13. Jahrgang Nr. 3 / 22. März 2013 | 11. Nissan 5773

Sieg und Frieden

Unter der Ägide des Zentralrats fand die „Jewrovision 2013“ statt / Zwölf Jugendzentren traten in München an   

Von Rozsika Farkas
In der Kleinen Olympiahalle in München dröhnt und blitzt es von der Bühne. Nebelschwaden steigen auf. Die Technik funktioniert, die Jewrovision 2013 kann beginnen.
Erwartungsvoll strömen die Gäste in den Saal. Da hämmern auf einmal machtvolle Beats im vorderen Teil des Zuschauerraums. Der Kölner Fanblock hat nicht nur Transparente mitgebracht, sondern auch eine eigene Soundanlage, um lautstark auf sich aufmerksam zu machen. Mit „Viva-Colonia“-Gesängen versuchen die jungen Kölner, schon vorab Stimmung für ihre Freunde aus dem Jugendzentrum Nachama zu machen.
Vielleicht nicht ganz so laut, aber mit ebenso viel Engagement feuern die übrigen Fans ihre Favoriten an. Aus der ganzen Republik sind sie angereist: An die 800 Kinder und Jugendliche im Alter von elf bis neunzehn Jahren sind am ersten März-Wochenende in München zu einem dreitägigen Treffen zusammengekommen, das ihren Zusammenhalt und ihre jüdische Identität stärken soll. Höhepunkt der Veranstaltung ist der Gesangs- und Tanzwettbewerb „Jew­rovision 2013“.
Der Name ist zwar an den Eurovision Song Contest angelehnt, trotzdem ist hier alles anders. Besser, versteht sich! Denn die Jewrovision ist kein Ellbogen-Wettbewerb, bei dem es darum geht, die anderen auszustechen und als alleiniger Sieger dazustehen. Hier gewinnen Teams.
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, ist sichtlich stolz auf die Veranstaltung, die er als Gastgeber präsentiert. Die Jewrovision, vor elf Jahren von der Zentralwohlfahrtsstelle initiiert und in den vergangenen Jahren jeweils von der Gemeinde der Gastgeberstadt getragen, ist in diesem Jahr komplett vom Zentralrat übernommen worden. „Wo Zentralrat draufsteht, ist auch Zentralrat drin“, so der Präsident, der sich auf ein „jüdisches Woodstock“ freut und findet, „mit der Jewrovision präsentieren wir unser Judentum von der schönsten Seite.“
Monatelang haben die Kinder und Jugendlichen geübt. Sie haben Pop-Songs von Adele, Take That oder Queen so umgetextet, dass sie dem diesjährigen Motto „The Future is Now!“ entsprechen. Sie haben anspruchsvolle Choreographien einstudiert und Musik und Tanz zu mitreißenden Shows zusammengefügt. Dazu haben sie auch noch Videos gedreht, um sich und ihr Jugendzentrum ins rechte Licht zu setzen. Alles für den einen großen Moment.
Moderatorin Susan Sideropoulos, von Graumann kurzerhand zur „besten Moderatorin des Universums“ erklärt, führt durch den Abend. Als Jugendliche hat sie an mehr als einem Machane teilgenommen, nun erzählt sie, wohin so eine Jugendfreizeit führen kann: Sie hat so ihre große Liebe kennengelernt. Heute sind die beiden verheiratet, haben zwei Söhne.
In den vergangenen Jahren hatte Sideropoulos als Jury-Mitglied mitgewirkt, jetzt hat sie die Aufgabe gewechselt und moderiert. Dafür hat Organisator Marat Schlafstein den Sänger und Teenie-Schwarm Gil Ofarim als Fachjuror verpflichtet, zusammen mit Nachumi Rosenblatt, dem Jugendreferenten der Zentralwohlfahrtsstelle. Die beiden ergänzen die Jury, der die Leiter der Jugendzentren angehören – für ihre eigene Gruppe dürfen sie natürlich nicht stimmen.
Das Jugendzentrum Amichai Frankfurt liefert mit seiner Adaption von „Relight My Fire“ – hier: „Relight Your Fire“ – eine packende Performance. Aber die anderen Gruppen haben sich ebenfalls ins Zeug gelegt: die Hamburger und Berliner Jugendlichen, die Kids aus Freiburg und Nürnberg, Düsseldorf und Dortmund, die Gruppen aus Mannheim, Recklinghausen und Wiesbaden sowie die Vorjahressieger Neshama München.
Ekew Freiburg geben sich rebellisch, singen: „Wir wollen nicht mehr Marionetten sein“, Mehalev Nürnberg beschwören die Kraft des Glaubens. Jujuba Mannheim, die noch weitere badische Gemeinden ins Boot geholt haben, prunken mit Cheerleader-Glitzer. Olam Berlin lassen sich nicht aufhalten und singen: „Don’t Stop Me Now!“
Alle Beiträge beschwören den Frieden – am eindrücklichsten der von Jahad Köln, die eine aufwändige Bühnenshow mit ausgefeilter Dramaturgie auf die Beine stellen. Ausgerechnet die Kids aus der Partystadt liefern einen ganz und gar ernsten Beitrag ab. Die Background-Tänzerinnen tragen T-Shirts mit dem Peace-Zeichen, im Vordergrund landet ein Helikopter aus Pappmaché, es fließt Blut – „so soll unsere Zukunft nicht sein“.
Die musikalische Qualität ist unterschiedlich, nicht alle Auftretenden sind so tonsicher wie beispielsweise die Berliner oder Münchner. Aber auf Makellosigkeit kommt es nicht an, die Shows überzeugen mit ihrer Intensität und ihrem Ideenreichtum. Während die Jury sich berät, rocken Merlin Penniston den Saal. Ein echtes Kontrastprogramm ist dann der Auftritt von Gil Ofarim: nur eine Gitarre und eine Stimme – und alle sind hingerissen.
Wird es Berlin? Oder schon wieder München? Oder womöglich doch Frankfurt? Vor lauter Olé-olé-Gesängen kann die Moderatorin kaum die Ergebnisse verkünden. Es bleibt spannend bis zuletzt. Schließlich ist Köln Sieger, schon zum dritten Mal. Damit ziehen die Kölner mit den Berlinern gleich, die ebenfalls schon dreimal die höchste Punktzahl erreichten, sich diesmal aber mit dem zweiten Platz begnügen müssen. Die Münchner landen mit ihrem Heimspiel auf Platz drei.
Es ist nach Mitternacht, als die Sieger ihren Pokal aus der Hand Dr. Graumanns entgegennehmen dürfen. Bei aller gebotenen Überparteilichkeit – wenn „seine“ Frankfurter als Sieger aus dem Contest hervorgegangen wären, würde sich der Zentralratspräsident, der in der Stadt am Main zu Hause ist, vielleicht noch ein bisschen mehr freuen.
Für die unter Vierzehnjährigen wird es Zeit, nach Hause oder ins Hotel zurückzufahren. Für die Größeren geht die Party noch stundenlang weiter. Für die Sieger – und Sieger sind hier alle Teams – gilt nun: Nach der Jewrovision ist vor der Jewrovision.