Zukunft. Aber auch den Deutschen tun diese Vorschläge nicht gut: Neid und Antipathie zu den Fremden ,versauen’ den Charakter.“

Detlef Hinze ist 47 Jahre alt, in Soltau geboren und lebt in Hamburg:

„Die Verbitterung der jüdischen Menschen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion kann ich durchaus nachvollziehen. Aber ich glaube, dass es bei den Plänen der Länderinnenministerkonferenz in erster Linie um Vorschläge zur Kürzung von sozialen Leistungen geht, die überall in Deutschland angestrebt werden und sich nicht speziell gegen Juden richten. Beschämend finde ich allerdings, dass es nach Außen als Versuch zur erfolgreichen Integration ,verkauft’ wird. Die meisten Juden, die in der Nazizeit vernichtet wurden, waren, weis Gott, ,integriert’, waren patriotisch, loyal und fleißig.“