13. Jahrgang Nr. 2 / 28. Februar 2013 | 18. Adar 5773

Nägel mit Köpfen

Der Zentralrat der Juden in Deutschland gründet eine Bildungsabteilung

Zukunft 13. Jahrgang Nr. 2
Zukunft 13. Jahrgang Nr. 2
Von Heinz-Peter Katlewski

Es wurde schon häufig darüber gesprochen, am 31. Januar wurden endlich Nägel mit Köpfen gemacht: Mit einem programmatischen Grußwort eröffnete Dr. Dieter Graumann die neue Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland. Zugleich rief der Zentralratspräsident eine „Bildungsoffensive“ aus. „Seit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem vor rund 2.000 Jahren wurden unsere heiligen Schriften und unser jüdisches Wissen zum portativen Tempel“, betonte Dr. Graumann. „Bei uns waren immer die Gelehrten die Geehrten.“ Das große Ziel, auf das sich das Projekt „Bildungsabteilung“ zubewegen werde, sei eine jüdische Akademie, eingebunden in die Struktur des Zentralrats.
Das erste Jahresprogramm der Bildungsabteilung stellten der Erfurter Professor für interkulturelle und internationale Pädagogik, Doron Kiesel, und die Diplompädagogin Sabena Donath in Berlin vor. Sie leiten die neue Einrichtung. Deren Veranstaltungen, so der Plan, sollen sich vorerst an Mitglieder jüdischer Gemeinden richten. Zielgruppe sind vor allem junge Erwachsene und Jahrgänge mittleren Alters. Aus ihnen, hoffen die Programmleiter, könne mit der Zeit eine neue jüdische Elite erwachsen, die auch zu den großen Debatten der Gesellschaft einen jüdischen Beitrag leiste.
Die Themen, die die neue Abteilung anvisiert, kreisen um „Jüdisches Wissen“, „Politik und Gesellschaft“ und gemeindepraktisch ausgerichtete Fortbildungen. Dabei wird jüdisches Wissen nicht traditionell im Sinne von Tora-Lernen verstanden. Die Bildungsabteilung will weder eine Jeschiwa oder Midrascha sein, noch die Themencollagen des Lernfestivals „Limmud“ ersetzen. Aber wie bei diesen ist es auch ihr Auftrag, einen Beitrag zur Festigung jüdischer Identität in Gemeinde und Gesellschaft zu leisten. Das wird mit anspruchsvollen Literaturwerkstätten und politischen Fachtagungen, mit Lehrveranstaltungen, Arbeitskreisen, Podien, aber zum Beispiel auch mit kreativen Methoden der Theaterpädagogik erfolgen. Eine fruchtbare Auseinandersetzung mit zeitgenössischen jüdischen Denkern in Literatur und Geisteswissenschaften ist ausdrücklich erwünscht.
Bereits für April ist ein Highlight geplant: eine Tagung um die ebenso berühmte wie eigenwillige deutsch-jüdische Philosophin und Politikwissenschaftlern Hannah Arendt (1906–1975). Den Anlass dafür lieferte Margarete von Trottas aktueller Kinofilm, der vor allem Hannah Arendts Berichterstattung aus Jerusalem über den Prozess gegen Adolf Eichmann in den Mittelpunkt rückt. Während der zweitägigen Konferenz sollen Leben und Werk dieser einflussreichen politischen Theoretikerin der Nachkriegsjahre gewürdigt werden.
Im Bereich „Politik und Gesellschaft“ geht es darum, potenziellen Nachwuchskräften der jüdischen Gemeinschaft im deutschsprachigen Raum ein Forum zu geben, außerdem werden Einwanderung und Integration aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert, und schließlich will eine Sommerakademie Israel, Israelkritik und Antisemitismus mit Filmen und einem Argumentationstraining bearbeiten.
Die meisten Veranstaltungen sind ergebnisoffen und dialogorientiert angelegt und damit typisch für den Charakter einer Akademie. Als Vorbild dienen dabei weder wissenschaftliche noch künstlerische Bildungsstätten und Forschungszentren, sondern die evangelischen, katholischen und politischen Akademien, die nach 1945 in Deutschland entstanden sind. Charakteristisch für deren Arbeit ist eine Atmosphäre, in der widerstreitende Positionen miteinander in ein fruchtbares Gespräch treten können. Es waren solche Akademien, in denen seit den fünfziger Jahren der jüdisch-christliche Dialog entfaltet wurde und die in den sechziger Jahren die neue deutsche Ostpolitik vorbereiteten.
Die große Idee einer Jüdischen Akademie war deshalb beim Eröffnungsakt in aller Munde, obwohl Erfahrungen mit diesem Tagungskonzept erst gemacht werden müssen. Trotzdem ließen es sich Podiumsteilnehmer und Publikum nicht nehmen, ihre Wünsche und Erwartungen jetzt schon klar zu formulieren. Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Professor Micha Brumlik hofft, der dialogische Stil einer Akademie trage dazu bei, zwischen religiösen und nichtreligiösen, liberalen und orthodoxen Juden Brücken zu schlagen. Er denkt auch bereits an einen offenen Dialog mit der Mehrheitsgesellschaft. Dafür schlug Brumlik in Berlin Themen vor, zu denen Juden originäre Beiträge zu leisten vermögen – Bio- oder Wirtschaftsethik zum Beispiel. Rabbiner Josh Spinner, Vizepräsident der Ronald S. Lauder Foundation, betonte die Notwendigkeit, die jüdischen Quellen auszudeuten und nicht so sehr die säkulare Welt in den Blick zu nehmen. Die Studentin Rifka Ajnwojner verlangte einen theologischen Diskurs, der auch Themen wie Homosexualität angehe, bei denen die Lebensgestaltung von Menschen im Konflikt zur Lehre stehe.
Der vorherrschende Wunsch im Publikum war, dass die Bildungsabteilung ihre Veranstaltungen dezentral im ganzen Land anbietet. Solche Kurse soll es – nach den bisherigen Planungen – auch tatsächlich geben, und zwar in Kooperation mit örtlichen Trägern der jüdischen Erwachsenenbildung, etwa jüdischen Volkshochschulen oder Lehrhäusern. Im Regelfall aber werden Doron Kiesel und Sabena Donath die Teilnehmer nach Berlin-Mitte in die Seminarräume der Bildungsabteilung einladen.
Für den Zentralratspräsidenten Dr. Graumann verkörpert das Projekt Bildungsabteilung beziehungsweise Jüdische Akademie einen Aufbruch der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland: „Wir wollen uns moderner und frischer positionieren und zeigen, dass wir nicht nur Kritik und Gedenken zu bieten haben – so wichtig das ist und bleiben wird. Wir wollen die positive Kraft des Judentums zeigen, und Bildung gehört nun wahrlich dazu!“