13. Jahrgang Nr. 3 / 22. März 2013 | 11. Nissan 5773

Abwarten

Nach dem Tod von Hugo Chavez verfolgt die jüdische Gemeinschaft Venezuelas die politische Entwicklung des Landes mit Spannung

Der Tod des venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez löst auf der internationalen Bühne die Frage nach der künftigen außenpolitischen Ausrichtung des südamerikanischen Staates aus. Dabei geht es vor allem um die Frage, ob Venezuela von Chavez' antiamerikanischem und proiranischem Kurs abrücken wird – eine Frage, deren Beantwortung wohl wesentlich vom Ausgang der nun erforderlichen Nachfolgerwahl abhängen wird.
Allerdings verfolgen auch die kleine jüdische Gemeinde Venezuelas und die jüdische Welt insgesamt die politische Entwicklung des Landes mit Spannung. Unter Chavez trieb Caracas eine heftig antiisraelische Politik und schreckte auch in der Innenpolitik nicht vor antisemitischen Untertönen zurück. Nach der gegen den Hamas-Terrorismus gerichteten israelischen Militäroperation „Gegossenes Blei" brach Chavez die diplomatischen Beziehungen zu Israel 2009 ab. Er machte wiederholt Stimmung gegen den jüdischen Staat, etwa indem er Israel „Nazi-Methoden" vorwarf oder es eines „Völkermordes" an den Palästinensern beschuldigte.
Im letzten Wahlkampf, den Chavez letztendlich gewann, beschrieb das Regierungslager den bürgerlichen Herausforderer Henrique Capriles Radonski als „jüdisch-zionistischen Bourgeois". Wie bekannt wurde, bespitzelte der venezolanische Geheimdienst die jüdische Gemeinschaft. Im Jahr 2004 besetzten Sicherheitskräfte die jüdische „Hebraica"-Schule in Caracas, angeblich um nach Beweisen für Straftaten zu suchen. 2008 verlangte Chavez von seinen jüdischen Mitbürgern, sich von Israel zu distanzieren.
Unter solchen Umständen mochten nicht alle seinen Beteuerungen glauben, er habe nichts gegen Juden. Viele jüdische Bürger kehrten dem Land den Rücken: Während der vierzehnjährigen Präsidentschaft von Chavez wanderte mindestens die Hälfte der bei seinem Amtsantritt in Venezuela lebenden 20.000 Juden aus. Gewiss: Auch Hunderttausende von Nichtjuden verließen in dieser Zeit Venezuela, sei es wegen der unternehmensfeindlichen Wirtschaftspolitik, sei es wegen hoher Kriminalität. Allerdings war die Auswanderungsrate unter Juden um ein Vielfaches höher. Heute wird die Stärke der jüdischen Bevölkerung mit rund 9.000 beziffert – eine kleine Minderheit in einem Land mit insgesamt knapp 30 Millionen Einwohnern.
Angesichts der politischen Spannungen und Unwägbarkeiten halten sich die Juden in Venezuela auch nach Chavez' Ableben bedeckt. Schließlich lässt sich noch nicht absehen, was die Zukunft bringt. Allerdings gilt als unwahrscheinlich, dass eine nennenswerte Zahl jüdischer Auswanderer in naher Zukunft zurückkommen wird.
JTA/zu