13. Jahrgang Nr. 2 / 28. Februar 2013 | 18. Adar 5773

„Notfalls auch bei Starbucks“

Wie junge Rabbinerstudenten ihre Gemeindepraktika in Deutschland erleben   

Von Olaf Glöckner

Wer meint, Deutschlands künftige Rabbiner lernten nur aus klugen Büchern, der irrt sich gewaltig. Sowohl das orthodoxe Rabbinerseminar zu Berlin als auch das liberale Abraham Geiger Kolleg in Potsdam (AGK) entsenden ihre Studenten bereits während der ersten Semester in lokale Jüdische Gemeinden, wo ihnen rasch eine enorme Verantwortung übertragen wird. Schrittweise und doch zügig werden den jungen Herren beziehungsweise Damen Aufgaben übertragen, die von Gottesdienstgestaltung oder Unterricht für Erwachsene und Kinder über Kranken- und Altenbesuche bis hin zu kulturellen Veranstaltungen reichen.
Die studienobligatorischen Praktika sind für die allermeisten Rabbinatsstudenten ein aufregendes Testfeld, zumal sich viele Gemeinden in ihrer Zusammensetzung, Mentalität, in kulturellen Mustern und im Selbstverständnis deutlich voneinander unterscheiden. AGK-Studentin Ulrike Offenberg, die ihre ersten Erfahrungen in der Liberalen Gemeinde Bielefeld gesammelt hat, erzählt: „Es ist reizvoll und schwierig zugleich, wenn man in eigentlich ungewohnter Weise die Seiten wechselt. Vom engagierten Gemeindemitglied wirst du plötzlich zu jemandem, der die Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen selbst leitet. Es entsteht ein ganz neuer Blick auf die Abläufe. Das verlangt hohe Konzentration und mitunter auch Flexibilität.“
Ulrikes Mitstudentin Natalia Verzhbovska, die schon in den liberalen Gemeinden von Hameln, Hamburg, Göttingen und in der Einheitsgemeinde in Thüringen praktiziert hat, stellt fest: „Die Gemeinden haben jeweils einzigartige Gesichter und Charaktere. Es gibt unterschiedliche Gebetbücher, Liturgien und Melodien, unterschiedliche Rituale und Lerninteressen. Darauf musst du dich erst einmal einstellen, aber natürlich kannst du auch viel daraus lernen.“
Beide Rabbinerschulen wissen, wie groß die Herausforderung für ihre Studenten besonders dann wird, wenn sie den Alltag in Gemeinden mit peripherer geographischer Lage, kleiner Mitgliederzahl, geringen Religionskenntnissen und erheblichen Sprachbarrieren bereichern und strukturieren sollen. Wohl auch deshalb arbeiten beide Einrichtungen jeweils mit einem „Direktor für praktische Ausbildung“, der die Studenten während der Praktika intensiv begleitet, aber auch als kommunikatives Bindeglied zu den Gemeinden fungiert. Rabbiner Edward van Voolen vom Abraham Geiger Kolleg gewinnt wichtige Informationen und Eindrücke über das Praktikum auch über spezielle Fragebögen, die er als Beratungsgrundlage für die von ihm betreuten Studenten nimmt.
Rabbiner Pinchas Gotthold berichtet von einer ähnlichen Herangehensweise beim Rabbinerseminar zu Berlin: „Alles, was die Tätigkeit eines künftigen Rabbiners ausmacht, wird schrittweise gelernt und probiert. Im Vorfeld der Praktika erhalten unsere Studenten zusätzlichen Unterricht bezüglich Vorbeten und Tora-Lesung. Wir versuchen sie aber auch darauf vorzubereiten, auf die Menschen in den Gemeinden individuell einzugehen und vor allem gut zuzuhören. Unsere Studenten sollen ihre Arbeit selbstkritisch reflektieren. Bei darauffolgenden Praktika sind sie dann umso sicherer.“
Je häufiger die Studenten in Alleinregie Kabbalat Schabbat oder Schacharit leiten, den Kiddusch organisieren, Bar-Mitzwa-Unterricht erteilen und zu Schiurim (religiöse Referate) einladen, umso enger gestaltet sich offenbar der Kontakt zu den jüdischen Frauen, Männern und Kindern vor Ort. „Händeringend“ werden sie auch dann gesucht, wenn es um die Ausgestaltung der jüdischen Feiertage geht – sei es das Lesen der Megillat Esther an Purim, das Organisieren eines Seder-Abends, das Schofar-Blasen an Rosh Ha-Schana oder das Schütteln und Erklären der vier Arten an Sukkot.
Mitunter fühlen die jungen Leute aber auch das Bedürfnis, noch weit über die definierten Praktikumsaufgaben hinauszugehen. Schraga Yaakov Ponomarov, der sich im Berliner Rabbinerseminar ausbilden lässt und schon in Kiel, Osnabrück, Leipzig und Chemnitz unterwegs war, will deutlich mehr junge Juden erreichen, als derzeit in den Gemeinden anzutreffen sind. Dafür, so Ponomarov, „bin ich gern bereit, den Unterricht auch mal in ein Starbucks Café zu verlegen oder an beliebten Freizeitaktivitäten wie Kartwagen-Rennen oder Klettern teilzunehmen.“
Neben der häufig spärlichen Präsenz von Jugendlichen erleben die künftigen Rabbiner vor Ort auch, dass sich längst nicht alle Gemeindemitglieder als religiös verstehen. Doch darauf reagieren sie erstaunlich gelassen. Ponomarovs Studienkollege Nosson Wolf Kaplan, derzeit in Cottbus und Potsdam aktiv, erklärt: „Ich habe kein Problem damit, wenn auch säkular denkende Menschen zu uns kommen. Im Gegenteil – jeder Jude ist in der Gemeinde willkommen! Ich selber stamme aus einem nichtreligiösen Umfeld, daher ist mir das alles nicht fremd.“ Ganz ähnlich sieht das AGK-Student Fabian Sborovsky, der bereits in Göttingen und Düsseldorf im Einsatz war: „Gemeinschaft ist einer der besonderen Schätze unserer Tradition. Die Leute müssen einfach nur ins Gespräch miteinander kommen, egal ob sie nun in religiösen oder in weltlichen Kategorien denken. Zur Zukunft des gemeinsamen Judentums tragen sie alle bei.“
Auf so viel Offenheit und Enthusiasmus reagieren die meisten Gemeinden positiv. Ingrid Wettberg, die Vorsitzende der Liberalen Gemeinde in Hannover, weiß zu berichten: „Rabbiner- und Kantorenstudenten kommen, engagieren sich und genießen sofort hohe Akzeptanz.“ Besonders beliebt sind solche Praktikanten, die über Kenntnisse des Russischen verfügen. Und in manchen Fällen stimmte die „Chemie“ zwischen Gemeinde und Rabbinerstudent schon so gut, dass eine dauerhafte Verpflichtung die nahezu logische Konsequenz wurde. So bei Yuriy Kadnykov in Hannover und bei Alexander Nachama in Dresden, die als einstige Praktikanten nunmehr am selben Ort als beliebte Rabbiner agieren.