13. Jahrgang Nr. 2 / 28. Februar 2013 | 18. Adar 5773

„Was ich immer schon wissen wollte ...“

Glossar mit Begriffen des Judentums – von Rabbiner Dr. Joel Berger

G’NAJ (aramäisch), auch LI-G’NAJ:

Der aus der biblisch-exegetischen Literatur stammende Ausdruck bedeutet „Herabsetzung“, „Beschämung“, „Benachteiligung“ oder sogar „Schande“.
Ein Beispiel für die Verwendung dieses Ausdrucks finden wir in der Auslegung der Geschichte Noachs durch Raschi, den mittelalterlichen Exegeten. Im 1. Buch Mose heißt es: „Noach war ein frommer Mann und ohne Tadel und führte ein g-ttliches Leben zu seinen Zeiten“ (1. Buch Mose 6:9). Noach wird hier als „Zaddik“ (fromm und ohne Tadel) bezeichnet.
Raschi schränkte das biblische Lob ein. Laut seiner Interpretation war Noach ein Gerechter nur in seiner Zeit. Da Noachs Generation nicht von G-ttes Erkenntnis erfüllt war, bildete er eine positive Ausnahme. Dagegen wäre er in der Generation Abrahams nicht als ein Gerechter aufgefallen, weil in jener Generation andere Normen galten. Daher betrachtete Raschi die biblische Bezeichnung „Zaddik“ in Wirklichkeit als Herabsetzung – also „G’naj“. Auch in seinem Kommentar zur Pinchas-Erzählung (4. Buch Mose 25:7–13) verwendete Raschi das Wort „G’naj“ (Jiches et ha-Rascha li-G’naj – er wies dem Bösewicht die Schande zu).
Im modernen Hebräisch bedeutet „Kinui-G’naj“ so viel wie „beleidigende Bezeichnung“, „Beschimpfung“.