13. Jahrgang Nr. 2 / 28. Februar 2013 | 18. Adar 5773

Flüchtlinge, Soldaten, Sieger

Deutsch-jüdische Emigranten im Kampf gegen das „Dritte Reich“

Vor kurzem ist das vom Zentralrat der Juden in Deutschland herausgegebene Buch „An allen Fronten – Jüdische Soldaten im Zweiten Weltkrieg" erschienen. Das Buch wurde im Rahmen der Publikationsserie des Berliner Centrum Judaicum „Jüdische Miniaturen" vom Hentrich & Hentrich-Verlag veröffentlicht. Es dokumentiert den Beitrag von anderthalb Millionen jüdischer Soldaten, die zwischen 1939 und 1945 in den Reihen alliierter Streitkräfte gegen das „Dritte Reich" gekämpft haben – ein bisher ungenügend erforschtes Kapitel des Zweiten Weltkrieges. Nachfolgend veröffentlicht die „Zukunft" das leicht gekürzte Kapitel des Buches, das von den aus Deutschland stammenden, aus Hitler-Deutschland geflüchteten jüdischen Kämpfern der alliierten Streitkräfte handelt.
In Deutschland ist das Flüchtlingsschicksal von Juden, die das „Dritte Reich" verließen, ein häufig aufgegriffenes Thema. Weniger bekannt ist allerdings, dass deutsche Juden auch einen wichtigen Beitrag zum Kampf gegen den nationalsozialistischen Feind leisteten. Letzteres vor allem in den Streitkräften der USA und Großbritanniens einschließlich derjenigen Palästinas. Insgesamt haben, so eine Schätzung, mehr als 10.000 deutsche Juden als Soldaten gegen den Nationalsozialismus gekämpft.
Die wichtigsten Aufnahmeländer für jüdische Flüchtlinge aus dem „Dritten Reich" waren die USA, in denen rund 95.000 Juden Zuflucht fanden, das Mandatsgebiet Palästina mit 60.000 und Großbritannien mit 40.000 Aufnahmen. In den ersten Jahren nach der Auswanderung wurden die Emigranten in ihren neuen Heimatländern als Deutsche und damit misstrauisch betrachtet. Nach Kriegsausbruch wurden sie – als „feindliche Ausländer" bezeichnet – Beschränkungen unterworfen. Der von vielen geäußerte Wunsch, sich dem Kampf gegen Nazi-Deutschland anzuschließen, wurde zuerst abgeblockt oder scheiterte an der bis dahin nicht erfolgten Einbürgerung.
Erst nach und nach erschloss sich den Regierungen in Washington und in London das enorme Potenzial, das die hoch motivierten Flüchtlinge boten. Nachdem das Misstrauen überwunden war, stand den deutschen Juden der Weg in den Kampf frei. Sie dienten in allen Waffengattungen und Truppenteilen. Aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und ihrer kulturellen Vertrautheit mit Deutschland wurden viele mit relevanten Aufgaben im militärischen Nachrichtendienst betraut oder als Übersetzer und Dolmetscher sowie als Gefangenenbefrager eingesetzt.
Handverlesene Freiwillige kamen zu Elite-Kommandoeinheiten. Ein Beispiel dafür war der sogenannte „3 Troop", eine zu 75 Prozent aus deutschsprachigen Juden zusammengesetzte, wenngleich von einem „echten" britischen Offizier befehligte Einheit der britischen Armee. Ihre Angehörigen agierten hinter feindlichen Linien als Aufklärer, entführten und befragten deutsche Soldaten und schwebten fast ständig in Lebensgefahr. Um sie für den Fall einer Gefangennahme so gut wie möglich zu schützen, stattete sie die britische Armee mit komplett neuen, „englischen„ Identitäten aus – Name, Herkunft und Lebenslauf inklusive. Insgesamt durchliefen 88 Mann den „3 Troop". Im Jahre 1995 erinnerte sich Leutnant Peter Masters (Arany): „Es den Nazis heimzuzahlen, war eine ständig präsente Motivation. Unsere jüdische Kommandoeinheit war die absolute Antithese des Spruches ›wie die Lämmer zur Schlachtbank gehen‹."
Eine andere aus deutschsprachigen Juden bestehende Einheit war die in Palästina aufgestellte „Special Interrogation Group" (SIG). Ihre 38 Angehörigen wurden ausgebildet, sich als deutsche Soldaten zu tarnen. Die Kommandosprache war demnach Deutsch. Nach schweren, bei Operationen in Nordafrika erlittenen Verlusten wurde die Einheit Ende 1942 aufgelöst.
Im Falle der aus Gera stammenden Brüder Norbert und Siegmund Spiegel wurde der Kampf gegen das „Dritte Reich" eine Familienangelegenheit. Während Siegmund, 1938 in die USA ausgewandert, in der traditionsreichen 1. Infanteriedivision der US-Armee in Nordafrika und Europa kämpfte, legte der seit 1935 in Israel lebende Norbert eine ähnliche Kampfstrecke in britischer Uniform zurück. In den Jahren 1948/49 nahm Norbert – unter seinem hebräischen Namen Nachum Golan – als Brigadekommandeur am israelischen Unabhängigkeitskrieg teil.
Nach dem Krieg wurden die deutsch-jüdischen Soldaten mit dem Holocaust konfrontiert. Die meisten von ihnen hatten Angehörige, wenn nicht gleich ihre ganzen Familien, verloren. Andere konnten einen Teil ihrer Geliebten wiederfinden, doch lag auch dann zwischen den Siegern und den Überlebenden, durch das unterschiedliche Schicksal bedingt, eine große Kluft. In seinen Erinnerungen schilderte der aus Mannheim stammende Eric Hamberg, im Krieg Sergeant der US-Armee, das Wiedersehen mit seinem Vater, der das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hatte. Mit jugendlichem Eifer berichtete Eric seinem Vater, seine Kriegsbeförderung zum Unterleutnant sei erst acht Tage nach Kriegsende genehmigt und aus diesem Grunde auch nicht mehr durchgeführt worden. Nachdem die Waffen zu schweigen begonnen hätten, habe die Armee keine neuen Unterleutnants mehr gebraucht. „Hätte der Krieg acht Tage länger gedauert", erklärte Eric, „wäre dein Sohn ein Second Lieutenant der amerikanischen Armee geworden." „Hätte der Krieg acht Tage länger gedauert", lautete die Antwort, „hätte der Second Lieutenant der amerikanischen Armee keinen Vater mehr gehabt."
Für die meisten Ex-Flüchtlinge war der Eintritt in eine Armee, die gegen ihre nationalsozialistischen Verfolger kämpfte, ein Schlüsselerlebnis, das ihre Identität neu definierte. Die Kriegsteilnahme betrachteten sie als ihre moralische Pflicht, und nach Kriegsende waren sie stolz, ihr genügt zu haben. Rachegefühle waren allerdings selten. Nach dem Krieg setzten die meisten der ex-deutschen jüdischen Soldaten ihren durch die Verfolgung in der Regel abgebrochenen Bildungsweg fort und begannen, sich in der neuen Heimat ein erfolgreiches Leben aufzubauen. Nur wenige kehrten nach Deutschland zurück.
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