13. Jahrgang Nr. 3 / 22. März 2013 | 11. Nissan 5773

Zeit zum Zusammensein

Ferienlager sind ein zentraler Bestandteil jüdischer Jugendarbeit in Deutschland    

Von Heinz-Peter Katlewski

„One Machane can change everything“ – ein Machane kann alles ändern. Diesen Spruch haben vor Jahren jugendliche Teilnehmer eines Fortbildungsseminars der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) für angehende Jugendleiter geprägt. „Machane“ ist das hebräische Wort für Lager. Jüdische Organisationen laden überall in der Welt jüdische Kinder und Jugendliche ein, ihre Sommer- oder Winterferien im Machane mit Sport, Spiel und Spannung in jüdischer Atmosphäre zu verbringen. Meist finden diese „Lager“ heute in modernen Jugendherbergen, Jugendhotels und ähnlich komfortablen Einrichtungen in einer landschaftlich reizvollen Umgebung statt.
In der Nachkriegszeit war es in Deutschland zuerst und vor allem die ZWST, die sich ab 1954 der Herausforderung stellte, einer jungen Generation neue Zukunftshoffnung und jüdische Tradition zu vermitteln. Noch immer bietet die ZWST die weitaus meisten Ferienfreizeiten an und erreicht pro Jahr bis zu 1.000 junge Leute. Bereits seit 1958 veranstaltet auch die Zionistische Jugend in Deutschland (ZJD) Ferienlager.
Benjamin Bloch, intern nur „Beni“ genannt, hat über viele Jahre hinweg als Jugendreferent die Machanot der ZWST mit organisiert, bevor er als Direktor für alle Sozial- und Bildungsprogramme der Organisation verantwortlich wurde. „Kaum ein Ereignis“, weiß er, „kann so viel dazu beitragen, jüdische Identität zu entwickeln, wie die Teilnahme an einem Machane.“ Für die Kinder liege der Reiz darin, sich für zwei Wochen von den Eltern unabhängig zu fühlen: „Sie möchten mit einer Gruppe von Gleichaltrigen Abenteuer erleben. Wir achten darauf, dass sie eine gute Zeit haben, dabei aber nicht über die Stränge schlagen.“ Die Lager der ZWST für die Acht- bis Zwölfjährigen finden in Bad Sobernheim im Nahe-Tal statt, die Älteren kommen in Österreich, Südtirol, Italien und Israel zusammen, seit neuestem auch in den USA.
Die ZWST bietet neben einer vielseitigen Freizeitgestaltung und koscherer Ernährung vierzehn Tage, in denen die Kinder und Jugendlichen einiges über Judentum, Tanach, Gebete, Alltagsbräuche, Zionismus und Israel lernen und jüdisches Leben in diesem Rahmen ganz selbstverständlich praktizieren. Jugendreferent Nachumi Rosenblatt nennt ein Beispiel: „Wir bereiten mit ihnen den Schabbat vor, erklären die Grundlagen, und sie gestalten ihn. Sie backen die Challot (Schabbatbrote) für den Kiddusch, wir erklären, welchen Sinn das hat. Sie dekorieren den Raum für den Gottesdienst und zünden die Kerzen an. Wenn sie wieder zu Hause sind, sieht man Monate danach noch auf Facebook, wie sie sich ‚Schabbat Schalom‘ wünschen und ihren Freunden berichten, dass sie eben die Schabbatkerzen angezündet haben.“
Die Teilnehmer eines Machane heißen „Chanichim“: Zöglinge. Einige Ältere, die zum Beispiel Unterrichtseinheiten leiten oder andere Programme bieten, heißen Madrichim (Instruktoren, Ausbilder) – ein Wort, das auf ihre pädagogische Führungsrolle hinweist. Sie wurden in der Regel von ihrer Organisation systematisch über eine längere Zeit hinweg mithilfe von mehrtägigen Seminarmodulen zu ehrenamtlichen Jugendleitern ausgebildet.
Neben der ZWST sind auch andere Akteure tätig, zum Beispiel die Union progressiver Juden. Deren Jugendabteilung NETZER (hebräisches Akronym für Zionistische Reform Jugend) verlangt von ihrem Madrichim-Nachwuchs an insgesamt sechs Seminaren im Lauf von zwei Jahren teilzunehmen, bevor sie in einem vierzehntägigen Sommer-Machane oder einem einwöchigen Winter-Machane Leitungsaufgaben übernehmen dürfen. Im Sommer 2000 veranstaltete NETZER in Hameln ihr erstes Ferienlager. Heute engagieren sich 14 ehrenamtliche Madrichim zwischen 18 und 23 Jahren bei NETZER, geleitet von dem angehenden Rabbiner Adrian Michael Schell: „Es ist eine mutige Entscheidung, in einer religiösen Jugendorganisation ehrenamtlich etwas zu übernehmen. Man opfert eine Menge Freizeit und bekennt außerdem deutlich Farbe für das Judentum.“
Die Sommer-Machanot von NETZER fassen Kinder und Jugendliche von 8 bis 17 Jahren zusammen. Sie werden in drei bis vier Altersgruppen eingeteilt und jeweils von drei Madrichim geführt. Wichtig ist das vor allem bei den Peu‘lot, also Aktivitäten, die mit Lernen zu tun haben. Basteln, Musizieren, Internet-Blogs schreiben, Sport treiben, Theater spielen geschieht dagegen in gemeinsamen Gruppen für alle Altersstufen. Dabei sollen Jüngere von den Älteren lernen. Typisch für NETZER ist, das Schabbat-Feiern gemeinsam vorbereitet werden und bei Gebeten und Tora-Lesungen nicht nach Geschlechtern unterschieden wird. Die Verpflegung während der Machanot ist grundsätzlich vegetarisch. Teilnehmen können alle Kinder, die an einem jüdischen Leben interessiert sind – halachisch jüdische ebenso wie solche, die nur einen jüdischen Vater haben.
So ist es auch bei der Zionistischen Jugend, allerdings spielen dort religiöse Kriterien eine untergeordnete Rolle. Immerhin ist man bemüht, die Speisegesetze einzuhalten. Im Rahmen eines zehntägigen Sommer-Machanes für Jungen und Mädchen wird nicht nur eine fröhliche Ferienstimmung an reizvollen Orten angestrebt. Zu den Inhalten gehören auch jüdische Kultur, Wissen über Israel und die Betonung der Gleichheit aller Menschen. Die ZJD sieht sich in der sozialistischen Tradition der frühen zionistischen Bewegung. Symbol der Gemeinsamkeit ist eine blaue Schlupfjacke, das Blauhemd.
Religiös-orthodox geprägte Machanot werden seit dem Sommer 2000 im Rahmen des Projekts „Am Echad“ der Ronald S. Lauder Foundation veranstaltet. Kriterium für die Teilnahme ist die Halacha. Sie bestimmt auch die Ernährung: Ein Maschgiach – ein amtlicher Kaschrut-Aufseher – kontrolliert die Zubereitung der Mahlzeiten. Weil zu diesem Programm stets auch eine größere Gruppe Jugendlicher aus den USA kommt, finden die zehntägigen Ferienlager zweisprachig in Deutsch und Englisch statt. Auch Am Echad verbindet religiöses Lernen mit Freizeitangeboten.
Mark Dainow, Jugenddezernent im Präsidium des Zentralrats der Juden, weiß aus eigener Familienerfahrung, welches Gewicht im Leben die Machanot haben. Schon seine Frau sei auf Machanot gewesen, und auch für die Kinder sei das im Sommer wie im Winter eine Selbstverständlichkeit gewesen: „Erst als Chanich, dann als Madrich, später sogar als Leiterin von Machanot. Die Erfahrung zeigt, dass diejenigen, die Machanot besucht haben, in der jüdischen Gesellschaft verankert bleiben.“