13. Jahrgang Nr. 2 / 28. Februar 2013 | 18. Adar 5773

Zwischen den Welten

Das Israel-Museum zeigt die weltweit erste Herodes-Ausstellung

Es passiert nicht alle Tage, dass eine archäologische Ausstellung nicht bloß auf wohlwollendes Interesse einschlägig interessierter Kreise stößt, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit zu einem Mega-Hit wird. Just das ist aber bei der am 12. Februar im Jerusalemer Israel-Museum eröffneten Ausstellung über König Herodes passiert. Allein zur Medienvorschau fanden sich Teams von über 60 Fernsehsendern und mehr als 100 Printmedien aus Israel und der ganzen Welt ein. Der Eröffnungsempfang glänzte mit eintausend Gästen. Viele andere wären gern gekommen, konnten aber keine Einladung ergattern. Gleich am ersten Tag strömte eine große Menschenmenge ins Israel-Museum, um „Herodes, die letzte Reise des Königs von Judäa“ – so der Name der Ausstellung – zu sehen.
Für das Herodes-Fieber gibt es mehrere Gründe. Genauer gesagt: Es ist die Kombination mehrerer Gründe, die die archäologische Schau zum Großereignis werden ließ. Nicht zuletzt handelt es sich um die weltweit erste Ausstellung, die seiner Person gewidmet ist. Das Interesse an Herodes liegt aber auch in seiner schillernden Gestalt begründet. Der von Rom im Jahr 40 vor der Zeitenwende eingesetzte Vasallenkönig von Judäa, Samaria und Galiläa war der Sohn eines Vaters aus dem zum Judentum bekehrten Stamm der Idumäer und einer nabatäischen Mutter. Er war ein Wanderer zwischen den Welten, vielleicht in keiner von ihnen wirklich daheim. Von den Römern wurde er als effizienter Statthalter geduldet und entwickelte dabei die Kunst der opportunistischen Anbiederung zur Perfektion.
Loyal wahrte er die Interessen des Kaisers, hütete aber entschlossen auch seine eigene Herrschaft, zu deren wahrem oder vermeintlichem Schutz er sogar seine nächsten Familienangehörigen ermorden ließ. Bei Juden war er unbeliebt, doch ließ er den Zweiten Tempel in Jerusalem in nie dagewesener Pracht neu errichten. Das hinderte ihn freilich nicht daran, auch heidnische Tempel für den Kaiser zu bauen – und prächtige Paläste für sich selbst. Viele seiner jüdischen Zeitgenossen zweifelten sein Judentum an; dennoch wurde er in der christlichen Tradition wegen des ihm angedichteten „Kindermordes von Bethlehem“ zu einem Symbol des Bösen und zu einem Objekt des Antisemitismus.
Nach seinem Tod im Jahr 4 vor der Zeitenwende vergaben die Römer den Königstitel für Judäa an keinen Prätendenten mehr. Wenn man will, mag man in Herodes daher den Amtsvorgänger David Ben Gurions sehen. Auch physisch hat er eine unvergängliche Spur hinterlassen:
die bis heute bestehende Umrandungsmauer des herodianischen Tempelbezirks – die Westmauer. Damit ist Herodes bis heute nicht nur ein Faszinationsobjekt der Geschichte, sondern Teil der israelischen Gegenwart.
Ein ganz anderer Zeittunnel zwischen der Antike und der Gegenwart tat sich im Jahr 2007 auf: Nach langjähriger Suche gelang es dem israelischen Archäologen Ehud Netzer, Herodes’ Grabstätte in seiner Palastanlage Herodion südlich von Jerusalem zu finden. Der Fund war derart sensationell, dass das Israel-Museum flugs beschloss, dem Herodes-Grab eine Ausstellung zu widmen. Im Laufe der Vorbereitungsarbeiten wurde das Thema der Schau erweitert: Statt sich nur auf Herodes Tod zu konzentrieren, zeigt sie nun Artefakte – teils Funde aus dem Herodion, teils aus anderen Sammlungen, darunter auch Leihgaben aus dem Ausland –, die Herodes’ gesamte Regierungszeit beleuchten.
Insofern wird der Titel der Ausstellung, „die letzte Reise des Königs“, ihrem facettenreichen Inhalt nicht ganz gerecht. Leider konnte Professor Netzer die Ausstellungseröffnung nicht mehr erleben. Im Jahr 2010 stürzte er im Herodion und erlag seinen Verletzungen.
Die Bandbreite der Ausstellungsstücke reicht von Wandschmuck und Säulen aus der Herodion-Anlage über Herodes’ prächtiges Tischgeschirr – übrigens bereits von dem antiken Historiker Joseph ben Mathitjahu (Josephus Flavius) erwähnt – bis hin zu Statuen von Herodes‘ prominenten Zeitgenossen wie Kaiser Augustus und General Marcus Agrippa oder Königin Kleopatra. Ebenso kommt modernste Technik zum Einsatz: Mit Hilfe von Computergraphik haben Spezialisten des Israel-Museums Nachbildungen von Herodes‘ Bauten einschließlich des Tempels erstellt.
Die Ausstellung zeigt aber nicht nur den Bauherrn, sondern auch den gewieften Politikprofi. So sind Wein­amphoren zu sehen, in denen Herodes Weine aus dem Ausland importierte, unter anderem Jahrgang 19 und Jahrgang 26 vor der Zeitenwende. Wohlgemerkt wurden auch damals schon in Israel gute Weine hergestellt. Allerdings wollte Herodes wichtigen Gästen aus Rom Weinmarken servieren, die sie mochten und mit denen sie vertraut waren.
Die Faszination der Jerusalemer Ausstellung rührt mit Sicherheit auch von der Tatsache her, dass ihr Standort ganze dreieinhalb Kilometer Luftlinie vom Tempelberg, der Stätte des herodianischen Prachtbaus, entfernt liegt. Man kann sich vorstellen, dass Herodes an der Stelle, an der sich heute das Museum direkt gegenüber der Knesset, dem Parlament des heutigen jüdischen Staates befindet, irgendwann selbst gestanden hat.
wst