13. Jahrgang Nr. 2 / 28. Februar 2013 | 18. Adar 5773

Anatomie einer Lüge

Eine Verleumdungskampagne versucht, den „SPD-Wald“ in Israel zu verhindern

Von Stephan J. Kramer

Es ist keine Seltenheit, dass Israel-Hasser in Deutschland versuchen, die Öffentlichkeit durch antiisraelische Verleumdungskampagnen gegen den jüdischen Staat einzustimmen und Israels Interessen zu verletzen. Angriffe dieser Art sind in der Regel mit grober Nadel gestrickt und beruhen auf offenkundig falschen Informationen. Indessen hoffen ihre Initiatoren, ein möglichst großer Teil der Bundesbevölkerung sei über die Lage in Israel und Nahost nicht gut genug informiert, um die maliziösen Verfälschungen zu enttarnen. Deshalb stellen die Verleumder durchaus ein Risikopotenzial dar und dürfen nicht ignoriert werden.
Ein krasses Beispiel ist ein vom „Palästinakomitee Stuttgart“ verfasstes Pamphlet, das dieser Tage die Runde macht. Das Komitee kämpft gegen den „SPD-Wald“, den die deutsche Sozialdemokratie zu Ehren des 65. Geburtstages des jüdischen Staates als Teil des bestehenden „Waldes der deutschen Länder“ im nördlichen Negev pflanzen will. In einem „offenen Brief“ an führende SPD-Politiker fordert das Komitee von den Adressaten, ihre Unterstützung für den Wald zurückzuziehen.
Das Pamphlet verteufelt insbesondere den Jüdischen Nationalfonds (JNF beziehungsweise KKL), Israels größte Umweltorganisation, die seit der Staatsgründung im Jahr 1948 das Land durch Wiederaufforstung vor schwerwiegenden ökologischen Schäden bewahrt. Bisher hat der KKL rund 260 Millionen Bäume gepflanzt. Die von den Israelis dabei gemachten Erfahrungen sind auch bei der Verhinderung der Wüstenbildung in anderen Ländern und Weltregionen hilfreich.
Ganz anders sieht es das „Palästinakomitee“. Bei ihm mutiert der KKL zu einem Monster, dessen Aktivitäten „eng mit Ausgrenzung, Vertreibung und Enteignung der PalästinenserInnen verbunden sind“. Laut dem Papier werden KKL-Bäume auf Böden gepflanzt, die vertriebenen Palästinensern gehören. Im Rahmen des vom „Palästinakomitee“ beanstandeten KKL-Entwicklungsplans für die Negev-Wüste wiederum sollen, so ein weiterer Anklagepunkt, „70.000 PalästinenserInnen zwangsumgesiedelt werden“. Als Heimat für sie sehe Israel „ärmliche Planstädte“ vor. Dabei werden die israelischen Beduinen, die israelische Staatsbürger sind, durchgehend als „Palästinenser“ bezeichnet.
Die Wahrheit ist, versteht sich, anders, als die Propagandisten es vorgaukeln wollen – und zwar nicht nur, weil der KKL ausschließlich auf staatseigenem Boden und auf Anweisung der staatlichen Bodenverwaltung pflanzt und damit keine Streitpartei bei Eigentumsfragen ist. Baumaschinnen des KKL dienen nur zur Bodenaufbereitung und zu Pflanzungen, werden aber nicht, wie im den „offenen Brief“ behauptet, zur Zerstörung von Gebäuden eingesetzt.
Auch die Anschuldigung, der KKL pflanze auf Böden, die arabischen Eigentümern gehörten, gehört ins Reich der Fantasie. Sie wurde in Dutzenden von juristischen Prüfungen nach der Vorlage historischer Zeugnisse wie Eigentumsregister und Urkunden aus der Osmanen-Ära (bis 1917) und aus der Zeit des britischen Mandats (bis 1948) sowie durch Luftaufnahmen aus der Mandatszeit widerlegt.
Das gilt auch für Behauptungen zu dem im „offenen Brief“ als Paradebeispiel genannten Dorf Al Arakib, dessen Boden KKL-Gegner vermeintlich vertriebenen Palästinensern zuerkennen möchten: Bei einer gerichtlichen Überprüfung der im Fall Al Arakib erhobenen Ansprüche konnten die Kläger für keinen Zeitpunkt Sesshaftigkeit oder Bodennutzung nachweisen. Wie aus osmanischen Dokumenten für das Jahr 1858 hervorgeht, gab es an der betreffenden Stelle keine feste Siedlung. Gleiches ergibt sich aus Erhebungen des angesehenen britischen Palestine Exploration Fund für die Jahre 1871 bis 1877. Für das Jahr 1945 zeigte eine Auswertung zeitgenössischer Luftaufnahmen, dass sich dort allenfalls Nomaden, aber keine sesshaften Einwohner aufhielten.
Die in dem Pamphlet erhobenen Vorwürfe, der KKL würde Böden von Beduinen im Negev an sich reißen, sind auch deshalb absurd, weil alle bestehenden Beduinenstädte im Negev in den letzten Jahren eine Ausweitung ihres Gebietes beantragt hatten. Der KKL hat daraufhin der Expansion der Ortschaften auf Kosten seiner Waldflächen zugestimmt. Zudem hat er auf Waldflächen zugunsten neuer Beduinenortschaften verzichtet.
Die vom „Palästinakomitee Stuttgart“ aufgestellte Behauptung, auch der Willy-Brandt-Wald in Galiläa sei ein Beispiel für die Vertreibung von Palästinensern, entbehrt ebenfalls jeder Grundlage. Der Willy-Brandt-Wald ist Teil des sogenannten Keshet-Waldes. Dieser aber befindet sich nicht einmal in der Nähe ehemaliger Wohnorte: Der Landstrich war bereits unter britischer Herrschaft Naturschutzgebiet.
All das bedeutet nicht, dass die Beduinenbevölkerung im Negev sorgenfrei lebt. Allerdings ist Israel nicht das einzige Land der Welt, in dem der Übergang nomadischer Bevölkerungsgruppen zur Moderne Schwierigkeiten mit sich bringt. In den letzten Jahren unternimmt Israel zahlreiche Schritte, um die Lebensbedingungen der Negev-Beduinen zu verbessern. Dazu gehören Maßnahmen zur Förderung der Partizipation am Arbeitsleben, beispielsweise durch die Schaffung wohnortnaher Gewerbeansiedlungszonen. Dies ist insbesondere für Frauen von Bedeutung. Im Januar 2013 hat die israelische Regierung ein Programm zur Förderung der Ansiedlung sowie der Wirtschafts- und Sozialentwicklung der rund 200.000 Beduinen im Negev verabschiedet.
Wenn von Rassismus die Rede ist, so ist er allenfalls beim „Palästinakomitee Stuttgart“ zu finden. In seinem Schreiben fordert das Komitee die Adressaten auf, kein Geld für KKL-Projekte zu spenden, sondern Bäume in palästinensischen Gärten zu finanzieren, denn dort wäre dies eine „wirklich umweltfreundliche Maßnahme“. Soll das heißen, dass „jüdische“ Bäume die Luft verpesten, während „palästinensische“ Bäume sie reinigen?
Es ist zu hoffen, dass solche Hasspropaganda in Deutschland kein Gehör findet. Der geplante „SPD-Wald“ wird die Lebensqualität aller Bewohner der Region verbessern, ob sie nun Juden oder Araber sind. Dem Projekt ist viel Erfolg zu wünschen.

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland