13. Jahrgang Nr. 2 / 28. Februar 2013 | 18. Adar 5773

Die Welt heilen

Die jüdische Frauenorganisation Bet Debora tagte erstmals in Österreich

Von Alexia Weiss

Der Name ist Programm. Für die Frauenorganisation Bet Debora trifft dieser Grundsatz absolut zu. Denkschulen oder Auslegungstraditionen werden im Judentum als „Häuser“ bezeichnet, so Bet Hillel und Bet Schamai, die in talmudischer Zeit für eine liberalere beziehungsweise strengere Interpretation der Tora standen. Daran knüpft der Name Bet Debora an. Die vor anderthalb Jahrzehnten in Berlin ins Leben gerufene Initiative, die Rabbinerinnen, Gemeindepolitikerinnen, jüdische Aktivistinnen und Gelehrte zusammenbringt, hat sich nach der biblischen Prophetin und Richterin Debora (Dwora) benannt. Ihr Ziel ist es, das Judentum aus Frauensicht auszulegen.
Diesem Ziel dienen auch die internationalen Tagungen, die Bet Debora veranstaltet. Dabei hat sich der Wirkungskreis inzwischen über Deutschland hinaus ausgeweitet. Vom 12. bis 15. Februar fand die sechste Tagung der Organisation in Wien statt. Als Thema wurde gewählt: „Tikkun Olam“ – „Heilung der Welt“.
Dabei ging es auch um die Rolle der Frau in der modernen jüdischen Gesellschaft. Viele Teilnehmerinnen berichteten in diesem Zusammenhang über ihre eigenen Erfahrungen. Dabei fiel auf, welch unterschiedlichen Gruppierungen innerhalb der Wiener jüdischen Gemeinde sie angehören.
Als ihr Sohn zur Welt gekommen sei, habe sie sich zum ersten Mal mit der Beschneidung auseinandergesetzt, erzählte beispielsweise Elvina Gavriel. Zuvor hätte sie nicht beantworten können, warum Buben beschnitten werden. Gavriel ist in Aserbaidschan aufgewachsen. Religion habe für sie „nie so eine große Rolle gespielt“. Sie sei vielmehr „mit der Idee aufgewachsen, Juden müssen sich verstecken“. Heute versucht sie, religiöse Bräuche und Riten nicht nur zu leben, sondern auch zu wissen, warum es sie gibt.
Seit vielen Jahren lebt sie nun in Wien, arbeitet als Psychotherapeutin in der Flüchtlingsbetreuung. Gavriel will vor allem ihren Töchtern, die bereits im Teenager-Alter sind, andere Werte vermitteln als ihre Mutter ihr weitergegeben hat. Was man von ihr erwartet hat – früh zu heiraten und Kinder zu bekommen – verlangt sie von ihren Kindern nicht. Für diese soll an erster Stelle der Abschluss einer guten Ausbildung stehen. Shirley Pritz stammt wiederum aus einer georgischen Familie und hat ihre ersten Lebensjahre in Israel verbracht. Für sie bedeutete es einen Kampf, zu studieren, von zu Hause auszuziehen, ohne verheiratet zu sein. Sie berichtete aber auch: Sein Judentum zu leben habe sich in Israel ganz anders angefühlt als in Österreich. „In Wien gab es das Beten in der Schule in der Früh, das war mir neu, das war auch ein Zwang.“
Die Juristin Dorothea Kippermann kommt aus Wien. „Israel habe ich in meiner Kinderheit immer als Urlaubsort erlebt – und später als Party-Ort. Tel Aviv ist eine pulsierende Stadt.“ Leben könnte sie allerdings nicht in Israel. „Da gibt es schon einen großen Mentalitätsunterschied.“ Ähnlich sieht das Sofia Kaikov, die derzeit in Israel studiert. Die Grenze zwischen Liebe und Hass sei in Israel sehr schmal. Ihr ganzes Leben wolle sie dort nicht verbringen.
Auch die Rolle der Frau im religiösen Leben kam zur Sprache. In Wien folgt nur eine einzige Synagoge dem liberalen Ritus. Gleichzeitig haben auch beruflich erfolgreiche Frauen kein Problem damit, gewisse Aufgaben, wie das Vortragen aus der Tora, dem Mann zu überlassen.
Nach Wien reisten auch zahlreiche Frauen vor allem aus osteuropäischen Ländern an. Sie brachten durchaus Aufbruchsstimmung aus ihrer Heimat mit – wie etwa Svetlana Yakimenko. Sie berichtete über das „Projekt Kesher“. Über 3.000 Jüdinnen aus 150 Orten in Russland, der Ukraine, Weißrussland, Moldawien, Georgien und Israel initiieren hier Tikkun Olam. Dazu zähle beispielsweise Bewusstseinsarbeit über Brustkrebs.
Die Historikerin Eleonore Lappin-Eppel hat die Wiener Konferenz organisiert. Sie ist in der Orthodoxie groß geworden, hat später aber die Reformgemeinde Or Chadasch mitbegründet. „Ich bin in beiden Welten zu Hause.“ Beide Welten zusammenzubringen, war auch eines ihrer Anliegen. Allerdings schien die Wiener Gemeinde dazu noch nicht wirklich bereit. Das orthodoxe Publikum blieb den Vorträgen und Seminaren weitgehend fern – insgesamt diskutierten die Tagungsteilnehmerinnen sehr intensiv, allerdings vorrangig unter sich.
Ein weiterer Aspekt: Die Arbeit der Frauen, so Yakimenko, werde geschätzt, doch wenn es darum gehe, finanzielle Unterstützung zu bekommen, dann komme eine Absage nach der anderen. Kurz: Dann bekomme man das Gefühl, trotz der wichtigen Arbeit, die geleistet werde, nicht ganz ernst genommen zu werden. Fazit: Auf Augenhöhe sind selbst engagierte Frauen noch nicht angekommen.