13. Jahrgang Nr. 3 / 22. März 2013 | 11. Nissan 5773

Aufbruch als Chance

Den Auszug aus Ägypten machten unsere Vorfahren zum Beginn einer grandiosen Aufbauleistung   

Zukunft 13. Jahrgang Nr. 3
Zukunft 13. Jahrgang Nr. 3
Von Dieter Graumann

Die Geschichte des Auszugs aus Ägypten beflügelt seit Jahrtausenden die Fantasie der Menschen, Juden wie Nichtjuden. Der scheinbar aussichtslose Kampf gegen den mächtigen Pharao, der Moses aufgenommen hatte, endete schließlich damit, dass die Juden Ägypten verlassen durften. Zahllose Male wurde dies als Thema in Kunst und Literatur aufgegriffen. Die Worte „Schlach et-Ami“, lass mein Volk ziehen, fanden sich beispielsweise in dem berühmten Lied amerikanischer Sklaven: „Let my people go“ („Go down, Moses“). Auch der Kampf der sowjetischen Juden und ihrer Verbündeten im Westen um das Recht auf Ausreisefreiheit – um ein ganz anderes Beispiel zu nennen – stand unter diesem Motto. Und natürlich wusste die kalifornische Traumfabrik Hollywood den Exodus im Jahr 1956 zu einem der bekanntesten Filme der Kinogeschichte zu verarbeiten.
In der Tat sucht das monumentale Drama, das die biblische Geschichte zeichnet, seinesgleichen. Indessen wäre das Drama ohne Bedeutung, wäre ihm nicht eine gigantische Aufbauarbeit gefolgt. Die freigelassenen hebräischen Sklaven wurden während ihrer Wanderung zu einem Volk – einem Volk welches allen Widrigkeiten und Katastrophen, denen es in Zukunft begegnen sollte, nicht nur Stand hielt, sondern sogar eine schier grenzenlose Kraft daraus zu schöpfen wusste. Die Aufbauarbeit der frühen Identitätsbildung verlangte langen Atem. Der Lohn der Mühe aber war ein grandioser Erfolg: eine Zivilisation, gegründet auf Glauben und Werte, auf Nächstenliebe und Solidarität. Eine Glaubenswelt, die wie ein Band alle jüdischen Generationen und alle Juden, gleich wo sie leben mochten, miteinander verband. Das ist die Quintessenz unserer Identität, das ist die Botschaft des Exodus.
Das und mehr: Die Geschichte des Exodus zeigt auch, dass unsere Vorfahren den Aufbruch ins Ungewisse – trotz aller Ängste, von denen auch die Bibel ohne Umschweife erzählt – als Ausgangspunkt für den Aufbau eines neuen Lebens genutzt haben. Auch diese Fähigkeit wurde zu einem Wahrzeichen jüdischer Geschichte. Das Wiederaufstehen trotz aller Gegenschläge und die Wahrung der Hoffnung auf ein besseres Leben. Kurzum: Ha Tikvah – diese Hoffnung wurde zur jüdischen Grundüberzeugung und Motor unseres Schaffens.
Wissen muss man aber, dass in den meisten Fällen der Aufbruch für Juden in erster Linie keine Befreiung bedeutete, sondern schlichtweg die Folge von Unterdrückung und Verfolgung war. Ein erzwungener Neuanfang, aufgedrängt durch fremden Willen und blanken Hass. Man denke nur an die Zerstreuung der Juden Israels durch die Römer im 2. Jahrhundert, die Abschiebung aus England im Jahr 1290 oder die Vertreibung aus Spanien Ende des 15. Jahrhunderts. Es gab aber auch zahllose „regionale“ oder „örtliche“ Fälle von Verdrängung und Vertreibung. Sie waren vor allem seit den Kreuzzügen ein untrennbarer Teil der jüdischen Geschichte in Europa.
Und doch gelang es jeder Generation von Juden, die ein solches Schicksal erleiden mussten, die Wanderung als Neubeginn zum Aufbau blühender Gemeinden zu nutzen. Noch so mittellose jüdische Migranten verstanden es stets, am neuen Wohnort eine Synagoge, ein Lehrhaus, ein Ritualbad und eine Gemeindeverwaltung einschließlich Sozialeinrichtungen zu schaffen. Das hat sich auch bei den großen Migrationswanderungen der Moderne gezeigt. Unter den Millionen von Europäern, die den alten Kontinent verließen, waren zahlreiche Juden, und auch sie bauten ein vorbildliches jüdisches Leben in so fernen Ländern wie Australien, Südafrika und Argentinien auf, von den Vereinigten Staaten ganz zu schweigen.
All das geschah aber nicht nur in der Ferne. Aufbruch und Aufbau – so könnte auch der Titel einer Studie zur Geschichte der Juden in Deutschland nach der Schoa lauten. Obwohl die Überlebenden nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland damals zunächst gar nicht an den dauerhaften Verbleib in diesem Land dachten, so gründeten sie doch als Erstes Synagogen und Gemeinden. Dies erforderte einen unerschöpflichen Mut und unvorstellbare Überwindung. Sie schufen mithilfe ihres Glaubens und ihrer Hoffnung das Fundament, auf dem wir eine selbstbewusste und starke jüdische Gemeinschaft in Deutschland erst wieder aufbauen konnten. Diese Menschen, die durch so viel Leid gegangen sind, werden wir immer als Pioniere unseres mittlerweile blühenden jüdischen Lebens im Herzen tragen.
Aufbruch und Aufbau – das ist aber auch das Leitmotiv der Zuwanderung aus der ehemaligen UdSSR, der größten Migrationsbewegung der jüdischen Nachkriegsgeschichte in Deutschland. Die Startbedingungen, unter denen die Neuausrichtung unserer Gemeinschaft begann, waren alles andere als leicht. Die vor zweieinhalb Jahrzehnten in Deutschland lebende organisierte jüdische Gemeinschaft zählte gerade Mal 30.000 Menschen. Die Zahl der Zuwanderer, die sich im Lauf der Zeit den jüdischen Gemeinden anschlossen, war fast viermal so hoch. Dank gebührt hier sicherlich auch dem deutschen Staat, der erheblich dazu beitrug, die Einwanderung zu erleichtern. Das ist klar anzuerkennen. Aber welcher Dank kann größer und schöner sein, als das immens große Vertrauen, das jüdische Einwanderer ihm entgegenbrachten, indem sie ihre neue Zukunft bewusst hierzulande gestalten wollten.
Es waren also vor allem die Zuwanderer selbst, die dem jüdischen Leben in Deutschland zu einer neuen Grundlage verhalfen. Ohne ihre Begeisterung, ihre Zielstrebigkeit und ihre Disziplin, ohne ihr gewolltes Judentum wären keine neuen Gemeinden entstanden, wären manche der kleineren Gemeinden, die Ende der achtziger Jahre bestanden, kaum überlebensfähig geblieben. Was hätten uns neue Synagogen und Gemeindezentren oder auch Rabbinerseminare genutzt, wenn unsere Zuwanderer kein so starkes jüdisches Bewusstsein in die Gemeinden eingebracht hätten? Wenn es ein geradezu klassisches Beispiel dafür gibt, wie ein Aufbruch in den Bau einer neuen Zukunft umgemünzt wird – dann dieses!
Selbstverständlich taten die „Alteingesessenen“ alles in ihrer Macht stehende, um die Integration der Neueinwanderer nicht nur zu bewältigen, sondern die Menschen auch mit offenen Armen zu empfangen. So wurden unsere neuen Mitglieder nicht nur gebraucht, sondern auch von ganzem Herzen gewollt. Die jüdische Gemeinschaft ist gewachsen und wird auch in Zukunft sogar noch stärker zusammenwachsen. Zu fest ist das Band, das am Berg Sinai geknüpft wurde, als dass es je anders sein könnte. Und durch jede weitere Herausforderung, die wir gemeinsam bestreiten und erfolgreich meistern werden, wird der Zusammenhalt trotz aller bestehenden Vielfalt – die zugleich bereichernd ist –, weiter gefestigt.
Nun hoffen wir, dass uns und künftigen jüdischen Generationen Unterdrückung und dadurch ausgelöste Wanderschaft erspart bleiben. Dennoch dürfen wir auf die Kraft, die Juden im Lauf der Geschichte bei ihren Wanderungen gezeigt haben, stolz sein und sollten daraus Energie für die Gegenwart schöpfen. Das wird uns helfen, unsere Identität mit Zuversicht an die kommenden Generationen weiterzugeben. Das ist der historische Auftrag an uns alle. Das ist der Sinn der Freiheit, die wir zu Pessach feiern.
In diesem Sinne wünsche ich allen Mitgliedern jüdischer Gemeinden in Deutschland und allen Juden in der Welt von ganzem Herzen ein frohes Pessach-Fest. Pessach kascher we-sameach.

Dr. Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland