11.03.2013

„Potential, Leidenschaft und Herz“

Interview mit Dieter Graumann über die Jewrovision 2013 | Münchner Abendzeitung, 02./03.03.2013

Dieter Graumann über die „Jewrovision 2013" - das Finale steigt am Samstag

Den Eurovision Contest, den internationalen Gesangswettbewerb, kennt jeder. Es gibt aber auch die „Jewrovision 2013", einen bundesweiten Gesangs- und Tanzwettstreit der jüdischen Jugendzentren. Am Samstag findet er in München statt. Die AZ sprach mit Zentralrats-Präsident Dieter Graumann.

AZ: Zum ersten Mal hat der Zentralrat der Juden die Organisation der „Jewrovision" heuer selbst übernommen. Warum haben Sie das Projekt zur Chefsache gemacht?

Dr. Graumann: Die „Jewrovision" ist für uns eine wundervolle Möglichkeit zu zeigen, dass Judentum nicht traurig und düster oder nur kritisch ist. Unsere jüdischen Gemeinden sind pulsierend und spannend – genau so wollen wir sie auch präsentieren. Und zwar noch größer und schöner denn je: Die „Jewrovision" ist die mit Abstand größte jüdische Veranstaltung in Deutschland. Hier zeigen sich Potential und Kreativität, gepaart mit Leidenschaft und Herz der jüdischen Gemeinschaft.

Rund 800 jugendliche Teilnehmer aus über 40 jüdischen Gemeinden werden teilnehmen – eine stolze Zahl! Welchen Stellenwert hat die Jugend in der jüdischen Gemeinde?

Ihr Stellenwert kann gar nicht groß genug sein. Deshalb gehen wir auf die jungen Menschen heute auch viel mehr zu, als das früher der Fall war. Wir wollen ihnen zeigen: Wir wollen Euch! Wir brauchen Euch! Eure Meinungen sind uns Herzenssache und Eure Anliegen zugleich auch unsere. Nur gemeinsam können wir es schaffen, das jüdische Leben neu erblühen und im positiven neuen Glanz erstrahlen zu lassen. Dieser junge jüdische „Spirit", der hier zum Greifen nah ist, er wird uns allen mächtig gut tun.

In den christlichen Kirchen kehren gerade junge Menschen ihren Gemeinden zunehmend den Rücken. Ist diese Entwicklung auch in der jüdischen Gemeinschaft zu beobachten?

Ja, diese Sorge teilen wir leider mit den Kirchen. Unsere Synagogen werden zwar immer prächtiger, aber leider auch immer leerer. Das Engagement unserer Jugend ist dennoch sehr stark und voller Enthusiasmus. Das werden wir auch in München sehen: Party trifft auf Tradition, und das auch noch auf sehr hohem Niveau. Es ist ein Rendezvous mit unserer jüdischen Zukunft.

Zukunft ist heuer auch das Motto der „Jewrovision": „The Future is Now" (Die Zukunft ist jetzt). Was wünschen Sie sich für die Zukunft der jüdischen Gemeinde in Deutschland?

Eine jüdische Gemeinschaft, die die Vergangenheit niemals vergisst und die eigenen Wurzeln achtet und schätzt und kraftvoll weitergibt. Eine Gemeinschaft, die sich aber auch nicht in einer Ecke verkriecht, sondern munter und motiviert an allen Diskussionen der Gesellschaft teilnimmt. Wir wollen nicht nur die Stimme für jüdische Themen sein, sondern die jüdische Stimme für alle Themen und uns temperamentvoll einmischen, als bewusste und selbstbewusste Bürger.

Interview: Anne Kostrzewa