13. Jahrgang Nr. 3 / 22. März 2013 | 11. Nissan 5773

Familientreff

Beim Jugendkongress in Berlin wurde eifrig debattiert, doch kam auch Unterhaltung nicht zu kurz

Von Olaf Glöckner

Am letzten Wochenende im Februar fand in Berlin der diesjährige Jugendkongress des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) statt. Mit knapp 400 Teilnehmern aus der ganzen Bundesrepublik verzeichnete die Veranstaltung einen bemerkenswerten Teilnehmerrekord – und sie kam erstmals an die Spree.
Im „Leonardo Royal Hotel“ in Berlin-Mitte gab es spannende Workshops rund um das Veranstaltungsthema „Die Bedeutung Israels für uns“ und viele Gespräche, außerdem ein stimmungsgeladenes Purim-Fest. Am Freitag bot sich zudem die Gelegenheit für eine Stadtrundfahrt durch das historische jüdische Berlin. Die jungen Leute besuchten auch Gleis 17, jenen Ort, von dem aus Zehntausende Juden vor 70 Jahren in die Vernichtungslager deportiert worden waren.
Im „Leonardo Royal“ herrschte von Beginn an ein familiäres Klima, wozu ein eingespieltes Team um ZWST-Vorstandsvorsitzenden Abraham Lehrer und Direktor Benjamin Bloch entscheidend beitrug. Rabbiner Yechiel Brukner (München) und Rabbiner Jaron Engelmayer (Köln) trafen ebenfalls den Ton der Jugend und verstanden es, eine festliche Schabbat- und Purimatmosphäre auch in ungewohnter Umgebung zu schaffen. Bei einer zünftigen Purim-Party tauchten die jungen Damen und Herren dann mit perfekten Kostümen in die Welt der Goldenen 20er-Jahre ein. Den Sound dazu lieferte die Londoner Showband „Muzika“, die nicht nur mit hebräischen und jiddischen Klassikern, sondern auch mit Jazz, Rock und schwarzem Soul brillierte.
Stand den jungen Leuten allabendlich die Welt der Unterhaltung offen, rangen sie tagsüber umso intensiver mit religiösen, politischen und ethischen Themen. In den Workshops zum Verhältnis von Israel und Diaspora, zur Bedeutung Israels für die jüdische Identität in Deutschland und zur Bedeutung Israels aus religiöser Sicht entwickelten sich emotionale und teils auch kontroverse Diskussionen. Igor aus Düsseldorf bedauerte etwa, dass Israel oft als „Feigenblatt für eine mangelnde eigene jüdische Identität“ diene. Andere Teilnehmer berichteten dagegen, wie ein Kibbutz-Praktikum, ein Auslandssemester oder ein Hebräisch-Ulpan ihre Identifikation mit dem Land nachhaltig gestärkt habe. Professor Doron Kiesel, selbst in Israel geboren und heute Dozent für interkulturelle Pädagogik an der Fachhochschule Erfurt, resümierte am Ende, dass sich „die verschiedenen Dimensionen der Identifikation mit Israel wohl kaum gegeneinander aufrechnen lassen“.
Besondere große Beachtung fanden die Vorträge von Ron Prosor, Israels UN-Botschafter in New York, von Yossi Kuperwasser, Generaldirektor des israelischen Ministeriums für Strategiefragen, sowie von Assaf Moghadam, Terrorismusforscher am Interdisziplinären Zentrum in Herzliya (IDC). Moghadam erklärte auf der Basis seiner Studien in anschaulicher Weise, dass sich die Welt „wohl noch auf einen langwierigen Kampf gegen den Terrorismus einstellen“ müsse.
Neue Bedrohungen für Israel und die gesamte westliche Welt blieben auch am letzten Kongresstag ein heiß debattiertes Thema. Bei der von ZEIT-Herausgeber Josef Joffe moderierten Podiumsdiskussion zur „Bedeutung Israels für Deutschland“ ließen Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman wie auch die Bundestagsabgeordneten Jerzy Montag (Grüne), Gregor Gysi (Linke), Karl-Georg Wellmann (CDU) und Bijan Djir-Sarai (FDP) keinen Zweifel daran, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel auch in den kommenden Jahren ihren einzigartigen Charakter behalten werden. Wellmann kennt sich mit den Problemen der häufig von Gaza aus mit Raketen beschossenen südisraelischen Stadt Sderot besonders aus – sie ist die Partnerstadt seines Berliner Wahlbezirkes Steglitz-Zehlendorf. „So schrecklich das ist, man muss es gesehen haben“, meinte Wellmann nachdenklich. „Wir sollten möglichst viele junge Deutsche nach Sderot bringen, damit die Situation der Menschen dort in Europa einfach besser verstanden wird.“
Dass die Solidarität mit Israel alles andere als eine „Einbahnstraße“ ist, verdeutlichte wiederum Zentralratspräsident Dr. Dieter Graumann. „Israel verleiht uns gerade in der jetzigen Zeit viel Selbstbewusstsein und Rückhalt“, betonte er auf dem Podium. „Nirgendwo haben wir das besser spüren können als während der leidigen Beschneidungsdebatte in Deutschland im vergangenen Sommer.“ Zugleich berichtete der Präsident, dass der Zentralrat das „Taglit-Birthright-Programm“ für Israel-Besuche nun verstärkt unterstütze.
Viele Kongress-Teilnehmer verließen Berlin mit zufriedenen Mienen. Anton aus Oldenburg freute sich besonders über „die Kompetenz und Gesprächsbereitschaft der Workshop-Leiter“, und Chen aus München war „begeistert, so viele Madrichim nach etlichen Jahren wiedergesehen zu haben“. Einige Teilnehmer hätten sich jedoch eine größere thematische Vielfalt gewünscht. „Dennoch“, meinte Mila aus Aachen, „bin ich schon auf den nächsten Kongress gespannt.“